Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1920)
- Date
- 1920-03-05
- Page
- Seite 115 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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115 Nicht anders steht es mit dem Bemühen antisemitischer Geschichtsverfalschung, als seien die Juden im Mittelalter freiwillig zum Geldhandel, zum Wucher und zum Schacher abgewandert, weil hier die größten Gewinne zu erzielen waren. Selbst Eideshelfer, wie Sombart, können die Tatsache nicht aus der Welt schassen, daß die Juden im früheren Mittelalter in allen Berufen anzutreffen waren, vorzüglich auch in der Landwirtschaft und im Handwerk, ja sogar, zum Beispiel wie in Spanien, im Soldatenstand. Erst die zünftige Gliederung, das in Deutschland zur Reinkultur gelangte Kastenwesen, hat den Juden allmählich aus allen anderen Gewerben herausgedrängt und die Gleichung Juden und Händler geschaffen. Nicht von innen heraus hat der Jude sich vom Bauern zum Händler gewandelt, sondern seine Daseinsbedingungen haben sich unaufhörlich verschlechtert, und seine Anpassung könnte ein Schulbeispiel darwinistischer Lebensbetrachtung bilden. Der Prozeß der wirtschaftlichen Gesundung macht auch heute nur langsame Fortschritte; die geheime Sehnsucht nach den mittelalterlichen Grundsätzen: ungleiches Recht für alle sozial Geschiedenen, und je weniger Rechte, desto mehr Pflichten ist in vielen Jnteressentengruppen noch sehr lebendig. Die modernen Erdrosselungsmittel des Verrufs, der Prozentnorm bei der Aufnahme in die Schulen und manches ähnliche beweisen das zur Genüge. So widerlegt Professor Elbogens Schrift ein antisemitisches Dogma nach dem anderen. Nicht zuletzt jenes, daß der nationale Haß gegen die jüdische Minderheit nur eine Antwort auf den Hochmut und Völkerhaß. des Judentums sei, wohl gar aus dessen hochverräterische Weltherrschaftsgelüste. Was es hiermit in diesem Kriege auf sich gehabt hat, ist ja jüngst von Hans Gos lar in seiner vortrefflichen Broschüre klargestellt worden. Aber auch die ganze jüdische Geschichte zeigt den Zusammenhang von nationaler Hochspannung mit dem Ausbruch des Fremdenhasses ganz besonders in Deutschland. Der Nationalismus war hier stärker als anderswo durch Humanität gebunden, ja durch Fremdländerei gedämpft, aber doch fast immer gegen die Juden gekehrt. Seine modernen Orgien haben sogar den jüdischen Nationalismus galvanisiert; nicht nur Polen, Dänen, Elsässer, sondern auch Juden sind unter die Aktivisten gegangen. Auch für die Nachkriegszeit ist also unser Buch für alle, die es mit Deutschlands Wiedergeburt gut meinen, eine besinnliche Lektüre. „Die dem Frieden und der Verständigung dienen soll." So spricht es der Verfasser in seinem Vorworte aus. Wir haben schon bemerkt, daß wir diesen Prozeß zu fördern suchen sollten, wo immer auch nur eine schwache Aussicht auf Erfolg besteht. Nicht wenige führende christliche Gelehrte haben noch zu Beginn des Krieges den Ruf nach Verständigung erhoben und werden die hier gebotene Gelegenheit nicht ungenützt lassen. Sie werden zunächst Bedenken tragen, ihre bessere Ueberzeugung laut zu bekennen, solange der judenfeindliche Chorus diesen Freimut mit persönlicher Ehrabschneiderei und gröbster Beschimpfung bekämpft. Aber der Mitläufer des Judenhasses ä taut prix, die nichts!so fürchten als die objektive Wahrheit, werden doch immer weniger werden. Nicht unerwähnt möchten wir lassen, daß Elbogens Schrift auch innerpolitisch in den jüdischen Kämpfen eine gute Wirkung bei allen Parteien erzielen könnte. Unsere überstrengen Legitimisten werden ihre Augen nach dem kulturarmen, polnischen Osten wenden und erkennen, wohin die einseitige Ueberspannung ihrer Prinzipien führt, nämlich zum Mystizismus oder zum Bundismus. Jede, auch rein geistige Herrschaft, die zur Knechtung auszuarten droht, sieht heute ihre Stützen wanken. Statt alle, die dagegen aufbegehren, in den Bann zu tun und sie als weiter vom wahren Judentum entfernt zu kennzeichnen, als je der Protestantismus vom Katholizismus gewesen, wird unsere Trennungsorthodoxie sich zur Herstellung der inneren Einheitsfront bereitfinden müssen, und gern wollen wir gewisse Anzeichen dafür günstig deuten. Der Liberalismus wird seine theoretischen Grundlagen erneut prüfen und mehr Sorgfalt auf geschichtliche Verknüpfung verwenden müssen, um die große Linie des Judentums nicht zu verfehlen. Gute Dienste wird die schlichte Sachlichkeit der Elbogenschen Darstellung auch für die Nachprüfung der Ideologien unserer Nationalisten und ihrer Gegner im deutschen Judentum leisten. Der Zionismus wird anerkennen müssen, daß in der jüdischen Geschichte Autonomie immer nur gewährt wor-! den ist gegen Stellung unter ein Fremdengesetz, und sich fragen, ob er bereit ist, einen solchen Preis zu zahlen? Alles, was darauf abzielt, einen Staat im Staate zu bilden, und sei es auch nur die Umwandlung der Kultusin die Volksgemeinde, kann auch von der freiesten Demokratie nicht ertragen werden. Unser Volkstum darf sich einer Verschmelzung nicht gewaltsam widersetzen; unsere Staatsgesinnung muß eine einheitliche sein. Das bedeutet aber nicht, daß die nichtzionistische Judenheit angesichts der geschichtlich tief wurzelnden und immer noch begreiflichen Fremdheit ihrerseits dies gleiche Bewußtsein sorgsam verleugnen müsse und die automatische Assimilation aktiv bis zur würdelosen Nachäffung und Selbstentäußerung treibe! Im Gegenteil. Diese anders gerichteten Juden sollen sich der wirklichen, rein geistigen Grenzlinie bewußt werden, die offenbar nur die religiösen Geschichts- und Zukunftswerte umschließen darf. Ihre Führer müssen ihr das Altneuland ihrer jüdisch-religiösen Kultur weisen; und sie sind bereits mitten in der Arbeit. Unser deutsches Vaterland muß unendlich schwer büßen, weil es aus seiner Geschichte nicht genügend gelernt, noch die Zeichen des Weltgeschehens richtig gedeutet hat. Darf eine Gemeinschaft wie die unserige die gleichen Fehler begehen? Der Geschichtschreiber hat mit dem Griffel der Wahrheit geschrieben, kurz und bequem für jedermann. Leset und lernet! Oiseite moniti! Srikke an nnrn freund, der krmkellwnslas werden wollte. Von Dr. Willy Cohn. Mein lieber Freund! ie ich erfahren habe, trägst Du Dich mit einem schweren Entschluß; ich kenne Dich und weiß, daß Du eine derartige Absicht nie hegen würdest, ohne ernstliche Gründe dafür zu haben, denn Leichtfertigkeit ist Dein Fehler nie gewesen! — Wenn Du also überhaupt nur die Möglichkeit ins Auge gefaßt hast, konfessionslos zu werden, so muß Dich irgend etwas dazu veranlaßt haben, was Dein Seelenleben so erschüttert hat, daß Du dem Judentum den Rücken kehren willst! — Du willst den Glauben der Väter ausgeben, willst aus einer Gemeinschaft austreten, die Jahrtausende hindurch ihr Ehrenschild rein erhalten hat, die die Wiege aller monotheistischen Religionen geworden ist und deren Lehren die reine Gotteslehre darstellt! Ich sehe Dich, mein lieber Freund, dessen Entwicklung ich von Jugend auf verfolgt habe, wie Du als Schulbub an der Hand des Vaters ins Gotteshaus gegangen bist, wie Du voll Inbrunst den alten, heiligen Melodien gelauscht hast und wie Deine Augen beim Klange der Orgel von geheimnisvollem Leuchten erstrahlten! Und war der Gottesdienst beendet, so gingst Du innerlich gehoben mit Deinem Vater fort ins Elternhaus, wo Dich die Mutter bei den angezündeten Lichten erwartete und der Vater im Gebet den Segen des Allmächtigen auf Dein Haus herabflöhte,