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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-03-05 · Heft 10 (5.3.1920) · p. Seite 114

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 10 (5.3.1920)
Date
1920-03-05
Page
Seite 114 (sequence 6)
Language
German
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- 114 er in Warschau mit Petljura Mitte Januar gehabt hat. Petljura leugnet entschieden jede Mitschuld der ukrainischen Regierung an den Judenpogromen. Der Judenhaß, ein Ueberbleibsel des alten zaristischen Regimes, sei unter den Bauern sehr stark, und die ukrainische Regierung war anfangs zu schwach, um gegen die Anarchie auskommen zu können. Sobald sie nur der Lage Herr geworden war, unterdrückte sie die.Pogrome und bestrafte die Schuldigen. Ataman Simosenko, der Veranstalter „des Preskurower Blutbades, handelte gegen die ihm erteilten Instruktionen und sitzt jetzt in Haft. Die Juden allein müßten begreifen, daß die Frage der- Pogrome nicht durch Proteste unld Appelle gelöst werden könne. Vor allem sei Aufklärungsarbeit nötig, die am besten mit Hilfe der Juden geführt werden kann. Eben deshalbwurden die Juden eingeladen, eine Untersuchungskommisston nach'der Ukraine zu entsenden. Es ist gut, wenn die Juden der ganzen Welt die Wahrheit erfahren. Dieser Kommission wird das ganze Material vorgelegt werden, und die Regierung sei bereit, jeden zu bestrafen, der von dieser Kommission schuldig befunden wird. * Einem Aussatz der letzten Nummer des „Haolarn" entnehmen wir die folgenden Daten über die Juden in Finnland: Bis zum Jahre 1918 >gab es in Finnland fast gar keine Juden. Die wenigen, die sich dort aufhielten, waren ausnahmslos russische Untertanen, die alle Halbjahre zu erneuernde Aufenthaltsbewilligungen hatten. Ihr Schicksal hing von dem Wohlwollen der Gouverneure ab> die nach ihrem Gutdünken die Bewilligung erteilten oder ganze Familien plötzlich des Landes verwiesen. Irgendwelche politische oder Bürgerrechte hatten die Inden damals nicht. Selbst aus dem Gebiete des Handels, der einzigen Beschäftigung, der die Juden nachgehen durften, waren ihre Rechte äußerst beschränkt. Die Freizügigkeit war ihnen nur in den drei Städten: He'lsingfors, Abo und Wiborg gegeben. Da jedoch im Sinne der schwedisch-norwegischen Gesetze Juden aus Rußland und anderen Ländern der Aufenthalt im Lande verboten war, erreichte die Zahl der tolerierten Juden niemals eine bedeutende Höhe. Die natürliche Folge davon war, daß unter den in Finnland lebenden Juden jede soziale, politische oder miss enjschaftli che Regung fehlte. Heute zählt man in Finnland rund tausend jüdische Seelen, darunter im ganzen bloß zwei Aerzte, zwei Ingenieure, einen Rechtsanwalt, einen Redakteur und einen Chemiker. An -der Hochschule gibt es nicht wehr als zwölf jüdische Schüler und Schülerinnen. Das bemerkenswerteste ist, daß hier noch keine jüdische politische Vereinigung oder Organisation bestcht und überhaupt keinjüdisches Proletariat vorhanden ist. In weiterer Folge dieses Zustandes gibt es in, Finnland vorläufig auch keinen eigentlichen Antisemitisamis^ weder einen offiziellen, noch einen gesellschaftlichen. Dieses Verhältnis hat sich auch durch Schaffung des Gesetzes über die Gleichbereckitigung der Juden, durch welche ein großer Teil .der in Finnland ansässigen Juden zu finnländischen Staatsbürgern erhobenwurde, in keiner Weise geändert. Die firat« ländischen Juden konnten ungehindert zu einer Organisation ihres öffentlichen jüdisch-kulturellen Lebens schreiten. * Die Jirden im Kaukasus. Ganz entlegen im Kaukasus gibt es Orte, an welchen Juden in Frieden, Freiheit und Sicherheit leben. Drei kleine, während des Krieges gegründete Republiken: Aserbeidschon. Grüften und Daghastan, die an der Grenze zwischen Europa und Asien gelegen sind, bilden diese Zufluchtsstätlen. Die Zentren dieser glücklichen jüdischen Bevölkerung sind die drei respektiven Hauptstädte, nämlich Baku, Tiflis und Babrosk. Bor de-m Kriege waren die jüdischen Gemeinden dieser Städte klein. Die während des Krieges erfolgte Ausweisung der Juden aus Litauen und die russische Revolution von 1917 vergrößerten diese Gemeinden, und die Flucht der Juden vor dem bolschewistischen Terror brachte nicht nur erneuten Zuwachs, sondern auch eine interessante kulturelle Bewegung mit sich. Da die kaukasischen Juden dauernd von Rußland abgeschlossen waren, begannen sie mit der Schaffung eigener Zeitungen und Schulen. Während es vor dem Kriege kein einziges jüdisches Organ gab, werden jetzt sechs jüdische Zeitungen herausgegeben, zwei in russischer Sprache und je eine in hebräischer, jüdischer, tatarischer und grusinischer Sprache. Die letztgenannte erscheint in der Stadt Kutais. die anderen fünf in Baku. Im Stadttheater von Baku werden jüdische Stücke aufgesührt. und unter den dortigen Schulen befindet sich ein Lehrerseminar. Baku war vor dem Kriege die Hauptstadt des gleichnamigen russischen Gouvernements. Damals waren weniger als zehntausend Juden im ganzen Gouvernement. Seit der Gründung der neuen kaukasischen Provinz jedoch wurde dieser Teil des alten russischen Reiches den Juden geöffnet, was die berichteten Ergebnisse mit sich brachte. („Wiener Morgenzeitung".) Orot. Lldogens „Grlchichte der f tränt“. Von Rabbiner Dr. S. Samuel (Essen). ie kurzgefatzte „Geschichte der Juden seit dem Unter-' gange des jüdischen Staates" verdient nicht nur literarisch. sondern auch politisch gewertet zu werden. Ihr Verfasser, einer unserer vornehmsten Fachgelehrten, nennt sie bescheidentlich „ein verspätetes Kriegsbuch", well es den jüdischen Soldaten zur Selbstbesinnung dienen sollte. Nach bestandenem Weltkrieg haben die deutschen Juden aber ganz allgemein eine erbitterte Offensive im Lande abzuschkcrgem: dafür kommt unser Kriegsbuch gerade zur rechten Zeit. Schon daß jüdische Wissenschaft in der streng neutralem Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt" erscheint, bedenket: eine gewonnene Schlacht. Wenn wir diesen vorgeschobenen: Posten verwerten und auNbauen, so machen wir damit morcv-' lische Eroberungen von größter Tragweite. Selbst die hartnäckigste Voreingenommenheit gebildeter Stände wird vor der Aegide des Tenbnerschen Verlages die Segel streichen. Keine Bedenklichkeit darf uns hindern, dieser Schrift aus jede Weise Eingang bei den Intellektuellen im anderen Lager zu verschaffen. Immer mehr solcher Schriften in ähnlichen Sammlungen, welche strengste Wissenschaftlichkeit mit edler Volkstümlichkeit verbinden, und wir können den Ausschluß jüdischer Wissenschaft von Universitäten und sonstigen Hochschulen leichter verwinden. Mag die zünftig-zopfige Wiffenschaft sich dann immerhin dem Dogma ihrer Theologen unterwerfen, daß das Judentum mir noch ein Scheinleben führe, ein Zweig aus fremder Wurzel sei, oder wie die Schlagwörter sonst lautem. — die stetig wachsenden, bildungshungrigen Massen des Volkes; urteilen anders. Sie wollen die Wahrheit wissen und aufgeklärt werden; sie fühlen deutlich, es kann keine absterbende Macht sein, um die so leidenschaftlich gekämpft wird. Hier finden sie, was sie brauchen; und den Vorteil wird nicht der. Antisemitismus, sondern die Wahrheit haben. Gerade den wirksamsten, gefährlichsten und zugkräftigsten Behauptungen des modernen, auchwissenschaftlichen Antisemitismus, den gröbsten Entstellungen und Verleumdungen wird hier gründlich der Boden entzogen. Wie geschickt kam man doch den dogmenfeindlichen Kreisen der christlichen Welt entgegen, indem man ausstreute, es habe sich niemals um eine Bekämpfung des Judentums als Religion gehandelt, am wenigsten heute. Auch aus der gedrängten Ueberstcht unserer Schrift geht mit erschreckender Deutlichkeit hervor, daß die mittelalterliche Kirche und ihre wichtigsten Einrichtungen, Papsttum, Konzilien, Kreuzzüge, Orden und Inquisition, auf die systematische Unterdrückung des jüdischen Glaubens hinarbeiteten, und wo immer die Kirche die Macht besaß, den Juden das Leben zur Hölle wurde. Darum werden wir auch die noch unvergessenen Prämien für Judentausen ebenso wie die Beschimpfung unserer Religionsschriften als religiösen Antisemitismus bewerten, auch wenn er von ungläubigen Christen geübt wird. Hier wirken die Schwingungen jahrhundertelangen Glaubenshasses unbewußt nach. Wir werden also die Machtsphäre des Staates stärken, damit er nie wieder zum Büttel irgendeiner unduldsamen Kirche werde, sondern durch seine Verweltlichung erst die Freiheit der verschiedenen Bekenntnisse, sicherstelle.

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