Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1920)
- Date
- 1920-03-05
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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112 - Presse vielfach die Rede gewesen von den gewaltigen Verfehlungen, die sich angeblich die Geschoßfabrik von Gebrüder Heidelberger in Frankfurt a. M. hat zuschulden kommen lassen. Es soll sich dabei um Bestechungen größten Umfanges handeln, ferner um die Unterschmuggelung zurückgewiesener, minderwertiger Zünder unter neue Geschoßsendungen an die Front. Da dieser das größte Aufsehen erregende Fall in der antisemitischen Presse bereits gegen die Juden ausgebeutet wird, so haben wir einwandsfrei festgestellt, daß die Gebrüder Heidelberger christlicher Religion und christlicher A b - st a m m u n g sind. *' Der „Jüdischen Korrespondenz aus Ungarn" entnehmen wir folgenden Artikel: Vor großen Entscheidungen. Tie Wahlen für das ungarische Abgeordnetenhaus haben eine überwiegende Majorität des christlichen Blocks ergeben. Das ungarische Volk, von den Erschütterungen und Heimsuchungen der letzten Jahre aufs äußerste erschöpft, hat sich scheinbar von den Idealen und Weltauffassungen abgewendet, die weit über ein halbes Jahrhundert die Richtschnur seiner Politik gewesen, die, an die hehren Traditionen früherer Jahrhunderte anknüpfend, das Gedeihen dieses Landes in der Befolgung des wahren Freisinns gesucht. Wir können darüber nicht erstaunt sein, können daraus nicht dem ungarischen Volk einen Vorwurf machen. Wenn Männer wie Franz Herczeg sich unter dem Drucke der Ereignisse der letzten Jahre vom Liberalismus abwenden und sich in ihrer Verzweiflung von allem lossagen, was dereinst den Stolz und die unantastbare Wehr dieses Landes gebildet — wie sollten da die großen Massen nüchterner, kaltblütiger denken? Das ungarische Volk hat vorläufig sein politisches Verdikt gefällt, und das demnächst zur Tagung zusammentretende ungarische Parlament wird diesem Verdikt gemäß im Zeichen des konservativen christlichen Blocks stehen. Das Judentum Ungarns blickt der nächsten Zukunft mit Ruhe entgegen. Unseren ausländischen Glaubensbrüdern freilich erscheint unsere Zukunft in düsterem Lichte. Von vielfach übertriebenen Berichten über Judenverfolgungen irregeführr — von Berichten, die von den Gegnern Ungarns mit Freude ausgegriffen und aus politischen Gründen nach Möglichkeit noch greller aufgetragen wurden sehen sie hier schon die finsterste Reaktion hell auflodern, die sich gegen das Judentum als gegen den Sündenbock der Weltgeschichte richtet. Wir aber, die wir die Ereignisse aus nächster Nähe gesehen, die wir mit diesem Volke leben, dessen auf Gedeih und Verderb unzerreißbarer Teil wir sind, wir, die wir uns angesichts der vorausgesehenen, eine natürliche Folge der Kriegserschöpfung 'bildenden Hetzereien unseren klaren Blick «gewahrt: wir rufen unseren Glaubensbrudern im Auslande zu: fürchtet nichts für das ungarische Judentum! Mit diesem Lande sind wir für ewige Zeiten verknüpft, in diesem Lande können und wollen wir unser Heil erwarten! Wir sind geblieben, was wir waren: ungarische Bürger jüdischen Glaubens, und von diesem Bekenntnis wird uns keine Wühlerei abspenstig wachen — ob sie nun von innen oder von außen kommt. Wir wissen, daß die Traditionen des alten Ungarn, die Traditionen eines Kossuth, Petösi, Jokai, Sziläghi, Tisza, nicht aus dem Herzen dieses Volkes vertilgt werden können; wir wissen, .'daß keine Strömung auf Erden — und mag sie vorübergehend noch so überwältigend auftreten — das Prinzip der bürgerlichen Gleichberechtigung aus dem Herzen dieses Volkes auszurotten vermag. Furchtlos und ruhig, blicken wir ungarische Juden der Zukunst entgegen. Die Wolken, die sich über unseren Häuptern zusammengeballt, werden vor den siegreichen Strahlen der Sonne zerflattern. Ungarn wird auserstehen, wie es gewesen: als Hort der Freiheit, der Menschenrechte, als Schutzwehr der bürgerlichen Gleichberechtigung, als Verheißung der Gleichheit und Brüderlichkeit aller seiner Söhne! Wir haben den christlichen Block nicht zu fürchten. Man verwechselt ihn im Auslande oft mit dem lärmenden, marktschreierischen Antisemitismus. Er hat aber als politische Partei nichts mit ihm gemein, und sein Programm ist gegen die Destruktion, nicht «gegen das Judentum gerichtet. Wenn er von der christlichen Moral spricht, auf der das Ungarn der Zukunft auf-gebaut werden muß, so können wir ungarische Juden ihm rückhaltlos beistimmen -- ist doch diese Moral eine Tochter der jüdischen Moral und mit ihr identisch. Wenn er die nationale Richtung als Grundlage unserer Politik ausstellt, so können wir ungarische Juden uns getrost auf diesen Standpunkt stellen, waren wir doch stets nach dieser Richtung orientiert. Der einzige Unterschied zwischen dem christlichen Block und uns liegt nur darin, daß der Block auf kons e r v -a t i v e r, wir aus frei s i n n i g c r Basis das Heil des ungarischen Vaterlandes suchen, und eben deshalb können wir unentwegt, zuversichtlich aus das Rechtsg-esühl dieses Volkes, auf das Rechtsgefühl seines Parlaments bauen. Unseren Glaubensbrüdern im Auslande aber rufen wir zu: Fürchtet nicht für uns. wir werden mit unseren Gegnern in unserer Mitte fertig werden, wir werden unsere ungarischen Brüder aus eigener Kraft, mit unseren Handlungen über die Jrrtümer ausklären, denen sie vorübergehend zum Opfer fallen mögen. Wir verlangen, wir fordern eure Hilfe! Nicht zu diesem Straus, den wir bei uns und mit uns auszufechten haben, sondern darum, daß unsere losgerissenen Glieder uns wieder angesügt werden, daß unsere unter fremdes Joch gestellten Glaubensbrüder wieder mit uns vereinigt werden. Denn auch sie sind, was wir bleiben.- Söhne dieses ungarischen Vaterlandes denen nur von draußen her, nicht in unserer Mitte-, nicht im Schoße ihrer ungarischen Brüder Gefahren drohen. * Die erste Zionistenkonferenz nach dem Kriege. Die Sitzung des Großen Aktionskomitees der zionistischen Weltorganisation, die am 11. Februar in London eröffnet wurde und mehr als eine Woche dauerte, war die erste Zusammenkunft zionistischer Delegierter aus allen Ländern der Welt nach dem Kriege. Vertreten waren u. a. folgende Länder: England, Frankreich, Rußland, Amerika, Aegypten, Südafrika, Belgien, Holland, Bulgarien, Türkei, Polen, Oesterreich, Tschechoslowakei, Palästina. Aus Deutschland nahmen die Mitglieder des Engeren Aktionskomitees, Professor Marburg und Tr. Hantke sowie die Herren Dr. Alfred Klee, Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Dr. F r i e d e m a n n und Justizrat Dr. Bodenheimer (Köln) teil. Die Generaldebatte über die politische Tätigkeit nahm mehrere Tage in Anspruch und endete mit der einstimmigen Annahme der vom Vertreter der deutschen Zionisten, Dr. Klee, eingebrächten Resolution, durch die das Große Aktionskomitee der Exekutive, insbesondere den Herren Professor Dc. Weizmann und Nah um So ko low, uneingeschränktes Vertrauen ausspricht und das Engere Aktionskomitee beauftragt, seine Arbeit nach den gleichen politischen Richtlinien fortzusetzen. Nach Beendigung der politischen Debatte wurden insbesondere die Fragen der Gründung der hebräischen Universität in Jerusalem und der Technischen Hochschule in Haifa beraten. Nach den Vorschlägen der Leitung soll Zunächst ein physikalisches, ein chemisches und ein mikrobiologisches Institut gegründet werden sowie für die humanistischen Fächer ein hebräisches Institut, das allmählich zu einem Institut für Orientalistik ausgebaut werden soll. Das Technikum in Haifa, dessen Gebäude von Herrn Jak o b Schiff in New Uork für die Zionistische Organisation angekaust wurde, soll eine Ingenieurschule sein. Weiter soll eine landwirtschaftliche Versuchsstation und ein archäologisches Institut gegründet werden. * Mitterand an die Zionisten. „The Zionist Bulletin" (London) vom 18. Februar meldet: Der Zionistensührer Sokolow erhielt vom französischen Ministerpräsidenten Millerand folgenden Brief: „Ich habe von Ihrem Schreiben vom 9. Februar betreffend Errichtung eines jüdischen nationalen Heims in Palästina Kenntnis genommen. Sie brauchen nicht daran zu zweifeln, und mit Vergnügen erneuere ich Ihnen die Zusicherung, daß die französische Regierung weiter ihr Interesse an der Errichtung eines solchen nationalen Heims im Ursprunglande einer Rasse, die so reich mit Lebenskraft und Intelligenz ausgestattet ist wie die Ihrige, aufrechterhält. Alles was getan werden kann, um bei Erreichung -dieses Zieles behilflich zu sein — mit Berücksichtigung der Rechte und Interessen dieser in Ursprung und Religion so verschiedenen Bevölkerung, welche die Geschichte im nahen Osten vereinigt und vermischt hat — wird die Unterstützung Frankreichs genießen.