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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-03-05 · Heft 10 (5.3.1920) · p. Seite 111

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 10 (5.3.1920)
Date
1920-03-05
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
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in ^geführt." %h es Fritsch unterläßt, das Werk Wahrmunds nebst der Seitenzähl anzugeben, wo sich der in Rede stehende Ausspruch befindet, so läßt sich leider nicht feststellen, ob dort der Name des Professors Grätz genannt wird. Ist dies der Fall, so bliebe der Vorwurf der Fälschung an dem Professor Wahrmund haften. Sachlich hat freilich das Zugeständnis Fritsch', daß der in Rede stehende Ausspruch fälschlich dem Professor Grätz zugeschrieben wird, nur wenig zu besagen, denn Fritsch bleibt dabei, daß der Satz ein jüdisches Losungswort sei, und er schlachtet ihn gehörig nach der Richtung aus, daß er alle ' Revolutionen, die jemals in der Welt vorgekommen sind, als das Werk der Juden hinstellt. „Ohne Zweifel tragen ja auch wohl an all den häufigen Umwälzungen, die sich in den amerikanischen Zentralstaaten, in den Negerrepubliken usw. ereignet haben, nur die Juden die Schuld." Herrn Fritsch > aber ist auf das dringendste anzuraten, daß er auch bezüglich; der vielen sonstigen Lügen, Entstellungen und Unwahrheiten, ' die er auch in die neueste Auflage seines „Handbuches der ' Judenfrage" hinübergenommen hat, eine eingehende Gewissenserforschung anftellt. Er wird dann finden, daß er noch viel, sehr viel zu berichtigen hat. In der antisemitischen Literatur freilich hat das Eingeständnis Fritsch' Über die bezüglich des Professors Grätz verbreitete Lüge nicht die geringste ^Beachtung gesunden. So liest man die lügnerische Angabe 'beispielsweise in dem Werke von Wich. Meister „Judas Schuldbuch" auf S. 141. Der Verfasser, der nach den seitens des Verlages seiner Schrift verbreiteten Waschzetteln ein „Staatsmann in hoher Stellung" sein soll, hat es sich besonders angelegen sein lassen, in diesem Buche die landläufigen antisemitischen Lügen und Verleumdungen zusammenzutragen, und er beutet sie in der gehässigsten Weise aus. Es entspricht durchaus dem Taktgefühl dieses antisemitischen Pamphletisten, daß er sich ausgerechnet den Namen des Helden des berühmten Goetheschen Romans als Pseudonym für seine Schmähschrift ausgesucht hat. * Der Antisemitismus in der Provinz. In der letzten Nummer der „Weltbühne" gibt Ignaz W r o b e l den vertraulichen Bericht eines Offiziers vom 17. Januar wieder, der außerordentlich bezeichnend ist für die Pogromhetze, die jetzt im ganzen Reich getrieben wird: „Sie glauben gar nicht, wie gerade Hannover Stadt und Provinz augenblicklich der Schauplatz einer wahnsinnigen Agitation in reaktionärer Hinsicht ist. Man scheint allmählich eingesehen zu haben, daß der Arbeiter sich nicht mehr gegen den Arbeiter aushetzen läßt. Der verständige Arbeiter ist ja viel zu vernünftig und zu geschult, um nicht hinter diesem gangen Kram di« Reaktion zu sehen. Und nun ■ greift man zu einem anderen Mittel. Provinz Hannover ist z»m großen Teil nur landwirtschaftlich, Bund der Landwirte, deutschnational alias konservativ — nun, da hat man ja immer noch in ■ der großen Kiste ein paar Mittelchen, die, geschickt angewandt, als Mittel zum Zwecke dienen. Mit U. S. P. und K. P. D. ist es nichts, also nun so ein bißchen feuchtfröhliche Judenhetze. Sie glauben nicht, welche Formen das hier angenommen hat. In der gemeinsten Weise ' wird hier ein Haß ausgesät, der, wenn er aufgeht, die bedenklichsten Folgen haben kann. Hier hat man ein scheinbar ganz neutrales ' Mittelchen, um den Brand zu entzünden. Ist der Klamauk erst da, so kommt der wahre Charakter durch: die Reaktion. Es ist bezeichnend, daß die Judenhetze gerade von ^denen kultiviert wird, die früher Vaterlandswohl in Erbpacht zu haben Vorgaben . . . Aber hier muß ich sagen: Wohin soll das führen? Hier sammelt sich im stillen :ein Haß an, der, zum Brand entfacht, fürchterlich in die Erscheinung treten muß.. Unsere Provinz ist bislang die ruhigste gewesen, nie ist :es gelungen, uns Niedersachsen auszuputschen, aber jetzt mit der iinsamen Judenhetze, da heißt <§.: auf dem Posten sein. Es wird gar wicht mehr diskutiert, daß die Juden umgebracht werden sollen, sondern nur, wie, matt sie rimbringen will . . . Nach Mitteilung aus Bremerhaven hat man dort ja schon Stempel gefunden mit dem Umdruck: Germanisches Armeeoberkommando, Sektion Bremen — Mahlzeit, also so weit ist es schon! Sehen Sie den Reichshammerbund am, betrachten Sie die fortwährenden judenhetzerischen Aufputfchungen der. Reichswehr: hier handelt stch's tatsächlich um eine großangelegte Offensive. Strategisch und taktisch klar erkennbar. Man Putscht die deutschnationale Jugend auf, man putscht die Jungens in der Reichswehr auf. Diese gewissenlosen Leute wissen genau., daß die jungen Soldaten der Reichswehr, wie wir sie heute haben, Politisches Verständnis nicht besitzen. Durch das Siebshstem hat man es verstanden, alle, die kritisches Verständnis haben und gezeigt haben, an die Luft zu setzen . . . Vielleicht ist Ihnen iu Berlin die Gefahr noch nicht als so groß erschienen, aber wir hier in der Provinz, wir haben einen sicheren Blick dafür. Hat Berlin die Monarchie geschmissen, nun, so schmeißt die Provinz die Republik." In seinen Ausführungen geht Wrobel ferner darauf ein, daß der General v. Falkenhayn in der Berliner Universität vor deutschnationalem Publikum über den Krieg sprechen kann, während die Republik es nicht für nötig hält, den pazifistischen Universitätsprofessor Nicolai vor den Flegeleien reaktionärer Studenten zu schützen. Zur gleichen Zeit reift die antisemitische Saat. Gewisse Leute in Berlin sind schon dabei, Versammlungen zu sprengen, antisemitische Pogrome zu inszenieren, demokratische Politiker, wie neulich v. Gerlach, zu mißhandeln, ohne daß die Regierung irgendwelche nennenswerte Gegenmaßnahmen trifft. Das einzige, was sie tut, ist die unausgesetzte Razzia nach den unglücklichen Ostjuden, die sie alle, ohne Unterschied, für Wucherer und Schieber hält, und!so unwillkürlich im Sinne der Reaktion verfährt. * Den Gipfelpunkt der antisemitischen Verrohung offenbart in folgender kurzen Bemerkung die „Staatsbürgerzeitung": „In einem Bierhans der Friedrichstadt erschoß sich am Donnerstag ein Leutnant Willy v. Bargen. Es ist schlecht um ein Volk bestellt, dessen Bürger nur an sich denken. Konnte Herr v. Bargen nicht, bevor er sein Vorhaben ausführte, noch einen jener Verräter, die es offenkundig mit nuferen Kriegsgegnern halten, auf die Reise ins unbekannte Land mitnehmen?!" Man hat einst zur Charakterisierung des Tones, der in der antisemitischen Presse herrscht, die Bezeichnung „Unzucht der Sprache" geprägt; die hier wiedergegebene Aeußerung der „Staatsbürgerzeitung" ist aber so arg und zeugt von einer so unsäglich niedrigen Gesinnung, daß ihr gegenüber der in Rede stehende Ausdruck als ganz unzulänglich erscheinen muß. * Antisemitisches Mißtrauen zum „Goi". Im Fall „Ostropa" ist Erzberger im Prozeß Helfferich glänzend gerechtfertigt worden. Es stellte sich heraus, daß Erzberger ohne sein Wissen und seinen Willen zum „Aussichtsrat" der Gesellschaft gewählt und als solcher eingetragen worden ist. Ueber die Zeugenvernehmung schrieb dann die „Deutsche Zeitung": Zuerst der Herr Notarius. 66 Jahre. Mosaisch: einem „Goi" vertrauen sich die Herren von der Ostropa, so arisch sie an sich anssehen, in schwierigen Angelegenheiten wohl nieht gern an. — „Goi" ist ein hebräisches Wort ftir „Christ". Wenige Zeilen vorher hatte die „Deutsche Zeitung" den Verteidiger Helfferichs, Dr. Alsberg, einen jüdischen („mosaischen") Rechtsanwalt, in den Himmel gehoben. Helfferich. „so arisch er an sich aussieht", scheint sich also „in schwierigen Angelegenheiten wohl nicht gern einem „Goi" anzuvertrauen. * Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens schreibt uns: In den letzten Wochen ist in der deutschen

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