Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1920)
- Date
- 1920-03-05
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«—— 116 kurzen Bericht ersichtlich: „Er — Juda Makkabi — hing den Kopf des Nikanor aus der Burg auf, als ein allen sichtbares und deutliches Zeichen der Hilfe des Herrn. Und sie setzten alle durch gemeinsamen Beschluß fest, niemals diesen Tag un- , gefeiert zu lassen und den dreizehnten des zwölften Monats, der auf Syrisch Adar heißt, einen Tag vor dem Tage des Mardochai, zu begehen."') Daß sie den vierzehnten Adar nicht Purim, sondern den Tag des Mardochai nannten, entspricht vollkommen dem im Estherbuche enthaltenen Bericht (Kapitel 9, 20—22), nach dem Mardochai, ohne das Wort Purim zu nennen, an alle Juden in den Landen des Königs Achaschwerosch einen Brief mit der Aufforderung richtete, den vierzehnten Adar als einen Gedenktag zu feiern, und vermutlich auch aus dem Grunde, weil Mardochai eigentlich derjenige war, der durch seinen scharfen Blick und seine Klugheit die von Haman gegen die Juden entworfenen Pläne durchkreuzte und den Sieg über ihn und seinen Anhang herbeiführte. Freilich, ob damals am Tage des Mardochai dir M'gillah schon zur öffentlichen Verlesung gelangte, erfahren wir nicht; es ist möglich, ja, sogar wahrscheinlich, daß die Verlesung des Esther- Buches am 14. Adar ebenso wie das .Fasten am 13. Adar viel später, vielleicht zur Zeit Gamliels I-, angeordnet wurde; im Talmud ist jedenfalls die Vorschrift vermerkt: die Priester unterbrechen ihren Dienst und kommen, um das Verlesen der M'gillah anzuhören'). Doch dies zu ergründen, ist heute nicht unsere Aufgabe. Für uns handelt, es sich hauptsächlich darum, den Beweis zu erbringen, daß erstens die Erzählung des Esther-Buches keine Erfindung aus der Zeit des Antiochus ist, und zweitens, daß dieses in der Gestalt, wie es uns vorliegt, in der Perserzeit, wahrscheinlich gegen das Ende der Achämeuidenepoche, entstanden ist. 'Dafür zeugen nicht nur die Sprache, der Stil und die das ganze Buch durchziehende Lebenslust, die persisches Kolorit aufweisen, sondern auch drei talmudische Berichte, die mit den im Buche Esther enthaltenen Angaben völlig übereinstimmen. Wir lassen sie hier in sinngetreuer Wiedergabe folgen: 1. Esther wandte sich an sie (die Aeltesten Jerusalems) mit einem schriftlichen Ersuchen: 7vnv£> ’JIPBE Setzet die Erinnerung an mich für die kommenden Geschlechter fest. Und sie erwiderten: Die Erfüllung deines Wunsches wird den Neid und Haß der Völker gegen uns erwecken und verewigen. Da schrieb sie ihnen zum zweiten Male: Die mit meiner Person verknüpften Begebenheiten sind längst in den Geschichtsbüchern der Könige von Medien und Persien vermerkt?) 2. Was taten Mardochai und Esther? Sie schrieben einen Brief und schickten ihn an unsere Lehrer (in Jerusalem), an welche sie die Frage richteten: Wollt ihr nicht die Bestimmung treffen, diese zwei Tage alljährlich zu begehen? Und sie antworteten ihnen: Sind denn die über uns kommenden Leiden nicht genug, daß ihr durch eine besondere Feier zum Gedächtnis des errungenen Sieges über Haman noch neue Leiden über uns häufen wollt? Da schrieben sie ihnen einen zweiten Brief:-Wenn ihr nur das befürchtet, so wisset, daß unsere Geschichte r6l?al rrairD bereits niedergeschrieben und im (persischeil) Staatsarchiv aufbewahrt ist?) 3. Fünfundachtzig Aelteste und unter diesen dreißig und mehrere Propheten waren über folgendes sehr betrübt: „Nach den Ueberlieferungen von Moses" .— sprachen sie — „darf nunmehr kein Prophet eine Neuerung, treffen, und Mardochai und Esther verlangen von uns, ihre Geschichte niederzuschreiben, zu sanktionieren und in die Heilige Schrift aufzunehmen." Sie gingen aber nicht auseinander, bis der Heilige, gepriesen sei er, ihre Augen erleuchtete und sie in einem *) 2. Makkabäer 15, 36. 5) M'gillah 3a. a) M'gillah 7a. ') Jerns. M'gillah 1. 5. Vers der Heiligen Schrift eine Stütze fanden: „Schreibe dieses zur Erinnerung in das Buch nieder"?) Diese, zweifellos auf alten einwandsfreien Ueberlieferungen beruhenden Berichte bestätigen unwiderleglich die Authentizität der Purimgeschichte und bezeichnen klar und deutlich das Land, .auf dessen Boden sie sich abgespielt hat. Sie stützen sich nicht auf die Angaben des Esther-Buches, sondern sie lüften den dunklen Schleier, in den seine Mitteilungen gehüllt sind. Sie erzählen uns, daß es Mardochai und Esther große Mühe gekostet hat, bis es ihnen gelungen war, die Aeltesten Jerusalems ihrem Wunsche, den 14. Adar als einen Festtag zur Erinnerung an ihre Geschichte einzusetzen und diese durch eine besondere Schrift zu verewigen, gefügig zu machen. Wir erfahren, daß nach wiederholtem Briefwechsel zwischen Mardochai und Esther und den Aeltesten Jerusalems, unter welchen wir die Männer der „Großen Versammlung" verstehen, die Königin Esther ihre ganze Autorität geltend machen mußte, um die Verwirklichung ihres Wunsches zu erreichen. „Das Geheiß Esthers" — berichtet die M'gillah — „erwirkte die Bestätigung der Purimtage und die Ausnahme ihrer Geschichte in der Heiligen Schrift."') Für die Wahrheit der Purimgeschichte spricht ferner auch die Tatsache, daß die Samaritaner, von denen das Buch Esra(4, 6) berichtet: „Und unter der Regierung des Achaschwerosch, im Anfang seiner Regierung, schrieben sie eine Anklage wider die Bewohner Judas und Jerusalems", noch gegenwärtig den 14. Adar als einen Trauertag begehen?') Wer der Verfasser oder richtiger der Redakteur der mJX dem Purimfeste zugrunde liegenden Sammlung von Ereignissen war, ermitteln wir nicht. Sein Name ist ebenso verschwiegen wie der des Verfassers des Hohenljedes, das sogar als heilig im höchsten Grade gilt, obgleich auch in ihm, mit Ausnahme der Bezeichnung der Liebe als eine Gottesslamme. der Gottesname nicht vorkommt. Das eine aber wissen wir und dürfen es ruhig aussprechen: Das Buch Esther ist für die Ewigkeit bestimmt. Nachdem es uns mitteilt, daß Haman am Galgen geendigt, lenkt es unseren Blick auf künftige Zeiten und bestärkt unsere Zuversicht, daß auch der Humanismus, der ihn überlebt hat, Israel nie und nimmer von der historischen Weltbühne verdrängen wird. Das ewige Volk, das von einem ewigen Haß verfolgt wird, untersteht dem Schuh seines ewigen Gottes. Lir Woche. Berlin, den 1. März. bgleich schon längst auf das bündigste erwiesen worden ist. daß der bekannte jüdische Historiker Heinrich Grätz das ihm zugoschriebene Wort: „Die Revolution ist der Stern Judas" nicht geschrieben hat und nicht geschrieben haben kann, wird in antisemitischen Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren ufw. damit fortqefahren, es für die unlauteren Zwecke der antisemitischen Hetzpropaganda auszubeuten. Um so mehr muH es daher wundernehmen, daß gerade Herr Theodor Fritsch zugibt, daß es sich in «diesem Falle um eine Fälschung handelt. Er tut dies in der neuesten, im vorigen Jahre erschienenen Auflage seines „Handbuchs d e r Juden frage", und zwar in einer Anmerkung auf S. 328, die folgendermaßen lautet: „Das Wort ist irrtümlich dem jüdischen Professor Grätz in seiner ,Geschichte des Judentums' zugeschrieben worden. Es findet sich bei Professor Ad. Wahrmund ohne nähere Quellenangabe anh Jerus. M'gillah 1, 5. h Siehe Raschi zur ittlle. 10) Jawetz, Toldot Jisrael, Bd. III, S. 126.