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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-03-05 · Heft 10 (5.3.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 10 (5.3.1920)
Date
1920-03-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 5. März 1920 64. Jahrgang. Nr. 10 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich S LN. — Postscheckkonto 32<*. Begründet von Rabbiner De. Ludwig Philipp fon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-^9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. ffnhftft» Einiges über das Buch Esther. Von Albert Katz. — IjUljnil« 2) i o Woch e. — Prof. Elbogens „Geschichte der Juden". Von Rabbiner Dr. S. Sam u e l (Essen). — Briefe an einen Freund, der konfessionslos werden wollte. Von Tr. Willp Cohn. — Zur Methodik des jüdischen Geschichtsunterrichts. (Schluß.) Von Bezirksrabbiner Dr. B e e r m a n n (Heilbronn). — Feuilleton: Reb L-eib Traubenberg. (Schluß.) Von Bernhard T r a u b e n b e r g. — Ein deutscher Jude an sein Vaterland (Gedicht). Don M a r t h a Hell m u t h. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur. „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Berlin-Schöneberg, Elbing, Posen, Magdeburg, Steele, Essen, Nürnberg, Darmstadt, Frankfurt a. M., Budapest. — Bon N tr h n d F e r n. Liniges über das Such Lsther. Von Albert Katz. nter den fünf kleinen „M'gillot" genannten Büchern, dis der Heiligen Schrift angegliedert find, ist keines so volkstümlich gehalten wie das Buch Esther, keines auch so wie dieses für ewige Zeiten bestimmt. „Die Juden", teilt der Verfasser mit, „haben es beschlossen und als ein unverbrüchliches Gesetz auf sich genommen, auf sich, ihre Nachkommen und alle, die sich ihnen anlschließen, diese beiden Tage Jahr für Jahr nach vorgeschviebener Art und Zeit zu begehen." Wer der Verfasser dieses in Sprache, Stil und Form so eigenartigen Buches war und zu welcher Zeit es entstanden ist, darüber gehen die Meinungen auseinander, ist keine Gewißheit zu erlangen. Der Talmud in seinem Lapidarstil berichtet: Die Männer der Großen Versammlung haben das Buch Esther niedergeschriebenJ. Diese Behauptung wird aber nicht nur von den meisten nichtjüdischen Historikern und Bibelkritikern, von denen manche die hebräische Bibel, geschweige denn den Talmud selbst mit Hilfe eines Wörterbuches kaum lesen können, bestritten, sondern auch jüdische Forscher und Geschichtschreiber, zu denen wir mit Bewunderung und Verehrung emporblicken — ich nenne nur Leopold Zunz und Heinrich Grätz —, weisen den talmudischen Bericht zurück. Zunz verlegt die Entstehung des Buches Esther in eine Zeit, „die jünger als das Aufhören des Prophetentums ist. Namentlich bleibt das Buch Esther ein merkwürdiges Denkmal unprophetischen Geistes. Denn obwohl es Raum hat, den persischen König 187 mal und sein Königtum 26 mal zu nennen, so fand es doch keine Gelegenheit, Gottes auch nur ein einzigesmal zu gedenken."i) 2) Grätz spricht sich deutlicher aus. Nach seiner Darstellung wäre das Buch Esther zur Verfolgungszeit des Antiochus Epiphanes verfaßt worden und hätte im Gegensatz zum Buche Daniel, das zur selben Zeit entstanden und zum Autor einen Ehassidäer, einen Patrioten zum Verfasser gehabt, „der sich an weltlich gesinnte Judäer wandte, die zwar mit dem Judentum mehr oder weniger gebrochen hatten, aber von dem jüdischen Volkstum sich doch nicht lossagen mochten. Das i) Baba batra 15a. . s) „Die gottesdienstlichen Vorträge der Inden", 1. Ausgabe, S. 14. eine verhieß einen unerwartet günstigen Ausgang durch Wunder und das andere setzte die Hoffnung in den ganz natürlichen Verlauf der Dinge und deutete Mittel an, wie die große Gefahr, vom Erdboden vertilgt und ausgerottet zu werden, beschworen werden könnte. Das Buch Daniel und das Buch Esther veranschaulichen die tiefe Bewegung und das krampfhafte Zucken des jüdischen Volkes in der unerhörten Drangsalszeit in zwei verschiedenen Kreisen, von denen dem einen die religiöse Seite des Judentums heilig und dem anderen die nationale Seite des jüdischen Volkstums teuer war. Beide haben eine gemeinschaftliche Seite: sie betonen die Unvergänglichkeit und Unvertilgbarkeit des jüdischen Stammes2)." Allein wie bestechend diese; Ausführungen, die man auch auf mannigfache Schriften jüdischer Autoren der Gegenwart anwenden könnte, auf den Leser auch wirken, sie sind doch nur hypothetischer Natur und vermögen nicht, uns von ihrer Unumstößlichkeit zu überzeugen. Die an Berichten über Verfolgungen und Errettungen überreiche jüdische Geschichte erzählt uns von so vielen Wundern, natürlichen und unnatürlichen, die, sooft Israel in seinem Fortbestand bedroht wurde, immer zur rechten Zeit eintvaten und immer von neuem ■ in ihm den Glauben befestigten, daß „alle, um es zu vertilgen, geschmiedeten Waffen nicht gedeihen", daß man auch in der fürchterlichen Drangsalszeit unter Antiochus keine außerordentlichen Mittel, wie die Abfassung genannter Schriften, anzuwenden brauchte, um „alle, alle mit dem Gedanken zu durchdringen, daß das judäische Volk nimmermehr vertilgt werden könne, daß ihm unerwartet eine Hilfe zukommen werde". Und spricht nicht der eingangs angeführte Satz aus dem Buche Esther: „Die Juden haben es beschlossen und als unverbrüchliches Gesetz auf sich genommen, auf sich, ihre Nachkommen und alle, die sich ihnen anschließen, diese beiden Tage Jahr für Jahr nach varge s ch r i e b e n e r Art und Zeit zu begehen" gegen die Grätzjche Annahme, daß das Esther-Buch zur Zeit des, Antiochus erfunden und verfaßt worden sei? Wir müssen uns doch fragen, wie konnte nur der Verfasser einen Satz wie diesen, der eine von den Juden zur Zeit des Xerxes für alle Zeiten getroffene Bestimmung enthält, in einer zwei Jahrhunderte später von ihm erfundenen Erzählung Mitteilen, ohne zu befürchten, von seinen Zeitgenossen, die sicherlich ein. solches von den Vätern übernommenes „unverbrüchliches Gesetz" gekannt und beobachtet hätten, der Erfindung geziehen zu werden? Haben aber die Juden seinerzeit dieses „unverbrüchliche Gesetz" gekannt und beobachtet, dann ist weder die Purimgeschichte eine Erfindung noch das Buch Esther zur Zeit des Antiochus entstanden. Und tatsächlich haben die Juden schon zur Zeit des Juda Makkabi bxe[e§ von den Vätern übernommene „unverbrüchliche Gesetz" gekannt und beobachtet. Das ist aus folgendem *) Grätz, „Geschichte der Inden", Bd. 2. II, S, 332—333.

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