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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-02-27 · Heft 9 (27.2.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 9 (27.2.1920)
Date
1920-02-27
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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64. Jahrgang. Nr. 9 Berlin, 27. Februar 1920 Vellage zur „Allgemeinen Teilung deL Judentums. LorrespondMM und Kachnchtm. Smtschland. E. M. Berlin, 24. Februar. Am 12. d. M. veranstaltete die neugegründete studentische Ortsgruppe Berlin des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im Auditorium Maximum der Universität ihren ersten öffentlichen Vortragsabend mit dem Thema: „Die deutschen Studenten und der Antisemitislnus", der mit Rücksicht auf die dicht bevorstehenden Wahlen zum Studentenausschuß ganz außerordentliches Interesse beanspruchte. Der K. E. zu Berlin beteiligte sich vollzählig an dieser Veranstaltung. Auch sonst waren viele jüdische Kommilitonen aller Richtungen der Einladung gefolgt. Ebenst zahlreich waren die nichtjüdischen Studenten vertreten. Die eigentlichen Antisemiten begnügten sich mit der Entsendung einer Anzahl von Vertretern, da sie zu gleicher Zeit eine Wählerversammlung einberufen hatten. Der Redner des Abends, Dr. Bruno Weil, schilderte in ruhiger, sachlicher Darstellung zunächst die 'historische Entwicklung des Antisemitismus aus der Universität. Besondere Beachtung widmete er der Burschenschaft. Er zeigte, wie in ihren Anfängen Juden in regster Weise mitgearbeitet hätten, wie lange Jahre hindurch Juden als treue Mitarbeiter und gute Bundesbrüder gegolten hätten. Bei allen großen Aktionen der Burschenschaft sind Juden mit tätig gewesen. Erst die achtziger Jahre haben dannmit ihrem überwuchernden Antisemitismus die Ausschl-'eßung der Juden aus der Gesamtheit der studentischen Korporationen gebracht. Im Anschluß an diese Ausführungen ging der Redner aus hie Stellung der Juden gegenüber diesem Verhalten der nichtjüdischen Komm'litonen ein und Zeigte den großen Abwehrkampf, der von der jüdischen Studentenschaft eingeleitet ist. Mit einem Hinweis auf den Antisemitismus, den der Weltkrieg ausgelöst und der insbesondere unter der Jugend die schwersten Verheerungen angerichtet hat, schloß der Redner seine interessanten Ausführungen, denen 'lebhafter Verfall folgte. Es entspann sich eine mehrstündige, zeitweise überaus stürmische Aussprache. In ihr kamen Redner aller Anschauungen, Radauantisemiten, Vertreter des „wissenschaftlichen Antisemitismus", Paritätler, Zionisten und K. C.er zu Wort. Für die letzteren sprachen insbesondere die Herren Dr. Kurt A l e x a nde r.(Bavaria., Rhenania. Silesia), Dr. Solon und Franz Fuchs. In seinem Schlußwort wies Dr. Weil geschickt die in der Debatte erhobenen Anschuldigungen zurück. Trotz der Erregung, in der sich die Versammlung befand, verstand er es, das allgemeine Interesse nochmals zu wecken. Trotzdem die Wogen der Erregung zeitweise sehr hoch gingen, kann die Versammlung als ein Erfolg der studentischen Ortsgruppe und aller, die mit ihr zusamnrenarbeiten, gebucht werden. 22 Berlin, 24. Februar. Seitens der I ü d i s che n Ge m e i nde zu Berlin werden Kurse unterhalten, durch welche Lehrerinnen und Seminaristinnen Gelegenheit geboten ist, sich in sämtlichen Fächern des jüdischen Religionsunterrichts und in der Methodik dieser Disziplin auszubilden. Die Kurse dauern drei Jahre. Am Ende der Ausbildungszeit findet eine Abschlußprüfung statt, über deren Ergebnis ein Zeugnis ausgestellt wird. Die Teilnahme ist unentgeltlich. Für die Teilnehmerinnen an den Kursen stehen aus dem Julius Bleichröderschen Legat einige Stipendien zur Verfügung. — Das Sommersemester beginnt am Donnerstag,, den 15. April 1920. Meldungen nimmt der Leiter der Kurse, Herr Rektor Dr. Spanier, in der Mädchenschule, Kaiserstraße 29/30, entgegen, der auch zu jeder weiteren Auskunft bereit ist. E. L. Berlin, 24. Februar. Am 17. d. 9JL sprach im Jü di schliberalen Iu gendverein Herr Lehrer Robert Hirschfeld über das Thema: „Die Geschichte des jüdischen Gottesdienstes." Der Redner führte ungefähr folgendes ans: Hat die religiöse Idee überhaupt etwas mit der religiösen Handlung, dem Gottesdienst zu tun? Jedes Gefühl ist erst dann wirklich etwas wert, wenn es sich nach außen zeigt. Daher hat sich überall da, wo sich religiös empfindende Menschen zusainmengeschlossen herben, ein Gottesdienst entwickelt. Nun glaubt man oft, daß dieser '• Gottesdienst immer derselbe geblieben ist. Daß dies nicht absolut der Fall ist, soll ein kurzer Gang durch die Geschichte des jüdischen Gottesdienstes beweisen. In den ältesten Zeiten war der Ort des Gottesdienstes eine Anhöhe, und zwar die höchste der Umgebung. Tie Bibel verwirft zwar diese „Bomauß", aber das ist für uns heute der beste Beweis dafür., daß dort ursprünglich geopfert wurde. Als Altar diente ein Stein, dessen Oberfläche mit Napflöchern versehen war. Schon ziemlich früh aber fand der Gottesdienst in einem Hause statt. Wir hören in der Geschichte von. drei Tempeln, dem Tempel Salomos, dem 516 von dem aus denr Exil zu rückgekehrten Volke. auDebauten und dein Hervdianischen Tempel. Ursprünglich bestand der Tempel aus dem Vorhvf' dem, Heiligtum und dem Allerheiligsten, in denr sich im Salomonischen Tempel die Bundeslade befand. Am Tenrpel selbst waren noch Nebengebäude, in denen die Priester wohnten und der Tempel schätz ausbewahrt wurde. Zunächst gab es im ganzen Lande nur den einen Tenrpel zu Jerusalem, wenigstens, wird jeder andere in der Bibel verschwiegen. Schon während, des Exils aber hatte rnan sich daran gewöhnt, auch an anderen Orten Gottesdienste zu veranstalten. Der Ort dieser Gottesdienste hieß zuerst „Beth Hateueßeth" und dann später Synagoge. Wer sind nun die Träger des Gottesdienstes? 1. Die Gemeinde, 2. die Priester. Ursprünglich war die Gemeinde vollkommen untätig, sie stimmte dem Vortrag des Borbeters höchstens -durch ein „Omen" oder „Sela" zu. Das hat sich aber, wie es scheint, schon im Exil geändert, als sich nämlich langsam der Gebetsgottesdienst aus dem Opf-ergvttesdienst entwickelte. Da nur im Tempel zu Jerusalem geopfert werden durfte, wurde der eigentliche Träger des Gottesdienstes der Vorbeter, der nicht etwa mit denr Amt betraut ist, sondern vor die Gemeinde tritt und die Gebete singt, so wie sie ihm aus denr Herzen kommen. Allmählich werden die Gesänge dann zu Formeln und der Vorbeter nach und nach ein besoldeter Beamter. Neben dem Vorbeter war dann immer jemand, der ein Kapitel aus der Bibel vorlas und -erklärte. Hieraus hat sich die Thoravor.lesu,ng entwickelt. Die Thora wurde nicht nur aus Hebräisch gelesen./ sondern, auch in der Uebersetzung vorgetragen-. Was war der Inhalt des Gebetsgottesdimstes? Ursprünglich war die Sprache schlicht und einfach; es waren einfache Worte, zu denen dann noch der Gesang einiger Psalmen hinzukam. Daß auch schon früh Chorgesänge im Gottesdienst waren, beweist Psalm 113, wie überhaupt das ganze Hallsl-Gebet. Nach und nach sind -diese Gelbete zu Formeln geworden und zum ersten Male zu einem Siddur Zusammengefaßt worden im achten Jahrhundert. Später kamen untex die Gebete noch Gedichte-, die bald so zahlreich wurden, daß sich die Frommen der Genreinden dagegen zu sträuben ansingen! So hat sich der Gottesdienst zu dem, wie wir ihn heute haben, entwickelt. lind dieser kurze Gang durch die Geschichte des Gottesdienstes beweist uns ganz deutlich, daß unser heutiger Gottesdienst sich erst nach und nach entwickelt hat. Und diese Erkenntnis gibt uns auch das Recht, unseren Gottesdienst so zu gestalten, wie er unserem heutigen Füllen und Denken entspricht. czk. Berlin, 24. Februar. Während in der Presse und bei den Behöxden eine erregte und nicht.immer sehr sachliche Diskussion über hie. Lösung der Ostjudenfrage in Deutschland geführt wird, übersieht nran fast völlig die Tatsache, daß einige entschlossene Leute längst das einzig. Richtige -getan.haben, indem sie jüdische Arbeitsämter schufen, die sich die Vermittlung von Arbeit an die zuwandernden Ostjüden zur Aufgabe machen. Die Hauptämter befinden sich in Berlin, Duisburg u,ud Königsberg, lieber den Erfolg solcher Arbeit gibt eine Statistik Auskunft, die soeben vom Jüdischen Arbeitsamt in Duisburg auf gestellt lvorden ist. Danach meldeten sich im Monat Januar 152 Arbeiter, von denen nicht weniger als 132 aus Polen-gekommen waren. Neben 26 Handelsangestellten, Schülern und. Studenten waren darunter 23 Fabrikarbeiter, 11. Schlosser, Schmiede und Klempner, 19 Textilarbeiter, 18 Schneider, 9 SchuhundSchäftemacher, 13 Metzger und Bäcker usw. Diese Berufsstatistik beweist, daß das Gerede von den „ostjüdischen Schiebern" in seiner Allgemeinheit eine grobe Verleumdung ist. Noch mehr'beweist das die Statistik der in ihrem Beruf untergebrachten Ostjuden. Von den genannten 152 Arbeitern tonnte das Arbeitsamt Duisburg im ganzen 88 Arbeit verschaffen,

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