Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1920)
- Date
- 1920-02-27
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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1 bl Welche materiellen! Unterlagen ihn ohne Beruf und ohne Vermögen dazu berechtigten? Das wäre eine vermessene und gottlose Frage gewesen: mein Vater war voll von persönlichen Tugenden und erfüllt von einem reichen Schatze religionswissenschaftlicher Kenntnisse und konnte es hierin mit den großen Meistern der gelehrten Zunft aufnehmen. Den Urgroßeltern des heutigen Geschlechtes galt der Besitz talmudischer Gelehrsamkeit mehr als der Vorzug großen Reichtums. Alles andere wurde Gott besohlen und der Zukunft anheimgestellt. Er führte die Tochter aus einem Patrizierhause des Städtchens heim. Wäre mein.Vater ein elastisches, biegsames und anschmiegsames Naturell, so hätte es ihm in dem großen Ledergeschäft seines Schwiegervaters an einem Unterschlupf nicht gefehlt, und die Sorgen um das tägliche Brot hätten vor seiner Schwelle haltgemacht. Allein, er haßte die Gebundenheit, er wollte aus eigenen Füßen stehen, unabhängig und selbständig sein und, wenn auch unter Not und Mangel, sein eigener Herr werden. Er ließ sich nicht mit anderen zusammenkoppeln. Um so weniger, als dielse anderen seine Schwiegereltern waren, die zudem einen reichen Flor von Töchtern hatten, deren Gatten schließlich gleichfalls an dem Geschäft beteiligt werden sollten. Er wurde also Klempner, und zwar nur aus dem Grunde, weil sein früh verstorbener Vater auch Klempner gewesen war. Das hinderte indes den Rabbiner von Lentschitz, der aus einer hochberühmten Gelehrtenfamilie stammte, und selber eine Zierde feines Standes war, nicht, meinem Vater in unparteiischer Anerkennung seiner rabbinischen Belesenheit und seiner Beherrschung der talmudischen Dialektik den Ehrentitel „moreh morenu" zu verleihen. Es begann für den jungen Ehemann eine schwere Zeit. Not, Arbeit und Sorgen drückten mit ungewöhnlicher Härte auf seine Schultern. Mit einem Heroismus ohnegleichen rang er um das tägliche Brot für die Seinen. Seine Familie wuchs und wurde zahlreich, aber seine schwachen Kräfte blieben weit hinter den wirtschaftlichen Anforderungen zurück, die der Unterhalt der Seinen an ihn stellte. Dieser kleine, schmächtige, zartgebaute Mann mit -der mächtigen Stirn tä'inpfte wie ein Ueberrnensch den Lebenskampf für Weib und Kind. Gar oft versagte der Leib, und manchmal wäre er dem Erliegen nahe gewesen, wäre die Seele nicht stark gewesen und hätte sie ihm nicht neuen Schwung verliehen. Noch Jahrzehnte später konnte er nicht begreifen, wie er diesen Strapazen gewachsen und ihnen mit heilen Gliedern entronnen war. Der Vater betätigte sich vielfach als Dachdecker. Die Dächer waren nicht mit Schindeln, isondern durchweg mit Blechtafeln ausgelegt. In der heißen Sommerglut, den prallen Strahlen des Tagesgestirns erbarmungs- und schutzlos ausgesetzt, zerschmolz er fast vor Hitze. Er schwebte in einer Hölle zwischen zwei Feuergluten, dem Sonnenbrand von oben und dem Feueratem, der der Blechfläche entstieg. Es kamen Ohnmächten vor, aus denen er sich nur mit Aufbietung seiner letzten Kräfte gerade noch auf den nahen Boden retten könnte. Doch, konnte alle Pein und Not des Alltags seine Seele nicht ernstlich -erschüttern. Dazu war sein Gottvertrauen zu felsenfest verankert. , Hierin gab es kein Wanken und Schwanken. Er kannte kein Murren und kein Auflehnen gegen sein schweres Geschick; gab es doch eine Rettung aus all dieser Erdenmühsal. War des Tages Last und Pein zu Ende — sie dauerte oft sehr, sehr lange, da der Begriff des Normalavbeitstages noch, nicht geschaffen war —, flüchtete er sich nach den Bedrängnissen unerhörter Alltagssorgen in ein lichtes, ideales Reich, in das Reich der Thoraweisheit, die ihm eine Trostquelle wurde für die Zermürbung des Berufslebens und ihn seine körperliche Unzulänglichkeit vergessen machte. Wenn der Abend kam und die Evde in Finsternis hüllte, ging ihm das Licht einer anderen Sonne aus, die Sonne des Talmuds und rabbinifcher Geistesklarheil. Alles, was ihn eben noch bedrückthatte, war mit einem Male vergessen, und ein unirdischer Glanz erhellte bald sein Gesicht, das wie durch eine höhere Weihe befeligt und verklärt erschien. Die Mitternacht gebot seinem Sinnen und Nachdenken keinen Einhalt, und erst das Erlöschen des Petro-leumlämpchens mahnte ihn, daß er seinem müden Körper die Nachtruhe, die ihm so bitter not tat, nicht ganz entziehen dürfe. An Gelagen und Gastinahlen nahm er nicht teil. An Gelegenheit hierzu hätte es freilich nicht gefehlt. Sein Schwiegervater vereinigte nicht selten seine zahlreiche Familie um sich, und stets war das mit einem opulenten Abendessen verbunden. Die Mitglieder der Familie erschienen dazu ausnahmslos, und wenn aus keinem anderen. Grunde, so schon, um der schmackhaften Genüsse nicht verlustig zu gehen. Nur der Platz meines Vaters blieb regelmäßig leer. So viel Zeitverfchwendung für ein Gastmahl mit müßiger Unterhaltung schien ihm einfach sündhaft und als ein Raub, begangen an seinem Talmudstudium, das nicht Not leiden durfte, dem jede überflüssige Minute und die dem Schlaf abgerungene Muße gehörte. Seine Schwagersleute verstanden ihn einfach nicht. Und wie sollten sie ihn auch verstehen, ihn, der von der gewohnten Heeresstraße so weit abbog. und, ohne sich um das Gezische! und Getuschel der lieben Sippe zu kümmern, seine eigenen und einsamen Wege ging. Sie sahen mit mitleidigem Achselzucken auf ihn herab und begriffen nicht, warum er sich mehr Entsagungen und Entbehrungen auserlegte, als sein nicht gerade beneidenswertes Geschick für chn ohnehin bereithielt. Aber sie gaben sich einem starken Irrtum hin. Mein Vater entbehrte nicht und litt nicht Hunger noch Durst. Er schmauste und schwelgte an vollbesetzter Tafel und kostete Genüsse.aus, deren Süße und Seligkeit die anderen nicht ahnten, Genüsse von einer ganz anderen Art, die jenen verschlossen blieben. Außerhalb des verwandtschaftlichen Kreises wurde sein Charakter aber unbefangen beurteilt; sein Streben fand durchaus die gebührende Achtung, Wertschätzung und Anerkennung. Reb Leibs Name hatte einen guten Klang, und wer ihn nannte, tat es nicht ohne ehrlichen und aufrichtigen Respekt. Mein Vater war strenger Talmudanhänger. Darnit ist schon gesagt, daß er dem chasfidischen Mystizismus nicht huldigte. Nichtsdestoweniger nahm er an ihrem Gottesdienste teil. Ihm tat die Vertiefung und Verinnerlichung wohl, die den Andachtsübungen der Chassidim ein sympathisches Gepräge aufdrückte. Von unbeirrbarer talmudischer Logik geschult, fand sein Geist hier die Ergänzung, die sein Gemüt brauchte, um nicht ganz in klügelnder und berechnender Vernünftelet aufzugehen. Mit Leib und Seele verschrieb er sich dem Chassidismus nicht, und die Verschrobenheiten, Einseitigkeiten und verstiegenen Schwärmereien, die nur zu oft mit seinem Wesen verquickt sind, fanden keinen Widerhall in ihm. So kam es, daß er wohl Gebetsgemeinschaft mit ihnen pflegte, aber ihren sonstigen Zusammenkünften fernblieb. Ein äußerer Anlaß, die Krankheit eines Kindes, und der Wunsch, deutsche Aerzte zu konsultieren, war es, der ihn nach Deutschland führte. Obwohl er an einen dauernden Aufenthalt ursprünglich nicht dachte und den Gedanken an eine Rückkehr in seine Väterstadt bis in sein Greisenalter nicht aufgab, wurde Berlin doch seine zweite Heimat, in der er ebenso viele Jahre wohnte wie in seiner ersten. Auch in seiner neuen Heimat wurde er vom Glück nur wenig begünstigt. Nachdem er sich aus anderen Gebieten vergeblich versucht hatte, kehrte er zu seiner alten Liebe, zum Klempnerhandwerk, zurück. Aber die Früchte, die ihm wuchsen, entsprangen keinem goldenen Boden. Das Handwerk machte gerade damals eine Krise, durch, wie sie' größer, folgenschwerer und weltbewegender iri