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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-02-27 · Heft 9 (27.2.1920) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 9 (27.2.1920)
Date
1920-02-27
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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1Ö6 Sätzen: „Es unterliegt keinem Zweifel, daß eine Gemeinischaft wie die Ihrige immer an der Spitze der fortschreitenden Zivilisation marschieren und alle Zurücksetzungen und Verfolgungen überdauern wird, die leider in einigen Ländern Europas noch immer an der Tagesordnung sind. Das ist klar wie der Tag. Uns aber gereicht es zu lebhafter Befriedigung, daß dies Streben der Juden nach der ihnen gebührenden allgemeinen Anerkennung und nach sozialer Gerechtigkeit gegenüber allen Unterdrückten einen lebhaften Impuls von unisererp Vaterlande erhalten hat." Um einen engeren Zusammenschluß der einzelnen Ordensdistrikte herbeizuführen, unterzog sich Kraus zweimal der Mühe, die europäischen Logen zu besuchen, bei welcher Gelegenheit er auch mit den großen jüdischen Organisationen in engere Fühlung trat, um mit ihnen die Frage der jüdischen Einwanderung nach Amerika eingehend zu besprechen. Durch den Ausbruch des Weltkrieges konnten manche, seiner wertvollen Anregungen zum Wähle der Judenheit nicht zur Ausführung gelangen. Aber auch während des Krieges war der U. O- B. B. wie in Deutschland,!so auch in Amerika und in anderen Ländern überall bemüht, die Wunden zu heilen und die Not zu lindern. Treu und unbeirrt stand Kraus aus der hohen Warte, arbeitete rastlos und unermüdlich, bald belehrend und ermahnend, bald anregend urch anseuernd. Die Jridensrage in Rumänien, Polen, Ukraine u!sw. beschäftigte ihn ununterbrochen. Wieviel er zur Herbeiführung des vom Friedenskongreß sestgelegten Minoritätenschutzes beigetragen hat, darüber wird bei anderer Gelegenheit zu sprechen sein. Auch an der Frage des „Jüdischen Kongresses" nahm er lebhaften Anteil. Hier kam ihm die Neutralität des Ordens, der ja alle Richtungen und Parteien im Judentum umfaßt, zustatten, so daß er versöhnend und vermittelnd zum Wohle der Judenheit wirken könnte. In «seiner glänzenden Ansprache bei der Ueberreichung der Ordensmedaille an den Präsidenten Taft sagte Kraus u. a.: „Wir Brüder des U. O. B. B., die wir «uns die hohe Ausgabe gestellt haben, den Opfern der Verfolgung zu Hilfe zu kommen, wir haben die Sache des Gesamtjudentums zu der unsrigen gemacht, eine Angelegenheit, die freilich nicht nur die Judenheit, sondern die g an ze Me n sch - heit angeht. Denn die unmenschliche Behandlung der Juden in jenen Ländern, wo sie noch verfolgt werden, «ist nichts als ein Ausbruch jener alten Unmenschlichkeit des Menschen gegen den, den er, als B r u d e r begrüßen müßte. Aber der Tag,, an dem die Leiden Israels auf dem Erdenrunde enden, wird «auch über einer besseren Welt für alle Menschenkinder dämmern!" So wünschen wir dem verehelichen Jubilar an seinem Festtage, daß die Huld Gottes chm auch fürderhin treu bleiben und ihn poch lange bei voller Rüstigkeit und Frische erhalten möge. Möge jener Tag, den Kraus mit echt jüdischem Optimismus und in prophetischer Schau verkündet, bald heraufdämmern, der Tag, der das Gottesreich auf Erden errichten und allen Menschen soziale Gerechtigkeit und beglückenden Frieden bringen wird! Leb Lkw Crsubrnbrrg. (Ein Rulturbild.) Von Bernhard T r a u b e n b e r g. <^^m allgemeinen halte ich die Kinder nicht für die ge- » borenen und von Hause aus berufenen Biographen und Chärakterschilderer ihrer Eltern. Wenigstens nicht, wenn man sprechende Aehnlichkeit von dem gezeichneten Bilde verlangt. Kinder können nicht den hierbei gebotenen Abstand wahren, nicht über der Sache stehen und werden nur zu oft der Versuchung erliegen, geschmeichelte Züge in das Bild hineinzutragen, die dem kundigen Betrachter bestenfalls das Urteil a-nötigen: Wahrheit und Dichtung. Aus diesem Grunde habe ich es bisher vermieden, meinem Vater einen Nachruf zu widmen, obwohl seine nicht alltägliche Eigenart wext gewesen wäre, vom Stift eines Zeichners für spätere Zeiten festgehalte-n zu werden. Auch weitere Kreise außerhalb seiner nächsten Angehörigen haben wohl ein Recht zu erfahren, daß die Gegenwart eine solche Erscheinung in ihrer Mitte barg. Ich vermag zwar, wenn auch als Sohn, einen neutralen Standpunkt einzunehmen, weil meine Entwicklung mich in ändere Bahnen führte und unsere Anschauungen schließlich weit auseinandergingen. Trotzdem widerstand ich beharrlich den vielfachen Aufforderungen zur Würdigung meines Vaters aus Gründen eines gewissen Takt- und Zartgefühls, das mich hinderte, wohlbehütete Familienheiligtümer der Außenwelt preiszugeben. Auch jetzt noch hege ich die gleichen Bedenken, und wenn ein anderer aus liebevoller Vertrautheit mit den Wesenszügen des darzustellenden Objektes heraus -essen Porträt zu entwerfen vermöchte, so würde ich ihm sehr gern den Vorzug hierzu einräumen. Wer kennt aber die Psyche meines Vaters hinlänglich genug, um die rechten Unterlagen für eine zutreffende Kennzeichnung seiner Geistes- und Gemütsstruktur zu besitzen? Das Geschlecht, dem er angehörte, ist längst vom Erdboden verschwunden, und diejenigen, die Reb Leib schätzten und einen seltenen Menschen in ihm erkannten, hat die Sichel des Sensenmannes vor Jahren und Jahrzehnten schon dahingemäht. Das war für mich ausschlaggebend, wenn ich es nun doch unternehme, der jüdischen Oeffentlichkeit von dieser kernhaften, starkem und in sich selbst geschlossenen Erscheinung Kunde zu geben. Er war einsam geblieben unter den Lebenden und ragte wie ein erratischer Block aus verflossenen Erdperioden in unsere Zeit hinein. Mein Vater glich den Weisen aus der Mischnazeit, die Thora mit ckoreeb erez, Weisheit mit handwerkerlichem Beruf, harmonisch zu verflechte» wußten. Er war Klempner seines Zeichens: aber wie Hans Sachs Dichter und Schuhmacher dazu war, war mein, Vater Talmudist und Klempner in einer Person, wobei-keines durch eine unendliche Kluft voneinander getrennter Betätigungsfelder irgendwie gelitten hat. Ter Talmud zwar wird hiervon wenig profitiert haben, aber die Kunst, die er übte, um sich durchs Leben zu schlagen, durfte der talmudischen Geistesschärfe manches zu verdanken gehabt haben. . Verschiedene Verbesserungen, die sein erfinderischer Sinn an dem herkömmlichen Handwerkszeug, wenigstens soweit es sich um den eigenen Gebrauch handelte, vornahm, legten deutliches Zeugnis dafür ab. Nicht von Kindesbeinen an ist er diesem Beruf geweiht worden. Er hatte sich vielmehr mit heißem Bemühen und unstillbarem Wissenshunger dem Talmudstudium, dem Lernen an sich ohne jede Evwerbsabsicht ergeben, und weil er in seiner Vaterstadt, die auch in der jüdischen Literatur durch Sterne hellen Glanzes leuchtet, für seinen Durst nach Kenntnissen nicht die volle Befriedigung fand, suchte er seinen/ Horizont durch den Besuch deutscher Lehrhäuser, deren es damals eine ganze Anzahl gab, zu erweitern. Namentlich die Stadt Kempen in der Provinz Posen war zu jener Zeit — vor 75 Jahren — das Mekka, dem viele lernbeslisfene Talmudjünger zustrebten. Hierher lenkte auch er seine Schritte. Als er nach etwa vier Jahren in die Heimat zürückkehrte, stand er bereits im vierundzwanzigsten Lebensjahre, und es war hohe Zeit, an die Gründung eines eigenen Heims zu denken. Für die Anschauung ' non dazumal war mein Vater schon sehr reif, fast überreif j dazu. Das sonstige Heiratsalter war erheblich geringer, und Ehemänner von 15 Jahren bildeten keine Ausnahme.

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