Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1920)
- Date
- 1920-02-27
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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104 lichen Talenten in dieser Hinsicht nach Ausweis der Erfahrung nicht sehr produktiv sind", so bewegt sich Spektator ungewollt in antisemitischem Fahrwasser. Wir sagen ungewollt, denn er ist sonst dafür, daß „Haß und Rache auch hier nach jeder Möglichkeit abgebaut werden". Es ist eine antisemitische Grille, Inden unproduktiv zu nennen. Denken wir nur einmal an das Gebiet der Technik' und technischer Erfindungen. Der Erfinder des Benzinautomobils ist ein Jude, Siegfried Markus; -der jüdische Ingenieur David Schwarz erfand das erste lenkbare Luftschiff; die Erfindung der elektrischen Kraftübertragung war das Werk des jüdischen Technikers J o s e f Popper; der Jude M. Eisenstein erfand ein neues System der drahtlosen Telegraphie. — Erfinder der Zellulose war der Jude Friedrich Marx; Professor Dr. Ad. Frank, Begründer der deutschen Kaliindustrie, ist Jude; wir nennen nur noch Dr. Hans Gold sch midt in Essen, der Erfinder des Thermits, und Lud wig Mo n d, einer der erfolgreichsten deutschen Chemiker, der Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaft war. Im iibrigen verweisen wir aus die beiden instruktiven Schriften: „Der Juden Anteil am Fortschritt der Kultur" und „Tie deutschen Juden im Weltkriege", von Karl Hilmar, Berlin. Zu beziehen vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Berlin W, Flottwellstraße 7. Wir hoffen, daß Spektator eines besseren belehrt wird, wenn er sich diese Schriften zu Gemüte führt. Nrdknsprälidknt Molk kraus. (Zu seinem 70. Geburtstag) Von Dr. E. Finkel (Berlin). er 26. Februar dieses Jahres wird ein Jubeltag für die amerikanische Judenheit sein, insbesondere für die dortigen Logen des Unabhängigen Ordens Bne B r i t h, denn an diesem Tage tritt der höchste Beamte dieses weltumspannenden Bundes, der Ordenspräsident Rechtsanwalt Adolf Kraus, in das 70. Lebensjahr ein. ' Aber nicht nur die amerikanischen Glaubensbrüder, sondern auch die Gesamtjudenheit hat Veranlassung, diesem Edlen in Israel an seinem Jubeltage zu huldigen; denn der Orden Bne Brith, dem die Arbeit des Jubilars gewidinet ist, steht im Dienste des Judentums und .der Menschheit. Schon der Werdegang und die Entwicklung dieser Persönlichkeit erweckt in uns Sympathie und Ehrerbietung. Geboren am 26. Februar 1850 zu Blowitz, einem tschechischen Städtchen in der Nähe von Pilsen, wunderte Kraus, früh verwaist, iin Alter von 15 Jahren nach den Vereinigten .Staaten aus. Um, sein Leben zu fristen, arbeitete er rastlos auf einer Farm, dann in einer Fabrik und in einem Lager- Hause. Im Jahre 1871 kam er nach Chicago, studierte, während er in einem kaufmännischen Betriebe tätig war, Rechtswissenschaft und wurde zur Rechtsanwaltschaft zugelassen. Er erlangte Berühmtheit in seinem Berufe und fand, ungeachtet der Inanspruchnahme durch eine ausgedehnte Praxis, noch Zeit, tätigen Anteil zu nehmen an den Angelegenheiten des öffentlichen Lebens. Viele hohe Ehrenämter wurden ihm übertragen. Diese Erfolge führten unseren Jubilar nicht aus dem Judentum heraus, vielmehr schloß er sich diesem immer mehr an. In seiner Anhänglichkeit und begeisterten Liebe zum angestammten Väterglauben hielt er es für seine heilige Pflicht, seine Fähigkeit und Begabung, sein Wissen und Können, seinen Einfluß und sein Ansehen in den Dienst der Glaubens-, gemeinschast zu stellen. In dem Unabhängigen Orden Bne Brith suchte und fand Kraus ein dankbares Feld zur Betätigung, ein geeignetes Gebiet zur Entfaltung seiner Kräfte. Mit rastlosem Eifer und unermüdlicher Hingabe widmete er sich den hohen Zielen des Ordens Bne Brith und erwarb sich die Wertschätzung und das Vertrauen der Brüderschaft in dem Maße, daß sie ihm im Jahre 1905 einstimmig das höchste Ordensamt anboten und ihn als Nachfolger des unvergeßlichen und frühvollendeten Leo N. Levi zum Ordenspräsidenten wählten. Diese Wahl war für den Orden eine überaus glückliche. Unter der bewährten Leitung des Präsidenten Kraus hat der Orden eine beträchtliche Ausdehnung erfahren. Nicht nur in Amerika wurden neue Pflanzstätten errichtet, sondern auch außerhalb des Mutterlandes würde eine wertvolle Anhängerschaft gewonnen. Mit Hilfe des rühmlichst bekannten Ordensbruders Siegmnnd Bergel (Berlin) wurde der Orden nach England und nachdem Orient verpflanzt,so daß die Ordensleitung vor dem Kriege mit ihren Distrikten in den verschiedenen Ländern in sechs Sprachen zu korrespondieren hatte. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß in. dem Zeitraum von 1905 bis 1920 nicht nur die vom Orden ins Leben gerufenen Wohlfährtseinrichtungen, wie das Tubevkulojsenheim in Denver (Colorado), das Jüdische Waisenhaus in Clepeland, das Alter-Versorgungs- und Siechenhaüs in AonkerH, ,Has Jüdische Witwen- und Waisenhaus in New Orleans, das Sanatorium in Hot Springs (Arkansas) und andere mehr, in munifizenter Weise ausgestattet und ausgebaut, sondern daß auch neue Institutionen zum Wohle der Menschheit geschaffen wurden. Welches Ansehens und welcher Wertschätzung der U. O. B. B. sich in dem kulturell hochstehenden Amerika erfreut, beweist die Tatsache, daß zu größeren Logenveranstaltungen und Weihefesten sozialer Logeneinrichtungen auch Vertreter von Staats- und Stadtbehörden erscheinen, die bei diesen festlichen Anlässen das Wort zu ehrenvollen Kundgebungen für den Orden und das Judentum ergreifen. So durste beispielsweise bei dem Festbankett anläßlich der Tagung der Konstitutionsgroßloge im April 1910 in Washington der Orden als seine Gäste begrüßen: den damaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten William Taft, den damaligen englischen Botschafter James B r y c e, den Staatssekretär John W.Fv st er und viele andere hervorragende Männer des amerikanischen Volkes. Bei dieser Festlichkeit würdigte das Staatsoberhaupt Taft in längerer Rede die Tätigkeit des Ordens Bne Brith, indem er unter anderem sagte: „Ich kenne den Orden Bne Brith schon seit vielen Jahren und schätze ihn als das Muster einer jüdischen Gesellschaft; und wenn ich sage „M u st e r einer jüdischen G e s e l l s ch a f t", so meine ich damit eine Gesellschaft, die allen Gesellschaften zum Muster dienen kann. Ich hege die höchste Bewunderung für den jüdischen Stamm, weil er außer seinen vielen, anderen Vorzügen in hervorragendem Maße kunstbegabt ist -und alles Künstlerische schätzt. Die Juden sind ausgezeichnete Staatsbürger; sie sind immer auf. seiten des Rechtes und der Ordnung, und ich freue mich, wenn sie in unser Land kommen. Ich kenne welche, die hier so lange leben wie ich und somit gerade solche Amerikaner sind wie ich. Ich kenne sogar solche, die erst jüngst eingewandert sind, und habe bei ihnen immer die größte Hochachtung vor unseren freiheitlichen Institutionen gefunden. Ich wollte gar nicht so viel sagen, liebe Freunde; wenn Sie aber aus meinen Worten meine hohe Bewunderung für die Rasse, die Sie vertreten, herauslesen — für die älteste Rasse der Welt, die sich mit Recht die A r i st 0 k r a t i e des M e n s ch e n g e s ch l e ch t e §’) nennen darf und trotzdem die t1) Aehnliche Kundgebungen biegen von anderen hervorragenden Persönlichkeiten vor, wie vom Minister des Innern Mr. Bryan, dem gegenwärtigen Präsidenten Wilson u. a. m. — Auch Absen bezeichnet,(in einem Briefe an Brandes. Dresden 1871) die Juden als den „Adel des Menschengeschlechtes".