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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-02-27 · Heft 9 (27.2.1920) · p. Seite 103

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 9 (27.2.1920)
Date
1920-02-27
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
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Ltalien. Angesichts der unerhörten Judenverfolgungen, die seit mehr als einem Jahre in der Ukraine, in Ungarn und in Rußlandseitens Kvltichaks und Denikins stattfinden, erläßt die italienische Sozialistische Union einen flammenden Protest gegen solche zivilisierter Völker unwürdige Sitten; sie verlangt vom italienischen Volk, das gemarterte und dezimierte jüdische Volk kräftig in Schutz zu nehmen, und fordert die italienische Regierung auf, durch Vermittelung ihrer resp. (&> sandtschasten, der ukrainischen, russischen, ungarischen und anderen Regierungen, die sich irgendwelcher blutiger Delikte gegen unschuildi-ge und wehrlose jüdische Mnoritäten schuldig gemacht haben, energisch wissen zu lassen, daß eine Regierung, die derartiges duldet, sich entehrt, und aus dem Bunde zivilisierter Völker ausscheidet. Auch die Leitung der republikanischen Partei erhebt lebhaften Protest gegen die Judenpogrome, und seststellend, daß. trotz dem Versprechen der Regierungen in manchen Gegenden Rußlands, und Ungarns die schauderhaftesten Judenmassakers stattfinden, fordert sie alle zivilisierten Regierungen der Welt aus, ihre Aufmerksamkeit daraus zu richten und zu verhindern, daß das infame Martyrium der unglücklichsten aller menschlichen Rassen lveiter fortgesetzt wird. Aus Paris wird geschrieben: Anläßlich der großen Manifestation, die von der französischen Vereinigung für den Völkerbund' am 30. Januar in der Sorbonne veranstaltet wurde, hielt auch der Großrabbiner von Frankreich, Prof. Israel Lev i, eine Festrede, in der er u. a. sagte: Niemand begrüßt mit größerer Begeisterung das Morgenrot dieses neuen Lebens als die Jünger der Propheten Israels, die der Menschheit die Herrschaft des Friedens und der Brüderlichkeit als höchstes Ziel bezeichnet haben. Aber um lebensfähig zu sein, wird der Bölkerbund der Ausdruck des bewußten Willens der Nationen selbst sein müssen. Eine solche Reform der internationalen. Politik hat die persönliche Reform zur Hauptbedingung: sie fordert vor allem die Vernichtung des alten -antiken Götzen, jener falschen Auffassung, daß das Landesint-eresse -ein heiliges Recht ist, das über aller Gerechtigkeit steht. Die Schrift -hat recht, wenn sie sagt: „Der Frieden kann nur das Werk der Gerechtigkeit pin." Der Völkerbund wird der Bund der rechtlichen Menschen s-ein, die für das gleiche Ideal der Aufrichtigkeit und der Gerechtigkeit für alle sind. * Türkei. In Konstantinopel befinden sich einige Hunderte jüdischer Flüchtlinge aus Rußland, die in einer verzweifelten Lage sind, da sie noch nicht nach Palästina gehen können und in Konstantinopel keine Beschäftigung finden. Die Zeitung „La Nation" macht die Konstantinopeler Jüdische Gemeinde auf die Lage der Flüchtlinge aiufmerksam und fordert sie auf, dieselben zu unterstützen. Dr. Markus, der Vizepräsident der Zentralunterstützungskommission in Konstäntinopel, hat aus Amerika eine größere Summe für Wohltätigkeitsgwecke erhalten, wovon ein Teil für die russischen Flüchtlinge bestimmt wurde. Aus der Türkei wurde nach Odessa jüdisches Geld gebracht, das dreisprachig ist. Hebräisch!, Arabisch, und Englisch. Aus den Banknoten befindet sich ein Einlösung ^versprechen des Bankhaulses R o th s chi ld in London. Demzufolge genießen diese „jüdischen Pf.undnoten" höheren Kurswert als die englischen Pfund. („Der Locher", Warschau.) Ist das nicht ein Purimscherz? * Aus New Nork wird der „I. P. Z." berichtet: Die lebhafte Agitation für den baldigen Zusammentritt des Indischen Kongresses in Amerika war von Erfolg begleitet. Bekanntlich waren bisher führende Persönlichkeiten des Indischen Kongresses, unter ihnen auch Julian Mack und Louis M ar sh all, gegen den Zusammentritt des Kongresses vor der Unterfertigun'g des Friedensvertrages durch Amerika. Die von einer Reihe von Kongreßdelegierten eingeleitete Bewegung, die Einberufung des Kongresses zu beischleunigen, war von Erfolg begleitet. Der Kongreß wird aller Wahrscheinlichkeit nach, spätestens im April, und zwar wahrscheinlich in Boston zusammentreten. Aus einer im Offioe von Mack abgehaltenen Beratung wurde nach längeren Debatten beschlossen, im Verlause der nächsten zwei Wochen ein Spezialrneeting einzuberufen, welches Zeit und Ort des Kongresses bestimmen soll. Es wird allgemein erwartet, daß Amerika in nicht allzu ferner Zeit, allen Hindernissen zum Trotz, den Friedensvertrag unterfertigen dürfte, in welchem Falle der Jüdische Kongreß sofort nach, der Unterfertigung einberufen werden soll. Falls es jedoch nicht zur Untersertigung des Friedensvertrages kommen Isollte, dürfte der Kongreß nichtsdestoweniger nicht später als im April zusammentreten. Vorherrschaft des Judentums? Von Dr. M. Spanier (Magdeburg), er Kunstwart" bringt in seinem .ersten Janu-ar- Hest 1920 einen mit „Vorherrschaft des Judentums?" überschriebenen Artikel von Spektator. Der Pseudonyme Verfasser gehört nicht zu denjenigen, die die sogenannte Judenfvage mit wüstem Geheul und tausendmal widerlegten lügnerischen Behauptungen erledigen zu können vermeinen. Aber auch ihm, der anscheinend sich bemüht, objektiv zu denken, ist die Judensrage „ein uraltes schweres Problem der europäischen Staaten überhaupt und des deutschen Volkes insbesondere". Das Problem wird von der Bildfläche schwinden, wenn die Ideen der Sittlichkeit, des Rechts und der Wahrheit Allgemeingut der Menschheit geworden sind. Es kann nicht oft genug betont werden, daß dem Begriff Judenproblem ein sittlicher Makel anhaftet. Spektator hält es für zweifMos, daß das Judentum bisher im amtlichen und offiziellen Deutschland aufs schärfste unterdrückt worden und mit der Revolution „ganz ungeheuer" emporgeschnellt sei. Der Antisemitismus bürde dem Judentum -und der Sozialdemokratie die Schuld an Revolution nach Niederlage ans. „Damit wird man alles Nachdenkens über eigene Fehler ledig." Sehr richtig. Mit vollem Rechte weist der Verfasser auf die gefährliche Natur solcher Allgemeinbegriffe hin, wie sie auch im Kriege Äs Begriffe des Engländers, des Franzosen, des Deutschen nsw. eine so entsetzlich vergiftende Wirkung gehabt haben. Er kommt zu dem Ergebnis, daß der ganze Gedanke einer bewußt herbeigeführten Herrschaft des „Judentums" „ein Märchen" ist, „das nur Politische Kinder, wie die Deutschen, glauben und mit der ganzen Inbrunst ihrer eigensinnigen und kurzsichtigen Zanksucht Pflegen können". Das Problem ist dem Verfasser kein religiöses und auch kein physiologischrassenmähiges. sondern ein soziologisches Minoritätenproblem. Wir müsse:-, aber dem Artikelschreiber entgegcntreten, wenn er die gar nicht bewiesene Behauptung ausstellt, daß der „deutsche Geist" -heute mehr als je „jüdisch -gefärbt" sei. Bedauerlicherweise wird gar zu oft selbst in wissenschaftlichen Kreisen mit dem Begriff „jüdisch" jongliert — eine in diesem Zusammenhang sich erweisende gefühlsmäßige nebelhafte Begrifssschöpsung, die man ver-standes-mäßig nicht zergliedern oder definieren kann. Dabei betont der Verfasser ausdrücklich, „daß eine besinnungslose antisemitische Reaktion zu allen anderen Uebeln uns -auch noch internationale Schwierigkeiten bringen und den Külturkrieg der Entente gegen Deutschland noch -weiter mit wirksamstem Material und Giftstoff bereichern würde". Wenn nun der Verfasser am Schluß dem „Aufbau einer nationalen Kultur -und feineren Geistigkeit" das Wort redet I und dabei betont, daß er feinem Wesen nach gar nicht in die Hände der Juden fallen kann, „da diese bei allen außerordent-

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