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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-02-27 · Heft 9 (27.2.1920) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 9 (27.2.1920)
Date
1920-02-27
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 So bcmütljt sich die alldeutsche Presse, dem deutschen Volk den Ehrennamen des ,^Volkes der Dichter und Denker" wieder zurückzugewinnen! Spottet ihrer selbst und weiß nicht wie! * Zir den Pogromen in Südrntzlnnd. In einem längeren Artikel, betitelt „Die Verantwortung der Sieger", schreibt Dr. Paul Nathan in der Morgenausgabe des berliner Tageblatts" vom 17. Februar unter anderem über die Pogrome in Südrußland: Es gibt einen Lichtblick in der schreckenvollen Tragödie, die sich in Südrußland abgespielt hat. Entsprechend seinen großen und schönen Aufgaben liegt dort die Hilfstätigkeit jetzt in den Händen des Roten Kreuzes. In meinem Besitz befindet sich ein Schriftstück, das die Überschrift trägt: „Kurze Uebersicht über die Tätigkeit des Hilfskomitees vom Roten Kreuz für die von den Pogromen Geschädigten in der Ukraine." Schon die Tatsache, daß das Rote Kreuz die Hilfstätigkeit in die Hand genommen hat, beweist eines. Es muß das Unglück ein so furchtbares, ein so überwältigendes gewesen sein, daß die. Juden allein es zu beschwören nicht vermochten. Die große internationale Organilsation des Roten Kreuzes, eine jener Schöpfungen, die den Glauben an das Solidaritätsgefühl der Menschheit aufrechterhalten, sah sich veranlaßt, diesem Riesenunglück gegenüber einzugreifen. Das Rote Kreuz hat für jeden Bezirk einen christlichen Delegierten ernannt, um die Hilfe zu organisieren, und es gibt nach den letzten Nachrichten, die ich erhalten habe, elf solcher Bezirke. Unter dem christlichen Bezirksbevollmächtigten arbeitet ein Jude, der unmittelbar mit der jüdischen Bevölkerung in Verbindung zu treten hat, -um die praktisch-soziale Arbeit in Gang zu bringen und zu überwachen. Eine der Hauptaufgaben des christlichen Delegierten besteht darin, auf die christliche Bevölkerung einzuwirken, um neuen Judenmetzeleien vorzubeugen. Wenn man bedenkt, daß feit Oktober 1918 Südrußland mit kurzen Unterbrechungen von solchen Metzeleien und Plünderungen heimgesucht worden ist, so kann man auch ohne Detailmalerei.sich vorstellen, welch unzählige Tragödien und Qualen sich in diesen weiten Gebieten abgespielt haben. In der erwähnten kurzen Uebersicht heißt es:. „Während die Pogrome der ersten Periode — seit Oktober 1918 — hauptsächlich auf Plünderung des Eigentums gerichtet waren, war die nächste Welle wie ein gewaltiger Orkall, welcher kleinere lind größere Städte mit jüdischen Bewohnern vollkommen hmwegraffte." Und eine andere Stelle des Berichtes lautet: „Die jüdische Bevölkerung in der überwiegenden Mehrzahl der kleineren und größeren 3täbtc in den Gouvernements Wolhynien, Podolien, Kiew und Teilen von Cherson verlor all ihr Hab und Gut: Kleidung, Schuhe, Wäsche und Gegenstände des täglichen Bedarfs. Aus den Geschäften und auch bei den Hökern wurden alle Waren weggenommen. Die Handwerker sind all ihrer Maschinen und Werkzeuge beraubt; 'die Produktion ist zerstört. Die von Pogromen henngesuchte Bevölkerung erlag außer der allgemeinen seelischen Depression dein Einfluß epidemischer Krankheiten." Epidemien haben die rücksichtslose Eigenschaft, nicht nur Juden zu befallen, sondern auch Christen. Der Einfluß der Antisemiten auf die Bakterien ist augenscheinlich nicht genügend groß, um die Krankheitserreger zu veranlassen, ausschließlich ihre Opfer unter den Juden zu suchen. So kann man sich denn vorstellen, welche Verwüstungen Krieg, Pogrome, Seuchen unter dieser armen Bevölkerung, Christen wie Juden, angerichtet haben. Es liegen mir zahlreiche Tabellen vor, die in nüchternen, kalten Zahlen auf Seiten und Seiten die Gouvernements und in den Gouvernements die Bezirke und in den Bezirken die Ortschaften aufzählen, in denen Kinderashle und Speisehäuser eingerichtet werden mußten. Ein wahrhaft gewaltiges Werk lst geschaffen worden, um einigermaßen die furchtbare Not -her Bevölkerung zu lindern. Es sind 97 Kinderashle und Kinheranstalten ins Leben gerufen worden. Inihnen sind 12 550 Kinder untergebracht. Es ist selbstverständlich, daß damit nur in geringem Umfange das dringendste Bedürfnis befriedigt werden konnte. Es sind 61 Speiseanstalten eröffnet worden, und es müssen immer noch neue Kinderashle und neue Speiseanstalten geschaffen werden. In den Speiseanstalten werden 23 120 Personen 'beköstigt. VerftLndigevweise, soweit irgend möglich, gegen kleines Entgelt. Man hat 15 Ambulatorien, 4 Krankenhäuser, 1 Desinfektionskolonne geschaffen. Alles zusammen. eine Wesenleistung und alles zusammen doch gänzlich unzureichend. Die erschütterndste Zahl ist wohl jene der 1 2 5 5 0 Kinder in den Kinderanstalten. Natürlich find bei weitem nicht alle notleidenden Kinder erfaßt, und als notleidend werden vor allem jene Kinder betrachtet, die durch die Pogrome völlig verwaist sind. Wer diese Zahl zu lesen versteht, vor dessen geistigem Auge steigt eine Hölle auf, neben der die Dantesche Schilderung der Unterwelt fast ihre Schrecken verl'iext. * Alls Budapest wird uns geschrieben: Atinisterpräsident Husz-ar hielt in einer Mon-sterversammlung eine Rede zugunsten der von ihm ein geleiteten Notstandsaktion für -die notleidende Bevölkerung Budapests. Er teilte mit, daß sein Notschrei bisher eine Sammlung, von etwa 14 Millionen ergeben habe, während er zumindest 50 Millionen haben müsse, um dem -großen Elend wenigstens teilweise a'bhelfen zu können. Er hoffe wohl, -aus dem Auslande, an welches er sich mit seinem Appell gleichfalls 'gewendet habe, ansehnliche Zuwendungen zu -erhalten, dochfeies vor -allem notwendig, daß das Inland -seine Opfer bringe. Bei diesen Worten des M-rnisterpräsidenten -ertönte ausden ersten Sitzreihen der Zwischenruf: „Nehmt -es den Juden weg!" Der Ministerpräsident: „Das Problem ist nicht so -einfach. Wer hungert, den frage ich nicht, ob er .Jude ist -oder Christ. Und wer heute praßt- und dabei den Notleidenden gegenüber geizig ist, dem verzeihe ich nicht, ob er Jude ist oder Christ. Das kann keine Konfessionssrage sein. Hier kann man nicht -als Partei Vorgehen-, hier muß man handeln als Christen^ mensch. Jeder der mithelfen will, sei willkommen." Wieder der Zwischenruf: .„Nehmt es den Juden weg!" Nun wird Ministerpräsident Hufzar unwillig, hält einen Moment in seiner Rede inne und sagt dann, jedes Wort scharf betonen-d: „Ich weih nicht, wieviel Sie, mein Herr, zu dem Liebeswerk beigetragen haben. Die -aber, die Sie -apostrophieren, haben das Ihrige getan." Der Zwischenrufer verstummte. * Litauen. Das Preßbureau beim Ministerium für jüdische Angelegenheiten teilt mit: Die seit kurzem in Paris erscheinende „Tribüne Juive" versucht ganz besonders die angeblich vorhandenen großrussischen Tendenzen unter den litauischen, lettischen und anderen Juden zu unterstreichen. In Anbetracht dessen hat der Jüdische National rat in Litauen an die Redaktion der „Tribüne Juive" und an das Komitee der Jüdischen Delegation in Paris folgendes Telegramm gerichtet: Wegen der Aeußerungen der Pariser „Tribüne Juive", die es unternimmt, die gesellschaftliche Meinung des litauischen Judentums -auszudrücken, fühlt sich der Jüdische Nationalrat Verpflichtet,, zu. erklären, daß das litauische Judentum in seiner Politik niemals mit den Meinungen und Anschauungen der Petersburger jüdischen Politiker gerechnet hat und daß -es noch Viel weniger jemandem — sei es wer immer — das Recht zuerkennt, im Namen -des litauischen Judentums zu sprechen, seitdem es das äußerliche Joch abgeschüttelt hat und zusammen mit den übrigen Bürgern Litauens seine Selbständigkeit Verteidigt. In dieser seiner Selbständigkeit steht das litauische Judentum die beste Garantie für seine bürgerlichen und nationalen Rechte und ist allster ihm niemand berufen, die Anschauungen des 'litauischen Judenlums auszudrücken. *

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