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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-02-27 · Heft 9 (27.2.1920) · p. Seite 101

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 9 (27.2.1920)
Date
1920-02-27
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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.Die, „Kreuzzoitung" und die „Deutsche Zeitung" melden übereinstimmend, daß er voyr jüdischem Freisinn sprach. Die letztgenannte Zeitung verzeichnet aus seiner Rede folgenden Passus: „An der Börse' -Wele' sich' 'gegenwärtig eine wilde Spekulation ab, aber gerade diese Spekulation ist einzig und allein zu Len Steuern nicht 'herangezogen worden. (Zuruf: ,Zuden!") Män kann dielleicht vermuten, meine Damen und Herren, daß diese Kreise dem nicht ganz fernstehen." Wie hat man es sich p. erklären, fragen die .Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des. Antisemitismus", daß die „Deutsche Tageszeitung" in ihrem stenographischen Bericht über die Rede Rösickes diese Stellen sowie alle antisemitischen Zwischenrufe fortläßt? Aus, Philosemitismus hat dies das Blatt doch sicher nicht getan, da es bei den übrigen Rednern alle antisemitischen Ausfälle sowie die antisemitischen Zwischenrufe sorgfältig wiedergibt. Die „Kreuzzeitung" verzeichnet noch einen sehr, interessanten Zwischenruf bei dieser Rede. Als Dr. Rösicke Erzberger erwähnte, ertönte der Ruf: „Hängen!" Der Redner bemerkte dazu: „Machen Sie solche Zurufe nicht, sonst steht morgen in den Zeitungen: Wir schmiedeten finstere Attentatspläne!" Der folgende Redner, Freiherr v. Wangenheim, enthielt sich, wie nach der Durchsicht einer großen Anzahl von Berichten der Blätter verschiedenster Parteirichtungen festgestellt werden kann, jeder antisemitischen Bemerkung. An einer Stelle sagte er, nach scharfen Vorwürfen gegen die jetzige Regierung: „Wenn Las nicht anders wird, dann bleibt uns nichts weiter übrig, als auch hier unser und unseres Volkes Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen." Was mag der Redner mit dieser mysteriösen Andeutung gemeint haben? Hat er etwa auf die anscheinend von agrarischer Seite geplante Gegenrevolution angespielt? Der „Vorwärts" berichtete bereits vor einigen Tagen über die Unterbringung zahlreicher bewaffneter früherer Baltikumer seitens des Pommerschen Landbundes auf dem Lande in Pommern, und die agrarische Presse, vor allem die „Deutsche Tageszeitung", hat sich darüber bisher in vollständiges Schweigen gehüllt. Um so kräftiger ergingen sich die folgenden Redner in antisemitischen Hetzereien. So gab der Nachfolger des Dr. Hahn im Direktorium des Bundes der Landwirte, Regierungsrat Dr. v. Volkmann, folgende angebliche Aeußerung eines Landarbeiters zum besten: „Während wir armes Volk mit Gefrierfleisch ab ge spei st werden, schwelgen die Juden und die Schieber im Ueberfluß." Der Obmann des Verbandes unabhängiger Bauernbünde Deutsch-Oesterreichs, Dr. Schändet (Wien), erklärte: „Wir wißen sehr genau, besonders in Deutsch- Oesterreich und in Wien, welchen unheilvollen Einfluß das Judentum während des Krieges und jetzt nach dem Kriege ausgeübt hat." Ihm sekundierte der Vertreter des Bundes der Landwirte in Böhmen, Jannosch, mit der Aeußerung: „Der Bund der Landwirte steht auf christlich-germanischer Grundlage, hat in seinen Reihen nur Arier und nicht jene volkszerisetzenden Elemente, die den Ruin des Volkes mit herbeigesührt haben." Als ebenso waschechter Antisemit entpuppte sich der badische Landtagsabgeordnete Hertle, der sagte: „Auch bei uns in .Baden haben sich Leute an die Spitze der Regierung gestellt, die, Gott sei es geklagt, vom Roten Meer gekommen sind. Sie sind eS gewesen, die uns zunächst regierten . . . Die zwangsweise Bewirtschaftung des Tabaks kommt nur Leuten zugute, die nicht arbeiten, Kriegsgesellschaften, Handelsgesellschaften, deren Kapital im wesentlichen von jüdischer Seite finanziert wird." Es braucht nicht besonders betont zu werden, daß diese Behauptung in ihrer verallgemeinernden Form eine gehässige antisemitische Uebertreibung darstellt. Gutsbesitzer Ja ndreh , Mitglied der Preußischen Landesversammlung, schob die Schuld an der jetzigen schlimmen Lage darauf, daß „der deutsche Geist einmal diese gelbeWuHertz l um e, die aus Asien herstammt, auf seinen Acker verpflanzt hat, so daß man heute Berlin kurzweg als Neu - Ierusale m bezeichnet". Der Redner feierte demgegenüber den „G e i st von Pots da m". Als Schlußredner erschien auch diesmal wieder Herr v. Oldenburg (Januschau) auf der Bildfläche. Seine larmoyante Rede, die mit „Gott schütze Kaiser und Reich" schloß, enttäuschte offenbar die Zuhörer ganz bedeutend, die nach der gebotenen gepfefferten Kost namentlich auch von ihm etwas besonders Pikantes erwartet hatten. Gegenüber seinen jammernden Tiraden über die böse Zeit und die böse Regierung erinnert ihn der „Vorwärts" mit vollem Recht an den bekannten Brief, den er am 12. April 1915 an den damaligen Minister des Innern v. Loebell richtete und in dem er sich selbst einer an Landesverrat grenzenden Handlung bezichtigte, indem er mitteilte, er lasse wehen der „täglich wechselnden Verordnungen" 500 Morgen seines Gutes unbestellt, und viele machten es ebenso. Und diese Leute, die nach ihrem eigenen Geständnis ihr redliches Teil dazu beigetragen haben, daß Deutschland sich seinen Feinden durch Hunger beugen mußte, wagen es jetzt, sich als moralische Sittenrichter aufzuspielen und im Tone der wüstesten antisemitischen Hetzer namentlich die Juden als die Schuldigen für das hinzustellen', worin gerade sie sich am schwersten am deutschen Vaterlande versündigt haben. * Volk der Dichter ««* Denker! Von unseren Feinden ist während des Krieges oft der Satz aufgestellt worden, die Deutschen seien wohl einmal das „Volk der Dichter und Denker" gewesen, aber seit einigen Generationen hätten sie auf diesen Titel keinen Wert mehr gelegt, sondern allein Macht und Gewalt angebetet. Auf das deutsche Volk in seiner Gesamtheit angewendet, ist dieses Urteil sicher grundfalsch, es wird widerlegt durch ungeheure künstlerische und wissenschaftliche Leistungen. Aber für den engen Kreis der Alldeutschen trifft es zu. Man lese nur einmal, was in der Hochlschulbeilage der „Deutschen Zeitung" über die Vorgänge im Kolleg des Professors Einstein zu lesen steht: Wie man Moissi gehört haben mußte, mußte man natürlich auch Einstein gehört haben. Wer ihn hauptsächlich hören mußte, braucht wohl eigentlich nicht gesagt zu werden. Die Hörerschaft hatte ein vorwiegend asiatisches Gepräge. Man sah würdige Matronen, junge Damen zweifelhafter Qualität. (Jedes Wort hiergegen wäre zuviel. Die Redaktion), Schuljungen mit den heiligen Farben Zions auf der Wappennadel des Jüdischen Wanderbundes, im übrigen Publikum, das nach Salon Casfirer aussah,. Es ist ganz verständlich, daß weitere Kreise des jüdischen Volkes den Wunsch haben, den jüdischen Gelehrten zu hören; auch ist nicht zu leugnen, daß viele Deutsche diesem jüdischen Zeitgenossen Interesse entgegenbrachten. In Professor Einstein, schreibt dazu der „Vorwärts" vom 19. d. M„ besitzt Deutschland' einen Gelehrten, der wie kein zweiter sich rühmen kann, deutscher Wissenschaft trotz aller Geistesverwirrung des Krieges im ganzen Auslande wieder Achtung und Ansehen verschafft zu haben. Um diesen Gelehrten beneidet uns die Welt, und kein Friedensvertrag von Versailles kann sein wissenschaftliches Ansehen auch in Paris und London antasten. Aber was tut die alldeutsche Presse? Sie versichert ein über das andere Mal angelegentlich, daß dieser Mann gar kein Deutscher sei, sondern ein Jude und außerdem noch aus der Schweiz (jüdischen Schweiz?) gebürtig. Und die „Deutsche Zeitung" beeilt sich hinzuzufügen, daß auch die Leute, die an dem epochemachenden Geisteswerk dieses Mannes Interesse haben, beileibe keine Deutschen seien, sondern „astatische Gestalten".

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