Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1920)
- Date
- 1920-02-20
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 & # Berlin, 17. Februar.. Die Leitung der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin (Wölfische Stiftung) hat es verstanden, durch ihre vortrefflich organisierte, interessante erste Ausstellung noch immer die Aufmerksamkeit weiter zu fesseln-., obgleich jetzt, schon., drei Jahre seit Eröffnung der Sammlung verflossen. sind. Nicht nur die einzelnen. Gemeindemitglieder besuchen die Sammlung eifrig, sondern auch ganze Vereine und Gesellschaften haben in dem Saale der Kunstsammlung einen Treffpunkt gesunden, um sich dort durch den Leiter der Kunstsammlung, Herrn Dr. Stern, und seine Mitarbeiter lehrreiche Ausschlüsse über die Bedeutung der ausgestellten Gegenstände geben zu lassen. Im Monat Januar besichtigten der Sportverein ,.K a m e r a d e n", der Liberale Jugend v e rein und die R e l i g i o n 8 k l a s s e n der K ö n i g st ä d t i s ch e n O b e r r e a l s ch u l e, kurz vorher die Spinoza-- L o g e der Bne Brith und der W a n d e r b u n d N e uk.öl l n die lehrreichen Bilder. Stiche, Münzen, Medaillen und sonstigen Altertümer. Zum besonderen Nutzen gereicht die Kunstsammlung den Schülern, die Leuchtenden Auges hier jüdische Geschichte studieren. Mit Recht haben die Bildungsanstalt für jüdische Lehrer, die Knaben - und Mädchenschule der Jüdischen Gemeinde sowie viele N e l i g i o n s s ch u I c n und R e I i g i o n s k l a s s e n der höheren Schulanstalten Berlins und der Umgegend ihren Unterricht ausfallen lassen, um in diesem jüdischen Museum unter Leitung der Lehrer und Museumsbeamten den Zöglingen die jüdische Vergangenheit anschaulich vorzuführen. Da gibt es keinen Ausstellungsgegenstand, der die Jugend nicht lebhaft interessiert und sie nicht veranlaßt, später auch ohne ihre Lehrer wiederzukommen, um ihre Kenntnisse zu vertiefen. Ganz besonders fesseln ihre Aufmerksamkeit die Funde der palästinensischen Ausgrabungen und die Münzen der hasmonäischen und herodäischen Fürsten, wie überhaupt die ganze Sammlung altjüdischen Geldes. Die großen Lichtdrucke der Bibel- und Talmudhandschriften erschließen ihnen die Welt jüdischer Religions- und Literaturdenkmäler, und die umfangreiche Sammlung hervorragender Persönlichkeiten des Judentums vom 16. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts in wertvollen großen Stichen macht sie mit den großen Männern des Judentums bekannt. Außerordentlich fesselt die Gruppe der' Mendelssohn-Bilder, in erster Reihe die weltbekannte marmorne Originalbüste .des großen Mannes aus Tassaerts Meisterhand und das Oelporträt des Philosophen von Frisch, das erst durch die Kunstsammlung der kunsthistorischen Forschung und Oefsentlichkeit bekannt geworden ist. Hoffentlich stellt die Verwaltung der Gemeinde in Zukunft größere Geldmittel zur Verfügung, um dieses höchst verdienstvolle Institut weiter auszubauen. Wünschenswert wäre auch die Mitwirkung von Männern und Frauen, die durch Geldbeträge und Schenkungen den Ausbau der Sammlung fördern. Im Besitze vieler Familien befinden sich jüdische Kunstgegenstände und Altertümer, die im Museum der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden könnten. Der. Leiter der Kunstsammlung bietet als ernster Gelehrter und Kunstsachverständiger nach den bisher abgelegten Proben die Gewähr für den Ausbau der Sammlung und ihre Verwertung im Dienste der Oefsentlichkeit. Wie man uns mitteilt, wird die jetzige Ausstellung nur noch kurze Zeit andauern; eine neue Ausstellung ist in Vorbereitung. Man darf ihrer erwartungsvoll entgegensetzen. B. T. Berlin, 17. Februar. Am 17., 18. und' 19. Februar wird die SNldenten'vertr.etungj an der Berliner Universität neu gewählt. Da auf 150 Studierende ein Vertreter kommt und die Zahl der eingeschriebenen Studenten auf etwa 15 000 anzunehmen ist, sind im ganzen 100 Vertreter zu wählen. Für die Mahlen, deren besondere Bedeutung darin liegt, daß sie Ausschluß über das Kräfteverhältnis innerhalb der Berliner Studentenschaft geben werden, wird von allen Seiten eine lebhafte Agitation entfaltet. Der Berliner. Maf.fenring der schlagenden Verbände (Korps, Burschenschaften, Landsmannschaften und Turnerschaften im V. C.), die Deutsche Gruppe der Korporationen (insbesondere Verein deutscher Studenten, Deutsche völkische, Deutschnationale, Vollksparteiler) und die sogenannte Deutsche Finkenschaft haben sich zu einem Nechtsblock zusammengeschlofsen, der unter der Parole „Keine Stimmen den Juden und Internationalisten" eine gemeinsame Liste aufstellt und sich anmaßend als „Zusammenschluß aller national empfindenden Studierenden" bezeichnet. Seltsamerweise ist der „Katholische Akademische Ausschuß" .mit. diesem Nechtsblock eine Listenverbindung eingegangem Auf der anderem. Seite präsentieren die beiden Gruppen der sozialistischen Studenten ebenso -eine gemeinsame Liste. Die i-m K. C. vereinigen jüdischen schlagenden Verbindungen und die studentische Ortsgruppe des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gehengleichfalls mit einer gemeinschaftlichen Liste vor, während die Liste der zionistischen Gruppe infolge eines Formfehlers nicht berücksichtigt wird. M. K. Forst (Lausitz), 13. Februar. Am 5. d. M. hielt hier unser Prediger Herr Pulvermann einen öffentlichen Vortrag über den Talmud, zu dem sich viele Zuhörer eingesundem Der Saal war vollbesetzt. Vertreter der städtischen Behörden, Geistliche der beiden anderen Konfessionen, Leiter und Lehrer der höheren und der Volksschulen befanden, sich unter den Gästen. Das für den Abend gewählte Vortragsthema wie die Person des Vortragenden, der in den letzten Monaten mehrfach in der Oefsentlichkeit hervortrat und sich als glänzender Redner zeigte, hatten eine große Anziehungskraft ausgeübt. In etwa einstündiger Rede erörterte er zunächst den Ursprung und die Art der Entstehung dieses bändereichen Schriftendenkmals in fesselnder und lehrreicher Art und ging dann zu dem Inhalt über. Er zitierte die Lehren des Talmuds über das Verhältnis zwischen Mensch und Mensch über Menschen- und Feindesliebe und über soziale Fürsorge. Er wies nach wie das Schulwesen schon damals auf der Höhe gestanden, wie segensreich die Talmudisten auf dein Gebiete der Medizin und Hygiene gewirkt, daß sie in der Philosophie bahnbrechend waren, daß die Fleischschau, die Sabbatruhe, die Armen-, Kranken- und Altersfürsorge bis ins kleinste geregelt war, während moderne Staaten kaum den Anfang dazu gemacht. Jur zweiten- Teile schilderte er die Anfeindungen, denen der Talmud ausgesetzt war, beginnend von der Verbrennung ganzer Wagenladungen auf dem Scheiterhaufen in Frankreich bis zu den Gehässigkeiten v. Hammersteins, den Dinterschen Flugblättern der Neuzeit, denen gegenüber er Reuchlin, Buxtorf, Herder, Wünsche, Strack und viele andere entgegenstellte. Mit dem Wunsche, daß die gegebenen Aufklärungen dazu beitragen möchten, die ungerechtfertigten Vorurteile zu beseitigen, schloß der Vortragende: „Alle Deutschen seien gleichwertige Kinder des Vaterlandes, und wie alle gemeinsam gekämpft und geblutet, so wollen wir gemeinsam, mit vereinten Kräften, für den Wiederaufbau des Vaterlandes schaffen und wirken." Lang-anhaltender Beifall folgte den Ausführungen. Bemerkenswert ist das Urteil des Vorsitzenden der hiesigen deutschnationalen Parteigruppe, der Vortrag sei so sachlich, wissenschaftlich und überzeugend gewesen, daß eine Diskussion sich als völlig uangebracht und überflüssig erweise. 8. Magdeburg, 13. Februar. Der Verein für jüdische Ges.ch i ch -t e und L i t e r a t u r sowie der jüdische I;u gend - verein veranstalteten gemeinsam einen Vortragsabend, an welchem Herr Dr. M. Plaut von der Landwirtschaftlichen Versuchsstation Bernburg über das Thema: „Die Landwirtschaft unter den Juden in Vergangenheit und Zukunft" sprach. Einleitend wies der Redner darauf hin. daß drei Millionen Juden infolge des Antisemitismus und der Bodenenteignung zur Auswanderung aus Osteuropa gezwungen wären, und daß dadurch das Judenproblem in alle Staaten getragen wäre. Die Versuche der großen jüdischen Organisationen, ans diesem Gebiet Wandel zu schaffen, waren zum Teil von Erfolg, teils aber bei dein schwer zu behandelnden Material von Mißerfolg. Dr. Plaut besprach den Stand der Kolonisation in Südamerika (Argentinien,, Zypern), den Zichzackkurs russischer Judenpolitik. Er erwähnte ferner die russisch-jüdische Agrarpolitik aus den Jahren 1804 und 1835 in ihrer Wirkung und die Folgen der Bodensperre vom Jahre 1882. Letzteres ist das Ausgangsjahr des praktischen Zionismus geworden. Damit kam Redner auf die orientalische Agrarfrage zu sprechen und -auf das Schicksal der jüdischen Kolonien im Orient. Die Juden sind dort nach dem Vorbild der schwäbischen Kolonien die Pioniere der intensiven Bewirtschaftung des Landes. Redner erwähnt im Zusammenhang damit die verschiedenen Ausbrldungsanstalten in Deutschland für junge jüdische Landwirte sowie die Bestrebungen der Verbände, eine Berufsumschichtung der Großstndtbevö'lk.erung zu fördern. Die Ausführungen des