Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1920)
- Date
- 1920-02-20
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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84. Jahrgang. Nv. 8 Der Oemeindeüote. VettsAe zur „Allsemeinen Tettung deF Judentums". Korrrsponden?kn und Sachrichtm. SrutWanL. Berlin, 17. Februar. Auf der Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden am 2. Mai d. I. wird Rabbiner Dr. Nobel einen Vortrag über „Die Idee der Völkerversöhnung im Judentum" halten. Ferner ist ein Vortrag des Verbandsvorsitzenden, Geheimen Justizrat Cassel, sowie die Beratung eines Satzungsänderungsentwurfs in Aussicht genommen; Gegenstand der Tagesordnung wird möglicherweise außerdem auch die Frage der Gesamtorganisation sein, deren „Gründung" in einer jüdischen Wochenschrift jedoch unzutresfenderweise als Aufgabe der Hauptversammlung bezeichnet ist, denn die Gesamtorganisation kann nach 8 137 der Reichsverfassung nur von einem Willensakt schon bestehender Religionsgesellschasten mit dem Recht öffentlicher Körperschaft (Gemeinden bzw. öffentlich-rechtliche Landesorganisationen) erreicht werden, und der Verband der Deutschen Juden konnte sich daher nur die Förderung dieses Zusammenschlusses zur Aufgabe machen, den er, wie an anderer. Stelle berichtet, gemeinsam mit dem Deutsch- Israelitischen Gemeindebund herbeizuführen bestrebt ist. E. M. Bevlin, 17. Februar. Die Berliner Gemeindebehörden ' haben beschlossen, jugendliche Gemeinden: itglieder als Helfer für die sozialen Einrichtungen -der Gemeinde heranzuzichen. Ter Aufgabenkreis -der Wchl-fahrtskornmifsionen -ist im ständigen Wachsen begriffen, .so daß sich die Notwendigkeit herausgestellt hat, die Komrnis'stonsmitglie'der zu entlasten, ohne dadurch die Zahl der Kommifisionsmi'tglieder allzusehr anwachsen zu lassen. Die Gemeindeverwaltung hat sich an die Berliner jüdischen Jugendorganifationen mit der Bitte um Benennung von Mitarbeitern gewandt. Eine erste Versammlung der zukünftigen Helfer und Helferinnen fand im Verw ältun gsgebäude der Jüdischen Gemeinde statt, in der Herr Rechtsanwalt Baum, der auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege sehr bekannte Vorsitzende der.Wohlfahrtseinrichtungen der Jüdischen Gemeinde, ein interessantes! >Referat über die '.Aufgabender Helserschaft erstattete. Das Institut der Helfer 'soll der Vertiefung der Wohlsahrtspflege dienen und die pflegerische Behandlung des Einzelfalles durch Mitwirkung eines größeren Kreises von Hilfskräften erleichtern. Diese Einrichtung war bisher nur in der Für - s. o r g e k o m. m i f f i o n fatzungsgemäß vorgesehen. Die Helfer und Helserinnen können dort einzelnen Ko:nmisisions:nitgliedern zu deren Entlastung zu,gewiesen werden, sie können aber auch direkt vom Vorsitzenden mit einzelnen Aufgaben betraut werden; bewährte Mitarbeiter sollen in erster Linie bei der Wahl zu Mitgliedern der Kommisision berücksichtigt werden. Eine ähnliche Satzungsbestimrnung ist nun auch für die Ar m en k ommii ffion vom Genie indevor stand beschlossen. Vorläufig müssen aber sämtliche Helfer und Helferinnen für die F!Ürforgekommiffio.n verpflichtet werden, wenn es auch Vorbehalten bleibt, einen Teil von ihnen späterhin der Armenkommission zu überweisen. Dagegen besteht schon, jetzt die Möglichkeit, die Helfer und Helferinnen in einem Umfange zu beschäftigen, der weit über den Rahmen der Fürsorgekommifsion hinausgcht. E'.in> weiteres Arbeitsfeld bietet insbesondere die vor kurzer Zeit ins Leben gerufene Jugendfürso r ge ste l l e der Jüdifchen Gemeinde, die die pflegerische Behandlung aller der Jugendlichen übernimmt, für die weder die Waisenkommission, noch die Iürsorgekornmission, noch bie Sammelvovnrundschiaft zuständig sind, die sich insbesondere -im Einvernehmen mit der Fürsorgekommisston auch solcher Jugendlicher annimmt, die vor dem. Einfluß einer schlechten Umgebung behütet w>erden müssen, gegen deren Person aber in sittlicher Beziehung noch nichts vorliegt. Speziell für die jüngeren Juristen unter den Helfern kommt eine Betätigung der Sammelvormundschaift in Frage. Ein weiteres Gebiet für die Helfer bildet eine Frage, die die Fürsorgekommisston in den letzten Monaten sehr viel beschäftigt hat. Es handelt sich hierbei um Leute, die wegen der in Polen vorgenomme.nen Rekrutierungen die Heimat verlassen, vielfiach. um solche, die guten Fam-ilien angehören; sie kommen aber fast durchweg Hier-mittellos an, da ihnen die von zu Hause mitgenommenen Mittel mit Gewalt oder als Bestechiungsgeld aus polnischer oder deutscher Seite abge,nommen werden. Hier erhalten sie in der Regel eine Geldstrafe, die im Falle der Zahlungsunfähigkeit in Gefängnisstra.'fe anugeiwandelt wird. Ueber das, was später aus ihnen wird, ist schwer. Genaueres zu erfahren. Die Fürsorge für diese jungen- Leute kann sich nicht.auf Geldunterstützungen beschränken. Arbeitskräftige Menschen, die in Deutschland bleiben wollen, müssensich ans eigener Kraft eine Existenz verschaffen. Es gilt daher,. die jungen Leute in anständige Gesellschaft zu bringen und ihnen einen geeigneten Anschluß verschaffen. Dieses kann besonders dadurch geschehen, daß sie den Jugendorganisationen zugeführt werden, wobei es weder auf die politische noch auf die religiöse Art der Organisation ankommt. Unter Leitung der Fürforgekommifsion soll deshalb aus Mitgliedern verschiedener Jugendoriganisationen eine kleine Kommission gebildet werden, deren Leitung das Mitglied der Fürsorgekommission Herr Rabbiner Dr. Emil Levy übernommen hat. - Nach diesen Ausführungen des Vorsitzenden^ die von der Versammlung mit großem Interesse ausgenommen wurden, dankte der Vorsitzende den Jugendorganisationen aller Richtungen für ihre Mitarbeit an der neuen Institution. Er hofft, daß die Einrichtung der Helfer und Helferinnen sich in der Praxis zum Segen der Gemeinde entwickeln werde. 8. Berlin, 17. Februar. Der Z e n t r a l v e re i n für die Interessen der Jüdischen Gemeinde Berlin hat beschlossen, eine Reihe von Vorträgen über jüdische Fragen, zu veranstalten, um eine innere Verbindung Zwischen den Mitgliedern zu' bilden. Den ersten Vortrag über das Thema: „Was bedeutet uns das Judentum?" hielt am 1-2. d. M. Herr Dr. Jsmar Freund im großen Logensaale. In der Einleitung wies der Redner darauf hin, daß wir in einer Zeit leben, in der nicht nur alle wirtschaftlichen, sondern auch alle sittlich-religiösen Werte eine Umwertung erfahren, und daß es daher not tut, den Boden, auf dem man steht, auf feine Tragfähigkeit zu untersuchen, um sich die Frage vorzulegen, ob wir noch innerlich Juden seien und was uns das Judentum bedeute. Aus das eigentliche Thema eingehend, beantwortete der Redner die Frage: Zunächst ist uns das Judentum die g r o ß e i n s ich g e s ch l o ss en e W el t a n s ch a u u n g, die uns den Sinn des Lebens offenbart und eine innere Harmonie, einen festen sittlichen Halt bietet. Bei allen wissenschaftlichen Fortschritten unserer letzten Kulturcpoche hat diese es nicht vermocht, >:;n§ eine große Weltanschauung aufzubauen; unser Denken und Empfinden entbehrt der einheitlichen Größe und ringt sich nicht zur ethischphilosophischen Tiefe empor. Das Judentum in seiner großzügigen Auffassung vom Leben und seiner wunderbaren Entwicklung offenbart uns bie geistig-sittliche Weltanschauung, der Menschlichkeit, die von: Göttlichen ausgeht und Uns Ziel und Richtung desDenkens undHandelns gibt. Das Judentum ist uns ferner die Heimat der Seele, weil unser ganzes Seelenleben darin verankert ist; es gibt den sittlichen und geistigen Kräften -den festen Boden, auf dem sie sich entfalten und zum Fortschritt gelangen können. Das Judentum ist uns ein Kult u r e l e m e n t der Ewigkeit, weil es die höchste Sittlichkeit verlängert und mit der Höhe der Auffassung ein tiefes Eindringen in die menschliche Natur verbindet, die zur Befruchtung unserer Gedankenwelt und zur Bildung des Charakters führt. Das Judentumist uns nicht nur die Riligion unserer Väter, sondern auch der Glaube, den wir brauchen, um geistig und sittlich, weiterzukommen. — An einer Reihe von Vergleichen mit -den alten 'Religionen wies der geistreiche Redner die eigenartige Größe des Judentum nach, und er schloß mit der begeisternden Aufforderung, die Fahne des Judentums hochzuhalten und für seine Ideale zu leben und zu kämpfen. Die zahlreiche Versammlung nahm den ungemein anregenden und formvollendeten Vortrag voller Dankbarkeit entgegen. Eine Anzahl von Anfragen bot dem Redner die Gelegenheit, sich über manche traurige Erscheinungen der Gegenwart zu äußern und die Materialisierung des Lebens, das geschmacklose Protzentum und die widerliche Genußsucht, die sich leider auch in den jüdischen Reihen zeigt, in schwersten Worten zu. geißeln.. Der lehrreiche Vortrag wird der zahlreich erschienenen Zuhörerschaft 'in angenehmer Erinnerung bleiben.