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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-02-20 · Heft 8 (20.2.1920) · p. Seite 96

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 8 (20.2.1920)
Date
1920-02-20
Page
Seite 96 (sequence 12)
Language
German
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'96 »Ich habe einst ein Liebeslied gesungen", fuhr Benjamin foirt, „und >das schuf mir mein Lebensleid, und als das Liebeslied verklungen war, da trug ich das Leid in meinem Herzen, wie man ein Schmerzenskind zärtlich auf den Armen trägt ... Das brandende Meer hat alles, alles weggeschwemmt.- Die leidende Welt hat den leidenden Menschen verschlungen. — So der Mensch im Zelte stirbt, dann heißt es: er ist nicht mehr. Ich aber, Sara-Lea, bin längst nicht mehr. — Ach, wenn wir Toten sterben! — Daß einem seine Leiden genommen werden können, das ist der Fluch unserer Zeit." „Das ist unserer Zeit größter Sogen", warf Sara-Lea dazwischen. Sie spracht indessen so leise, des es Benjamin nicht hören konnte. „Gib Antwort," Sara-Lea, wenn du kannst!" sprach Benjamin weiter. „Glaubst du noch immer an die Macht des starken Willens, du Willensstärke! Ein Rad ist in die Welt gesetzt, hat einmal der Rabbi gesagt, ein Rad, das ständig in Bewegung ist; den einen trägt's empor, über den anderen fährt'«, ihn zermalmend, hinweg. Kann der starke Wille in die Speichen dieses Rades greisen? Gib Antwort, Sa>ra-Lea, du Willensstärke!" Ein dünner weißer Hauch entstieg seinem Munde. Der Ausdruck seines Gesichts ging allmählich ins Schattenhafte, ins Wesenlose über und verlor zusehends jegliche Deutsamkeit. Im Auge erlosch das Geflacker und schlaff senkte sich das Lid, bis zur Hälfte, wie ein Nebelschleier auf den glanzlosen Stern herab. Sara-Lea stand regungslos da, in Angst gebannt. „Ja, warum?" Hub er wieder an. „Weißt du Antwort auf dieses Warum? Warum bin ich dir nicht gefolgt, Sara- Lea. als du schriebst, daß ich dir nicht folgen sollte, und du heimlich wünschtest, daß ich's dennoch tue? Warum stand der rote Schatten hinter meinem Rücken und folgte mir auf allen Wegen, die mein kurzes Leben mich führte? Warum hat das Schicksal mich zwischen Haus und Häuschen, wie zwischen zwei Magnetberge, gestellt?" Sara-Lea zuckte zusammen. Das alles klang so unheimlich in dem fahl beleuchteten, von weiten Dunkelmassen umrahmten Winkel. War's die letzte Stimme des Lebens, war's die erste des Todes, die aus Benjamin sprach? Alle Schauer des Geheimnisvollen, des Rätselhaften, des Zutiefgeschauten rieselten durch seine Worte. Benjamins Stimme wurde immer schwerer und sank allmählich bis zur Tonlosigkeit herunter. „Da ist er", hauchte er, „hier, siehst du ihn . . . dort . . . da wandert er. Mn Jauchzen geht durch seine Seele, Quellen reiner, reinster Freude springen in seiner Brust. Unaufhaltsam steigt er den Berg hinan . . . unaufhaltsam . . . ohne Müdigkeit . . . Und „Das Konzert der Konzerte" begleitet ihn auf seiner Höhenwanderung, und fernher, von dem Ruderboot, das, rotgrün schillernd, auf dem silbrigen Flusse schwimmt, klingt das Hoffnungslied herüber... So ist er eingestellt in die Welt des Friedens und freut sich der Freuden, die das Leben verheißt ... Er steigt hinan ... er gelaugt nach oben; und oben — siehst du es, Sara-Lea? — oben stehen drei düstere Kreuze . . . und das Hoffnungslied verklingt . . . versinkt . . . Schwer lastend legen sie sich auf seine Brust. . . und statt des einen trägt er dreie — dreie-dreie-" Die Stimme riß. Wie ein Kampf war's in dem spärlich erleuchteten Winkel einer von Dunkelmassen umklammerten Welt, wie das Abwälzen einer dreifach drückenden Last, die das Leben unbarmherzig, grausam, dem auswärts schreitenden, lichtsuchenden Menschen aufgebürdet. . . * Tags darauf verschied Benjamin. Und es war kein einziger Jude in der Stadt, der ihm den letzten Liebesdienst hätte erweisen können. Russische Soldaten trugen ihn und begruben chn auf dem jüdischen Friedhof. Sara-Lea.gab ihm das letzte Geleite. . Litrrsrilchr Mitteilungen. Jakob Seifensieder: Gabriel Riesser. Ein deutscher Mann jüdischen Glaubens. I. Kaussrnann Verlag, Frankfurt a. M. 1920. M. 10,—, Luxusausgabe M. 20,-- zuzüglich 20 Prozent Teuerungszuschlag. In einer Zeit, wo Glaubens-, Klaffen-- und Rassenhaß wieder wie in den dunkelsten Tagen des Mittelalters üppig in die Halme schießt, muß auch Gabriel Riesser, der mnt^ und glutvolle Vorkämpfer für Glaubens- und Denkfreiheit, wieder zu Wort kommen. Wie in den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sein Karüpf religiöser und Politischer Engherzigkeit und Unduldsamkeit galt, so nrögen jetzt feine zornbeschwingten Worte die schlafenden und irregeleiteten'Geister wecken und zur Verteidigung der mühsam errungenen Glaubensfreiheit und Gleichberechtigung aufrufen. Es ist deshalb mit Dank Zu begrüßen, daß Seifensieder es unternommen hat, dem gegenwärtigen- Geschlecht wieder Gabriel Riesser als Wegweiser zu diesen höheren Zielen der Menschheit vor Augen zu führen, indem er nicht nur eine liebevolle, fesselnde Darstellung feines Lebens und Wirkens gibt, fondern ihn selbst dabeidurch Benutzung feiner Werke, Reden und Briefe auch ausgiebig zu Wort kommen läßt. Der erste Teil — Gabriel Riesser der Jude — gibt darum den Hauptinhalt seiner der Emanzipation gewidmeten Schriften wieder, während der zweite Teil — Gabriel Riesser der Deutsche — mit seiner parlamentarischen Tätigkeit und seinen Reden in der Nationalversaunnlung von 1848 bekannllnacht. Bekanntlich war Riesser nicht nur führendes Mitglied des „linken Zentrums" -im ersten deutschen Parlament, fondern auch Vizepräsident und Mitglied der von der Paulskirche zu König Friedrich WU-helm von Preußen entsandten Teputation, um ihm die Kaiserkrone anzubieten. Auch nach dem Scheitern des Frankfurter Parlaments und seiner Pläne spielte Riesser noch eine führende Rolle -in der „sterbenden Nationalverfanlmlung". So bietet das Buch nicht nur eine Fülle des Anregenden und Fesselnden, sondern es zeichnet uns auch das Bild eines -aufrechten Juden und, wie Hans Blum von ihm sagt, eines der treuesten, reinsten und edelsten Jünger d-er nationalen deutschen Partei, dessen Andenken im deutschen Volk unvergessen bleiben wird. Die Verlagsbuchhandlung hat das Buch gut ausgestattet und ihm fünf Bilder beigegeben, darunter die bisher noch nicht veröffentlichten von Riesfers Vater und Großvater. Die Anschaffung dieses Buches wird niemanden gereuen; seine Verbreitung, besonders in nichtjüdischen Kreisen, ist drin- > gend zu empfehlen. ###- . Seli g m ann, Raphael: Probleme des Judentums. R. Lövits Verlag, Berlin-Wien, 1919. 156 Seiten. 8°. R. Seligmann legt eine Sammlung von Abhandlungen in diesem Buche vor, die sich mit mannigfaltigen Problemen des Judentums befassen. Ihn locken hauptsächlich die philosophischen Fragen, die ihn zu tief eindringenden Analysen jüdischer Gedankenkomplexe bewegen. Ein reicher Geist setzt sich mit der Weltweisheit und Kultur unserer Tage temperamentvoll auseinander und weiß ausgezeichnet die Grundlinien des Judentums aufzuzeigen. Der Leser folgt der Fülle seiner Ideen mit lebhaftem Interesse, ob sie nun vom Prophetismus oder Messianismus, über Emanzipation oder Galuth handeln. Alle diese Erörterungen führen in die Tiefen und arbeiten nicht mit landläufigen Vorstellungen. Das ist der Vorzug des Buches. Daß es Widerspruch herausfordern muß, versteht sich bei der Neuartigkeit des hier eingeschlagenen Weges wohl von selbst und nicht minder bei dem Parteistandpunkt des Verfassers, der einem Hermann Cohen schwerlich gerecht werden konnte. Erschwert wird die Lektüre des Buches durch die offenkundige Vorliebe des originellen Denkers für das Fremdwort. Das gut ausgestattete Buch sei wegen seiner, wertvollen kritischen Untersuchungen angelegentlicher Beachtung empfohlen. Güttingen. Tr. S. B.e h r e n s.

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