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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-02-20 · Heft 8 (20.2.1920) · p. Seite 92

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 8 (20.2.1920)
Date
1920-02-20
Page
Seite 92 (sequence 8)
Language
German
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92 rittjtici ist. Das letzte Ziel aller Religion ist doch die Ethisieruttg, und die religiöse Menschheitsidee ist eine ethi-? ch e Idee. Sie allein ist menschlich, und das Menschentum steht höher als jede konfessionelle Verkapselung. Erst kommt der Mensch, dann der Christ, Jude, Buddhist, Moslemit und wie die Denominationen der Bekenntnisse heißen. Nur eine bewußte Verhetzung kann die Verhältnisse verkennen. Was die internationale Maurerei anbelangt, an der die Juden beteiligt sein sollen, so kommt nur die romanische Freimaurerei in Betracht, die Politisch verseucht ist. Es ist bis jetzt dokumentarisch nicht bewiesen, daß die anglo-amerikanische Freimaurerei an der Politischen Freimaurerei der romanischen Logen Anteil hat. Die englische Großloge steht mit dem Grand Orient de France, der an der Spitze der Politischen Freimaurerei steht, nicht in Zusammenhang. Das sogenannte Internationale Bureau in Neuenburg in der Schweiz repräsentiert keineswegs die Weltfreimaurerei, und die deutsche Freimaurerei steht, nicht in Zusammenhang. Das sogenannte Weltrepublik zu tun, wie der alldeutsche Nationalrat Dr. Wichtl in seinem bekannten Buche, das so viel Aufsehen machte, uns glaubhaft machen will. Das Buch strotzt voller tatsächlicher Unrichtigkeiten, und es ist ganz charakteristisch, daß der Jesuitenpater Hermann Gruber, der große klerikale, sehr unterrichtete und beschlagene Gegner der Freimaurerei, privatim, wie er mir schreibt, dem Dr. Wichtl die Jrrtümer mitgeteilt hat, welche dessen Buch enthalten. Das Buch ist gefährlich, weil es ganz falsche Vorstellungen erweckt, und da in der Welt stets das Schlechte geglaubt wird, so kam es den Gegnern darauf an, das verhaßte Institut der Freimaurer energisch zu treffen, um es zu schädigen. In der echten Maurerei gibt es überhaupt keine Judenfrage, nur eine Menschheitsfrage. In der echten Freimaurerei ist der Antisemitismus an sich ein Widerspruch in sich selbst. Oberster Grundsatz aller Freimaurerei ist die Toleranz. Gerade der Toleranzgedanke hat ja in der Maurerei den Ausdruck gefunden, der die Freimaurerei zu einer ^organisierten Kultgesellschaft machte. Nicht der Haß, sondern die Liebe ist die Triebfeder .freimaurerifcher Handlungen. Das haben die Gegner nicht erfaßt, weil sie es nicht erfassen wollen. Es ist ganz richtig, man braucht nicht jeden Schmutz aufzuheben, weil man sich damit besudelt, aber es ist doch notwendig, gegen solche absichtlichen Verunglimpfungen und Unwahrheiten Protest zu erheben, damit der Wahrheit zu ihrem Rechte verholfen wird; die Wahrheit muß doch an den Tag kommen. Mues über Males Mendelslohn. Von Ludwig Geige r.h eitdcm ich ein wenig systematisch angesangen habe, altes zu sammeln, was ich vo.n, an und über Mendelssohn finden kann, werde ich vom Finderglück begünstigt, und selbst in dieser Epoche, in der verhältnismäßig wenig Brief- Vublikativnen erscheinen, reiht sich mancherlei aneinander. So habe ich in einer Briefsammlung, deren erster Band erst kürzlich fertig geworden ist („Briefe an und von 'Johann George Schesfner", herausgegeben von Arthur Warda. Erster Band, erster und zweiter Teil. München und Leipzig. Verlag von Tuncker u. Humblot, 1916 und 1918. Veröffentlichung des Vereins für die Geschichte von Ost- und Westpreußen), interessante Aeußerungen über Mendelssohn gefunden. Diese Aeußerungen rühren teils von bekannten, teils von unbekannten Persönlichkeiten her und sollen hier der Reihe nach mitgeteilt werden. Der erste Berichterstatter ist I. G. Hamann. Er sthrieb am 3. April 1785: „Mendelssohn soll wacker an einer l) Aus seinem Nachlaß. Verteidigung der Gottheit arbeiten und sich in Ansehung des Predigers des zureichenden Grundes und in der Wüste mit einem Ehemann vergleichen, der von seiner Frau der Unvermögenheit und von seiner Magd der Beschwängerung beschuldigt wird, auch beiden Parteien recht geben muß. Es fehlt nicht viel zu einem Gleichnis mit dem Vater Abraham." Der zweite ist Herder. Er schreibt im April 1767: „Moses hat Kant in seinem Beweise vom Dasein Gottes unstreitig nicht verstanden." Derselbe äußert sich am 15. September 1767: „In dem 555. Bande 1. Stück der deutschen Bibliothek erwarte ich von Moses eine Rezension meiner Fragmente." „Der dritte ist Th. G. v. Hippel, der am 7. April 1786 schreibt: „Jetzt, da Mendelssohn und Kant zugestehen, daß der gesunde Menschenverstand die höchste Instanz sei..." Der. Korrespondent aber, der am meisten von Mendelssohn spricht, ist ein protestantischer Pfarrer in Schlesien, Johann Samuel Krickende, der, wie aus den folgenden Notizen hervorgeht, mit Mendelssohn in persönlicher und brieflicher Verbindung gestanden haben muß, eine Tatsache, die bisher stanz unbekannt war. Der Genannte schreibt am 30., September 1766: „Moses, der ehrliche Moses, hatte mir Hoffnung gemacht, daß, da Miller nach Göttingen ginge, auf den Fall, daß man keine Rektores der Schicken aus Piemont oder der Picardie kommen ließe, unser Willamov Nachkommen würde. Wie hat er sich geirrt!" Derselbe äußert sich am 24. November 1766: „Jawohl sehne ich mich nach dem Plato-Mosaischen Phaedon. Ich weiß, daß er ihn nicht bloß übersetzen, sondern überkleiden wird, nach der Idee, als Plato ihn würde geschrieben haben, wenn er zu unseren Zeiten nach einem Leibniz und Wolfs gelebt hätte." Heber dasselbe Werk schreibt unser Berichterstatter am 27. Juli 1767: „Des Moses Phaedon ist gar sürtresflich; aber Nachfolger seiner Manier verbitt'., ich." Von ganz hervorragender Bedeutung ist aber ein Brief des Genannten vom 13. Februar 1767. Hier gibt nämlich Krickende die Analyse eines hochwichtigen Briefes von Mendelssohn selbst, der völlig unbekannt ist. Die ganze Stelle muß hier im Wortlaut folgen, nicht bloß, da sie uns, wie schon bemerkt, eine ganz unbekannte Beziehung Mendelssohns enthüllt, sondern Krickende schreibt nämlich am 13. Februar 1770 folgendes: „Mofes begleitet Basedows Schreiben mit dem angenehmsten Briefe; ich verspreche mir, erklärt der Philosoph, viel Gutes von seinem Werke, aber ich befürchte, sein eigener Vorteil werde dabei sehr unbeträchtlich sein. — Er straft mich, daß ich mich über Einsamkeit beklage, da es mir an Muße nicht fehlet, den Wissenschaften obzuliegen. Wenn ich auch das Gute, das auf dem Parnasfe geschiehet, etwas später erführe und das Schlechte oder gar das Böse, das daselbst begangen wird, gar nicht gewahr würde, so hätte ich darin den Vorteil einer glücklicheren Nachkommenschaft, der die Zeit nur dasjenige in die Hände bringt, welches der Unsterblichkeit würdig ist. Er bittet mich, ja nicht Herdern nachzuahmen, das Amt für (!) Langeweile aufzugeben - und an einem schönen Tage nach Frankreich zu reisen. — Von seiner Verflechtung mit Lavater redet er ganz glimpflich und hofft von der Billigkeit des Mannes, daß er sein Desi zurücknehmen werde. Ich erkläre bei dieser Gelegenheit, setzt er hinzu, daß ich ein Jude bin und ein Jude zu bleiben gedenke. Für Sie, da Sie mich so lange als einen Juden und als einen friedfertigen Juden kennen, für Sie kann mein Brief an Lavater nichts Neues enthalten. — Er hatte mir seinen Phaedon und sein Porträt versprochen, ich bitte ihn, beides dem Faktor des Buchladens der Realschule zustellen zu lassen. Die Schuleantwortet er, ist von meinem Hause so weit entfernt, daß wohl noch Jahre hingehen könnten, ehe er sich zu dieser Reise entschlösse. Ich sollte also das Geschenk durch, meine Freunde von Nikolai abholen lassen. Denn da Abbt aus Rinteln ein Manuskript zur Durchsicht für ihn an seinen

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