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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-02-20 · Heft 8 (20.2.1920) · p. Seite 89

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 8 (20.2.1920)
Date
1920-02-20
Page
Seite 89 (sequence 5)
Language
German
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89 stäriker iverdenden^ militaristischen Einflusses. Distanz halten lvurde zur Parole." - ' Daß diese Versippung von Leutnants- und Studententum während des Krieges nicht ab-, sondern zugenommen hat — spielte doch die Mchrzahl unserer heutigen Studenten als junge Bürschchen „die Offiziere" gegenüber den alten Leuten , ist eine notorische Tatsache, auf der ein großer Teil unserer heutigen Mnerpolitischen Zerrissenheit beruht. Mit dem konservativen Herrn Adam Röder muß man daher nur wünschen, „daß man mit diesem Ueberbleibsel des Chinesentums je eher, je besser aufräumen möchte. Daß sich Militär und Studenten über klare, für alle gültige Vorschriften des Gesetzes hinwegsetzen dürfen, ist unterm sittlichen Gesichtspunkt ein Skandal. Duell und Mensur sind durch Gesetz verboten, und doch wird dieses Gesetz bewußt und im Hurrastil übertreten. Hat sich doch sogar im Badischen Landtag ein „positiver" Geistlicher gefunden, der die Mensur verteidigte: ein krasses Beispiel dafür, wie die militärische Suggestion die Sinne für die normale Sittlichkeit rechtlicher Begriffe abstumpft. Dieser „positivchristliche" Geistliche ist politisch ein ausgesprochener Alldeutscher, denkt im Geist des Militarismus und redet in der Terminologie des „Burschen", der das ganze Philistertum mit der pragmatischen Sanktion des „Komments" zum Teufel jagt". * Antisemitische Aufklärung. Der berüchtigte „Ausschuß für Volksaufklärung", hinter dem sich die antisemitische Pogromzentrale verbirgt, gab unlängst in Tempelhof eine Gastrolle. Ein Herr Wolsf-Harnier sprach über „Baruch Spinoza und das Judentum". Hinter diesem scheinbar wissenschaftlichen Thema verbarg, sich die wüsteste antisemitische Hetze. Tie Tatsache, daß Spinoza unter der religiösen Unduldsamkeit seiner Amsterdamer Glaubensgenossen schwer zu leiden hatte, wurde zu unglaublichen verallgemeinernden Beschimpfungen gegen das „Judenpack", die „Judenblase" usw. ausgenutzt. Daß im Zeitalter Spinozas religiöse Unduldsamkeit- und religiöser Aberglaube ganz Europa beherrschten, daß in protestantischen Ländern damals die Scheiterhausen für Hexen, in katholischen die Scheiterhausen für Ketzer massenweise lohten, davonsagte der Redner nichts. Politische Abschweifungen in die Jetztzeit gab es massenhaft. Vernünftige Zuhörer, angesehene ältere Bürger,-die gegen den vom Redner vorgetragenen Blödsinn protestieren wollten, wurden von einer Horde junger Leute, zum Teil Schüler des Tempelhose r Gymnasiums, mit dem Rufe „Judenpack, schlagt sie tot!" angepöbelt. Den Gipfelpunkt der „Volksaufklärung" zeigten jedoch die in der Versammlung ausliegenden Hetz- und Flugschriften-. Zum Teil waren es Karikaturen niederträchtigster Art, zum Teil Flugblätter. Eins davon ist unterzeichnet: „Eure Mitbürger jüdischer Rasse". Durch diese — natürlich gefälschte — Unterschrift soll der Anschein erweckt werden, als ginge das Flugblatt von den Juden selber auß. Die angeblich jüdischen Verfasser bezichtigen sich nämlich darin selber der größten Genreinheiten und Verbrechen. So heißt es in dem Flugblatt: „Wer macht -eure Töchter und Schwestern als A n ge ste l l t e z u> P r ost i t u t i o n s s k l a v i n n e n? . — W i r Juden! W e r l ehrt e u r e n F r a neu die F r uch t a b - t r e i b u - n g und f ü h r t e u e r Volk d a m i t z u r S e lb st au s r o t t u n g? — Th i r I -u d e n!" In diesem Stil folgen etwa 25 Fragen nn-b Antworten auseinander. So sieht die antisemitische „Volksausklärung" aus. Aus Zürich wird gemeldet: Das Zentralbureau der „Agudas Jisroel" hat vom eidgenössischen Ernährungsamt die Bewilligung, erhalten, ein größeres Quantum Maz-zoth und sonstiger ritueller Lebensmittel als Liebesgabensendung der Schweizer. Judenheit für die Pessachfeiertage nach Wien auszuführen. Die schweizerische Agudas-JisroelpLaN'desorganisation wird in den nächsten Tagey' an die Schweizer Judenheit einen- Appell richten, sich an dieser rituellen Liebesgabensendung nach Kräften zu beteiligen. * . Hilfsaktion Mährens^für jüdische Kinder aus Wien. Seit einigen Tagen wurden mit der" tschechoslowakischen. Regierung Verhandlungen gepflogen, jüdische Kinder nach Mähren bringen zu dürfen. Die Verhandlungen führten zu einem sehr günstigen- Erfolge. Die Regierung hat die Bewilligung zur Einreise gegeben. In den nächsten Tagen wird die Aktion perfektioniert und schon in der ersten Februar-Woche dürfte der erste Transport jüdischer Kinder aus Wien in Brünn erwartet werden. („Jüdische Volksstimme.") Jüdische Opfer des Bolschewismus. Die ungarischen Antisemiten treten noch immer die schon oft widerlegte Lüge breit, daß die kommunistische Herrschaft in Ungarn sehr viele christliche und fast gar keine jüdische Opfer hinweggerafft habe. Dieser Irreführung gegenüber konnten bisher schon, wie „Dr. Blochs Wochenschrift" mitteilt, offiziell unwiderleglich zahlreiche Opfer der kommunistischen Justizpftege aus jüdischen Kreisen sestgestellt werden: In Miskolcz haben die Roten am 19. Mai 1919 den. Arzt Dr. Bola Klein ans dem Avas-Berge hingerichtet — und er war doch ein Jude, ein guter Jude. Zur gleichen Zeit und auf der gleichen Stelle wurde der Grundbesitzer Bernat Leskowitsch hingerichtet, der gleichfalls ein Jude gewesen ist. Früher noch wurde in Ragyvarac der Offizier Alexander Löwy .hingerichtet, weil er sich die Offizierssterne aufgenäht hatte. Er war ein Jude. Aus den Akten des Strafprozesses gegen den Kommunistenführer Korvin-Klein konnte amtlich sestgestellt werden, daß Szamuely den jüdischen Grundbesitzer und Reserveleutnant Josef Glaser in Csorua hinrichten ließ. Und er war doch ein Jude. Wir können noch hinzu fügen, daß Szamuely ihm vor der Hinrichtung ein Auge ausstechen ließ. In dem berüchtigten Makoer Geiselzuge, auf dem die Brüder Nüvah hingerichtet wurden, befanden sich auch der Kausmann Martin Weiß, sein Sohn Hanrich und der Kinoinhaber Heinrich Havas. Alle drei warm Juden, und alle drei wurden von den Roten hingerichtet. Am 6. Mai v. I. wurde in Ghöngyös der Jude Ignaz Welt gehängt, weil er die Rationalfahne ausgestickt hatte. Am 2. Mai haben die Roten in Szolnok den Kaufmann Ferdinand Oesterreicher vor den Augen seiner Kinder hingerichtet, nachdem sie ihm vorher Nase und Ohren abgeschnitten hatten. Er war ein Jude. Gleichfalls in Szolnok wurden der jüdische Advokat Dr. Alexander Engel, sein Schwager Nikolaus Sugar, der Grundbesitzer Alexander Gunst, der Kaufmann Adolf Berger, der Handelsschüler Isidor Meüinger, durchweg Juden, h ni gerichtet- Wir bemerken hierzu, daß die angeführten Fälle von Hinrichtungen jüdischer Bürger nicht die einzigen waren. Besonders ergreifend ist die Tragödie des Szolnoker Husarenleutnants Sugar. Sugar war nach Ablegung der Reifeprüfung zum Militär eingerückt und hatte nach kurzer Ausbildung seine Zuteilung zum Frontdienst erbeten, wo er allmählich zum Leutnant vocrückte, zahlreiche Auszeichnungen und schließlich auch die goldene Medaille davontrug und von seinem Negimentskommandanten, Oberst Grafen Stefan Tisza, wiederholt öffentlich belobt wurde. Bon ihm sagte Graf Tisza am 8. August 1918 in einer Parlaments rede: „Ich selbst bin in der Lage, in dem prächtigen Regimente, dem aüzugehören ich im vorigen Sommer die Ehre hatte, und dem ich auch heute angehör?. einen bis zur Tollkühnheit tapferen, wahrhaft wackeren jüdischen Offizier unter mir dienen zu sehen, der in Wirklichkeit das Höchstmaß des ungarischen Soldaten und des ungarischen Offiziers erreicht." Nach seinen Tagebuchanfzeichnungen war Sugar 530mal Patrouillengängen Zugeteilt, wiederholt der Gefangennahme ausgesetzt. ans der er sich immer wieder heraushante. Er war volle vier Jahre im Schützengraben und während dieser Zeit bloß viermal je 14 Tage auf Urlaub. Er und sein Schwager, Dr. Alexalldeo Engel, wurden von den Roten wegen ihrer Teilnahme an der Organisation der Szolnoker Weißen Garde hitlgerichtet. * General Jadwin über die ukrainischen Judenpogrome. Präsident Wilson hat dem amerikanischen Senat Auszüge des Berichtes über die Judenpogrome in der Ukraine überreicht, den ihm General Jadwin, der nach der Ukraine speziell entsandt war, um die Pogrome zu untersuchen, übergeben hatte. General Jadwin-erklärt in seinem Bericht, daß er von einem einzigen jüdischen Komitee -eine Liste von 10 712 getöteten Juden erhalten habe, mit genauer Angabe

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