Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1920)
- Date
- 1920-02-20
- Page
- Seite 88 (sequence 4)
- Language
- German
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88 einer preußischen Landesorganisation hinaus der Erschaffung 1 des langersehnten, durch die bisherige Rechtslage aber unmöglich gemachten, das gesamte deutsche Judentum umfassenden Reichsverbandes näher zu treten. Sodann bedeutet über diese Erweiterung des Rahmens hinaus die neue Verfassung einen Fortschritt auch insofern, als die Erreichung des erstrebten Zieles wesentlich erleichtert ist. Die Religionsgesellschasten sind in dem ZusammenMuß zu einem Reichsverbande unbeschränkt, und einem derartigen Verbände stehen ohne weiteres die Rechte einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft zu, wenn die einzelnen ihn. bildenden Glieder — wie es -bei den Shnagogengemeinden der Fall ist — diesen Charakter besitzen. Damit ist das deutsche Judentum selbst Träger seines Schicksals geworden. Wenn es will, ist es am Ziel. Von außen her gibt es kein Hindernis mehr und auch die inneren Schwierigkeiten sind herabgemindert. Denn eines der Hauptprinzipien des neuen deutschen Staatskirchenrechtes ist die Freiwilligkeit. Von einem Mitgliedszwange kann keine Rede sein. Das Zustandekommen des Werkes ist also nicht mehr davon abhängig, daß sämtliche Gemeinden sich daran beteiligen, und der Widerspruch einer | Minderheit bedeutet somit keine Gefahr mehr für das Ganze. So ist der Zeitpunkt gekommen, den Zusammenschluß des deutschen Judentums zu einem Gesamtverbande zur Wirklichkeit werden zu lassen. Zu einem derartigen Schritt drängt nicht nur die Gunst der äußeren Verhältnisse, wie sie die geschilderte Rechtslage darstellt, sondern nicht minder innere Notwendigkeit ernstester Art. Denn das deutsche Judentum steht an einem Scheidewege. Die Umwälzung aller Politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, wie sie sich aus dem schicksalsschweren Weltgeschehen für Deutschland ergeben hat, bedeutet aüch für das deutsche Judentum einen Wendepunkt. Die in der ganzen Einstellung der Zeit liegende Neigung zur Lockerung aller kirchlichen Beziehungen, die Erleichterung der Austrittsmöglichkeiten und nicht zuletzt die ungeheuerliche Steuerlast, mit der für die Zukunft zu rechnen ist, bedrohen, wie die Religionsgesellschaften im allgemeinen, so auch das Judentum mit einer immer stärker werdenden Austrittsbewegung. Für dieses kommt noch hinzu, daß, begünstigt von der allgemeinen Not und als Begleiterscheinung der innerpolitischen Kämpfe ein Judenhaß im Wachsen ist, dessen vergiftete, bedenkenlose Hetze geeignet ist, an die Wurzeln unserer Existenz zu rühren. Alle diese Umstände zusammen bedeuten eine Gefahr, deren Ernst nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Ihr zu begegnen, müssen alle Kräfte sich zusammenschließen, muß das Leben innerhalb der jüdischen Gemeinschaft so reich und mannigfaltig ausgestaltet werden, daß es durch seine innere Wärme und Anziehungskraft die Bekenner des Judentums bei der Fahne hält. Dieser Notwendigkeit aber kann man nur gerecht werden durch eine umfassende Organisation des deutschen Judentums. (Ein zweiter Artikel folgt.) Dir Woche» Berlin, 16. Februar. ur Auslieferungsfrage, die begreiflicherweise das deutsche Volk rn seiner Gesamtheit so mächtig ergriffen hat, liegen mannigfache, zum Teil sich widersprechende Nachrichten vor, von deren Widergabe wir, da sie aus der Tagespresse zur Genüge bekannt sind, wohl absehen können. Zur Kennzeichnung der Lage beschränken wir uns nur aus die Registrierung folgender Mitteilungen, die die Tagespresse verbreitet: Zürich, 14. Februar. Die ersten Nachrichten über die Vorgänge und die Beschlüsse bei den Londoner Besprechungen 'beginnen in Paris einzulaufen und füllen spaltenlang alle Zeitungen. Die erste Frage, in der ein greifbares Resultat vorliegt, ist die Auslieferungsfräge. Wenn 'der „Matin" richtig unterrichtet ist, so wird'Me. Antwort der Allüerten aus die letzte deutsche Note vom 25. Januar nun «eine Unterscheidung zwischen zwei Kategorien von 'Schuldigen machen, und zwar zwischen den wirklichen und direkten Urhebern gemeiner Verbrechen und zwischen Personen, die nur eine indirekte und moralische Verantwortung zu tragen haben. Die Antwortnote wird fernerhin die Schwierigkeiten anerkennen, die der -deutschen Regierung bei der Auslieferung dieser zweiten Kategorie von Schuldigen erwachsen können; sie wird, aber dafür energisch aus der Auslieferung -der unter die erste Kategorie fallenden Personen bestehen. Die Prozesse s e l b st m ü r d e n w a h r s chein li ch in ein er d e u t s che n S ta d t ge f ü h r t werden. Auch in der Frage der Auslieferung Wilhelms II. haben sich die Alliierten offenbar zu Konzessionen entschlossen. Die neue an Holland zu richtende Note wird die I n t e r n i e r u n g des früheren Kaisers aus außereuropäischem Gebiet, beispielsweise in Holländisch--Jn-dien, verlangen. Paris, 14. Februar. (W. T. B.) Aus italienischen Kreisen wird der Agentur Havas gemeldet, daß die Londoner Konferenz beschlossen habe, die Schuldigen unter Kontrolle der Alliierten in Leipzig aburteilen zu lassen. Sie würde also auf die Auslieferung verzichten und den von den Deutschen am 25. Januar gemachten Vorschlag mit einigen Abänderungen annehmen. A m st e r d a rn, 16. Februar. (W. T. B.) Reut e r rneldet aus Paris: Die Alliierten haben beschlossen, daß die „Kriegsverbrecher" von deutschen G e r i ch t s h ö s e n a b g e u x t e 111 werden dürfen. Wenn die Urteilssprüche unbefriedigend seien, behielten sich die Alliierten das Recht vor, Deutschland wegen Nichterfüllung des Friedensvertrages Strafen auf - zn er legen. Inzwischen ist die neue Note der Alliierten in Berlin eiw getroffen und durch den britischen Geschäftsträger der. deutschen Regierung überreicht worden. Wie aus dem Wortlaut der Note zu ersehen, ist, verzichten die Alliierten auf die Auslieferung und stimmen dem Vorschlag der deutschen Regierung zu, die Angeschuldi'gten' durch das Reichsgericht in- Leipzig aburteilen zu lassen. Die Entente wird an dem Verfahren ■nur durch die Einsetzung einer gemischten interalliierten Kommission teilnehmen. Die neue Note, schreibt das berliner Tageblatt", ist eine Etappe auf dem Wege,, der zur Revision des Versailler Vertrages führt. # Angesichts der jüngsten Vorkommnisse an einigen deutschen Universitäten wie insbesondere auf. der Technischen Hochschule in Karlsruhe, über die wir in der vorigen Nummer berichtet haben, ist von besonderem Interesse, was der bekannte Journalist und Politiker Adam Röder in seiner im Verlag von Friedrich Andreas Perthes A.-G. (Gotha) soeben erschienenen Schrift: „Der deutsche Konservativismus und die Revolution" über das deutsche Studententum schreibt. Nachdem er festgestellt hat, daß der preußische Leutnantsgeist die feinere Sittlichkeit der Jugend verdorben hat und den Rest unmittelbarer Empfindungen selbst im Süden verschüttete — „das Gesicht der jungen Leute wird von einer geistlosen Starrheit beherrscht, mit dem Hochmut als der Dominante des persönlichen Auftretens" —, äußert er sich über das Studententum wie folgt: „Unter dem Einfluß des Leutnants stand besonders der Stuide-nt. Das studentische Leben — soweit es sich um den Verbindungsstudenten handelt — wurde militarisiert. Haltung,, Gebärde^ Geste erhielten die Marke „Schneids „Vorfchr.iftsmäßig " zu grüßen, .die Hacken zusauunenschlagen, den Gesichtsausdruck zu disziplinieren, auf Bluse und Philistertum hochmütig herabzuschauen, war Vorschrift. Der Geist der Korps, ohnedies -exklusiv, wurde unter dem Einfluß des Militärischen hhperseudal. Ein Ehrenwort haben, streng genommcirti, nur der Leutnant und der Verbindungsstudent. Die Versippung von Leutnants- und Studententum hat in den letzten Jahren vor den: Krieg immer mehr zugenoinmen, zum Schaden' 'des idealistischen Geistes in ider deutschen gebildeten jungen Welt. Eine überstarke Betonung alles Aeußerlichen war die Folge des immer