Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1920)
- Date
- 1920-02-13
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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folge des Krieges Erkrankten oder'deren- Angehörig'u, instesondere schwachen, an schikeichenden tteMw 1>eidimden Kindern die Pforten des Hauses zu öffnen. Da gabder Kurator Herr Manuel Schwarz (Berlin) im rechten Augenblick die Anregung, in Verbindung mit dem Verein für Ferienkolonien jüdischer Kinder in Berlin zu treten und gemeinfam mit ihm Räume zu mieten, um in solcher Weife einen Ersah für die schwer bedrohte Arbeit herzustellen. Die Anregung fiel auf fruchtbaren Boden, und so wurden mit schweren Opfern zwei kleine Häuser auf der Promenade gemietet, in welchen beiden zusammen etwa 100 Kinder für jede der vier Knrperioden unter gebracht werden konnten. Nach dein durch Herrn Schwarz mit dem Verein getroffenen Abkommen hatte dieses etwa drei Viertel zur Mietzablnng zuzusteuern, während bte Verwaltung mit einem Viertel belastet wurde. Dagegenwurden dem Verein> 80 von 100, also wer fünftel der Plätze, zur freien, tlnentgeltlichen Aufnahme ihrer Schützlinge von der Verwaltung zur Verfügung gestellt: die Austaltsverwaltung jedo>ch vermochte kaum 20 von 100, also etwa ein fünftel der Plätze, zu besetzen. Nur infolge eines solchen Abkonnnens konnte der Anstaltsb^trieb. wenn -auch nur in fehr beschränktein Maße, ausschließlich für Kinder >im Alter von 6 bis 15 Jahren ausgenommen werden. Im ganzen, wurden 389 Pfleglinge', darunter 197 Knaben und 190 Mädchen sowie ausnabinsweise zwei Erwachsene weiblichen Geschlechts, gezählt. Von ihnen wurden 187 mit dem Prädikat „gebeilt", 194 als „gebessert" und nur 8' als „ungeteilt" aus der Anstalt entlassen. Besonders erwähnt fei, daß die Verwaltung den ungestörten und günstigen Verlauf der Verpflegung im Berichts« iabre ausschließlich den Sonderzuweisnngen Ihrer Er^ellenzen den beiden letzten Herren Oberprüstdent-en von Pommern sonne den hiesigen Leb>ensnrittefb'chörden und der Ortskohlrnstelle verdankt. Im ganzen wurden 13 443 Vervflegungstage, und zwar 11 485 tur die Pfleglinge und 1958 für das au.7>estellte Personal eezäblt. Der Anstaltsbetrieb wurde am 27. Maii eröffnet imfci am 29. September geschlossen. Der Kassenbericht schließt in Ein nah inen und Ausgaben mit 104 753,44 Mark ab. Das Grundkavstal beträgt 413 624.63 Mark. Dieses ist um den Betrag der Kap:talz'.swendi'ngen in Höbe von 27 700 Mark vermehrt ivorden. Zn den Kapitalz.lkwou'dungen gebärt in erster Linie die Errichtung von wer Bet-tstiftuu,aen im Berichtsjahre zusammen im Betrage von 21 500 Mark. Der Bericht schließt mit folgendem Avpell an die Oeffenkl'chkeft: „Zahllos sind die Gesuche, die von allen Seiten au uns borantreten. Wir können nur einein ganz geringen Teile derer, die sich an itn§ wenden,' We Pforten unseres Hau'Js öffnen. Aber auch dazu bedürfen' wir nach wie vor der weiteren kräftigen Unterstützung edler Menschenfriennde. Wir leben der zuversichtlichen Hoffnung, daß die öffentliche Wohltätigkeit auch in der kommenden Zeit trotz vieler Sorgen, die am> der Menschheit lasten, uns wie bisher webt fehlen wird. Wir bitten insbesondere für solche Verwundete, die in unserer Heilanstalt wiederhergestettt werden können. Wir bitlen auch für deren zarte Kinder, die an Unterernährung, den folgen des Krieges und zugleich an einem schleichenden Nebel, für das eine Sol- und Seebadekur anaezeigt ist/ leiden und in unserem Hause wieder gesunden können. Möge das Wort unfern* Bitte wie bisher auch in Zukunft nicht ungehört verhallen." Novdil 6. Zebra er. Mit aroßun CmoO io rach hier Herr Dr. Alerander, stellvertretender Svndikus des Centralvereins, in einer außerordentlich stark besuchten öffentlichen Versammlung über „Die Juden im neuen Deutschland". Das in Form und Inhalt gleich ausgezeichnete und mit lauganhalteudent Beifall aufgeuomrn-ene Referat sowie die über dasselbe anschließende Aussprache waren, lote die „Nordhauser Zeitung" freimütig zugibt, -geeignet, „einen kräftigen Schlag gegen die Niedrigkeit des Antisemitismus" zu führen. Das Ergebnis solcher, in öffentlicher Versammlung erfolgten Auseinandersetzung bestärkt uns in der Annahme, daß sie nicht nur auf Nichtjuden auf klärend und beruhigend wirke, sondern gerade auch auf die Juden, die oft in Unkenntnis der wahren Ursachen und Verhältnisse den klaren Zusammenhang antisemitischer Erscheinungen nicht erfassen und deshalb rat- und hilflos diesen Anfeindungen gegenüberstehen. Eine Veranstaltung ähnlicher Kundgebungen in möglichst vielen Orten wäre dagegen zu wünschen. 2XD Elberfeld, 6. Februar. Der Jüdische Jugendverein Elberfeld- Barmen, der in diesem Winter erst wenige Vorträge geboten hatte, veranstaltete am 27. Januar int Hotel Central einen Vortragsabend, der weit über das bisher Gebotene herausragte. Herr Referendar I s r a e l (Elberfeld) sprach über den Buddhisimus in so eingehender, tiefgründiger Md doch so fesselnder Art, daß dieser Vortrag für die Erschienenen zu einem Erlebnis ward. Einleitend erklärte der Vortragende, wie er zu diesem Thema für den'Jüdischen Jugendverein gekommen sei, daß die jungen Juden auch die anderen bestehenden Religionen kennen müßten, damit sie desto mehr ihr eigene herrliche Religion schätzen und lieben lernten. Und nachdem der jugendlich begeisterte und mitreißende Redner in klarer, verständlicher Weise ein Bild Buddhas gezeichnet und einen Ueberblick über sein weltzermalmendes System gegeben hatte, untersuchte er die Gründe, warum die anderen Religionen, warum auch wir Juden gegenwärtig solch großes Interesse am Buddhismus nähmen, und er behauptete, daß sich darin die tiefe religiöse Sehnsucht unserer Zeit kundtue, die das Judentum wahrnehmen müsse, um die Sichsehnenden zu den klaren, erfrischenden Quellen unserer jüdischen Religion zu führen. Reicher Beifall lohnte den Redner für seine hochwisser-schaftlichen Ausführungen, und es kann gesagt werden, daß dieser Vortrag eine Tat sowohl für den Verein wie für den Redner bedeutet und unvergänglich nacht-eben mb -wirken wird für die, die ihn hörten. *.*4- Osnabrück, 6. Februar. Auf Anregung der hiesigen Ortsgruppe des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens traten vor kurzem Vertreter der verschiedenen politischen Parteien und Konfessionen zusammen, um fern vom politischen Parteigetriebe und frei von jeder Leidenschaftlichkeit in sachlicher Ausiprache zu dem Thema „Judentum und Antisemitismus" Stellung zu nehmen. Referent des Abends war Dr. Holländer, Syndikus des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (Berlin), der einleitend den gegenwärtigen großen Verunglimpfungen der Juden im Jutande die törichten Verlästerungen des deutschen Volkes im Auslande gegenüberstellte. Ter Redner führte etwa folgendes aus: Vorurteilen seien zu gewissen Zeiten auch Minoritäten christlicher Konfession ausgesetzt gewesen. Diesen liege auch ein psychologisches Moment zugrunde, wie man aus den Gegensätzen zwischen Preußen und Bavern, aus der vorgefaßten Meinung gegen Berlin leicht ersehen könne. Solchen verallgemeinernden Vorurteilen verdanke auch die Abneigung aegen die Juden ihre Entstehung. Das Bibetwort vorn „ausgewählten Volk", dem in der Schrift nirgends Rechte, sondern nur Pflichten auferlegt werden, werde ebenso mißbraucht wie das Wort vom „deutschen Wesen", das von den Feinden böswilligerweise in dem Sinne ansgelegt werde, als ob Deutschland seine Macht und seinen Willen auf alle Völker übertragen wolle. Ta reines Germanentum nur in einzelnen Laudesteilen vorzufinden, im übrigen aber im Osten mit Slawen, im Südwesten mit Frauzöslmgen vermischt sei, könne inan auch nicht vorwurfsweise vom „jüdischen Einschlag" sprechen, der auch jüngst dem deutschen Kaiser nachzuweisen versucht wird, unt ihm die Schuld an der Weseu.sentwickluna des Monarchen zuzuschreiben. Für Volksgemeinschaft sei wesentlich maßgebend die Mitarbeit am Vaterlcrrrde auf der Grundlage deutscher Kultur, Geburt und Sprache, und deshalb können ungezählte jüdische Familien, die auf dieser Grundlage seit Jahrhunderten in Deutschland gelebt, mit Unrecht als etwas Fremdes bezeichnet werden. Dem Bolschewismus stünden 99 Prozent des deutschen Judentums ablehuend gegenüber. Zu den Vorwürfen des jüdischen Kapitalismus bemerkte der Redner, daß im Handel gewiß ein erheblicher Teil jüdischen Kapitals stecke, in der Landwirtschaft dagegen sei das jüdische Kapital nur ganz gering, und auch von den großen Werken der Schwerindustrie sei nur ein geringer Teil in jüdischem Besitz. Die ungerechte Behandlung der Juden vor dem Kriege — kein Jude konnte Richter oder Offizier werden, keiner in eine Regierungsstelle gelangen - hat es bewirkt, daß viele Kreise des Judentums, in das linke Lager gedrängt, in der Revolutionszeit durch eine erhebliche Zahl in der Regierung vertreten Untren. Aber auch hier die starke Uebertreibuug, denn nicht uin 80, sondern um kaum 20 Prozent handele es sich, die ja übrigens nicht von jüdischen Volkskreiseu, sondern von ihren Parteikreisen durch den Willen und das Vertrauen von Millionen deutscher Bürger gewählt wurden. Aus Grund statistischer Tatsachen stellt der Redner fest: 100 000 Juden waren Kriegsteilnehmer, über 2000 wurden zu Offizieren befördert, 10 000 wurden mit dem Eisernen Kreuz zweiter. 1000 mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse ausgezeichnet, etwa 10 000 sind gefallen: Zahlen, die prozentual den Leistungen der christlichen