Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1920)
- Date
- 1920-02-13
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229450--75548-3288061- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
S^> Berlin, 10. Februar. Ter Verein für Arbeitsnachweis, E. V. gegründet von den Berliner-Logen U. O. B. 33.), Berlin N 24, Monbijouplatz 10, Fernsprecher für männliche Abteilung, Lehrstellenvermittelung und Berufsberatung: Norden 9130, für weibliche Abteilung und Schreibstube: Norden 9131, sieht in aller Kürze auf ein 24jähriges Bestehen zurück. War es dem Verein in diesen langen Jahren stets gelungen, gemäß den Humanitären Gedanken, den die Begründung durch die Logen bedingt, seine Aufgabe der kostenVofen Stellenvermittelung für Handel und Gewerbe mit Erfolg zu erfüllen, so schien es im letzten Jahre zeitweilig recht schwierig, angesichts des katastrophalen Niederganges unserer Volkswirtschaft und der dadurch entstandenen Schwierigkeiten, restlos allen Anforderungen zu .genügen. Auch jetzt noch wächst die Arbeitslosigkeit von Tag zu Tag, nicht minder unter den Glaubensgenossen: demgegenüber fehlt es an Arbeitsutöglichkeiten, insbesondere'für die Ostjunden, da die Zugewanderten nur unter recht schwierigen Umständen in Deutschland Arbeit finden können bzw. aufnehmen dürfen. Not, Elend und die damit verbundenen traurigen Begleiterscheinungen sind unausbleibliche und sehr böse Folgen. Dieser ungeheuren Gefahr für die Gesamtheit auch nur einigermaßen Herr zu werden, kann nur dann gelinaen, wenn a l l e j ü b ische n A r beit g e b er es für ihre größte Pflicht betrachten, dem „Verein für Arbeitsnachweis", als dem Jüdischen Ze n t r a l a rbe i ts n a ch w e i s in Groß-Berlin, jede offene Stelle, sa, auch die geringste Besckästigungsntögltchkeit umgehend mitzuteilen. Es ist besonders erwünscht, wenn auch die Glaubensgenossen in der Provinz alle offenen Stellen, nicht nur kaufmännische, sondern besonders auch in Handwerk und Landwirtschaft, hierher mitteilen würden, um so den Berliner Arbeitsmarkt zu entlasten, wo die wirtschaftliche Not unendlich schwerer-und ernster ist als im Reiche. Das Gesagte gilt auch bezüglich, der mit dem Arbeitsnachoeis verbundenen Lehr st e l l e n v e r m i t t e l u n g für Lehrstellen aller Art. Der Verein hat mit einer großen Anzahl von technisch'- industriellen Unternebmtmaen Abkommen geschlossen, daß diese alljährlich mehrere jüdische Lehrlinge in ihren Betrieben auwebmen, uni so die jungen schulentlassenen Menschen vor dem Eintritt in ^>;e überfüllten kaufmännischen Berufe zu bewahren, dem Handel zu entziehen und dem nutzbringenden Berufe des gelernten, technischen Arbeiters zuzuführen. Eine große Unterstützung sür den Verein wäre es ferner, wenn die Abteilung Schreibstube, in der von vorübergehend Stellungslosen Schreib- und Maschinenarbeiten aller Art angefertigt. Reklamen usw. versandt werden, mit einschlägig eu Aufträgen versehen würde. In den Räumen des Arbeitsnachoeisetz befindet sich auch die von der Hauptstelle für Berufsberatung der Juden eingerichtete Berufs b e rat u n g sstelle f ü r G r o ß - Berlin. Sie erteilt kostenlos Auskunft in allen die Berufswahl betreffenden Fragen, insbesondere für Krieästeilnebmer. Knaben und Mädchen, die vor der Schulentlassung stehen, erhalten hier Rat, welchem Beruf sie sich widmen sollen, nachdem sie eingehend auf ihre Fähigkeiten und Veranlagung geprüft sind, und werden dann gleichzeitig in diesem Berufe unter gebracht. Sprechstunde des Berufsberaters und Generalsekretärs des Vereins: Montag unb Donnerstag 2 bis 3 Uhr. er. Königsberg i. Pr., 6. Februar. In unserem vom Vater- Ian.de abgeschnürten Ostpreußen ist das jüdische Leiben nach wie vor sehr rege. Tie verschiedenen Organisationen entfalten eine lebhafte Tätiokeit. Tie philanthropischen Vereine finden in der jüdischen Bürgerschaft opferbereite Förderurig. Am letzten Sonntag hielt der Hilfsverein für kranke russische Israeliten im Sitzungssaal der Svnagogenaemeinde seine G e n e r a l v e r s a nt m l tt n g ab, die Herr G. Mar r eröffnete. Es fand eine Neuwahl sür das verstorbene Borstandsntitglied A. I. Lewin statt, für den durch Zuruf Herr Hermann L e w i n gewählt wurde. Herr Tinesmann erstattete Bericht über d'e nicht ungünstige Finanzlage des Vereins, die aber infolge der durch die Eröffnung der russischen Grenze zu erwartenden starken Beanspruchung durch viele Kranke einer Verbesserung beidürfe. Eine freiwillige Erhöhung der Mitgliederbeiträge wurde angeregt und beschlossen. W. Posen, 6. Februar. Im Gem-emidesitzungAsa-ale fand eine Versammlung des Vereins für positives Judentum statt, in der Rechtsanwalt Tr. K allen sch er über das Thema: „Die Refortu unserer Gemeindeversassung" referierte. Redner führte aus: Unsere Bestrebungen waren immer darauf gerichtet, die Grundsätze des Selbstbestiintnungsrechts in die Gemeindeverwaltung zu übertragen, allerdings mit der Einschränkung, daß an den Grundsätzen des Judentums nicht gerüttelt, werden darf. Das für Kongreßpolen gültige Judengesetz sieht einen jüdischen Oberrat vor, der nicht nur über Berwaltungsgrundsätze, sondern auch über kulturelle: Angelegenheiten zu entscheiden hat. — Nach larzgem, schwerem Leiden entschlief im 74. Lebensjahre Frau Geheime Kommerzienrat Jenny Herz. Sie gehörte zu den Begründern des israelitischen Kindergartens, dessen Vorsitz sie mit hingebender Trdüe geführt hat. Rastlos bestrebt, dem Kindergarten Freunde zu erwerben, hat sie ihm stets ihr volles Interesse zugewendet und mit gütigem Herzen das Wohl der Kinder sich angelegen sein lassen. Seit dem Jahre 1901 hat die Verstorbene als Ehrendame in der israelitischen Waisenknabenanstalt gewaltet tlnd so lange es ihre Kraft erlaubte, ihr Amt eifrig und gewissenhaft ausgefüllt und das Gedeihen der einzelnen Zöglinge mit liebevoller Teilnahme begleitet. Das Gedächtnis der Verewigten wird als das einer überaus wohlwollenden und rücksichtsvollen Mitarbeiterin in der Mitte des Waisenhauses unvergeßlich bleiben. — Durch das Ableben der Frau Geheimen Kommerzienrat Jenny Kantorow i c z hat die Ritsche-Flatausche Waisenerziehungsanstalt für Mädchen einen unersetzlichen Verlust erlitten. Von Mütterlichkeit und Güte geleitet, war diese edle Frau wie wenige befähigt, verwaisten Kindern den Lebensweg zu erhalten und hat während 22 Jahren den Zöglingen Liebe gespendet. Sie war stets bedacht, diesen ihre Kindheit froh zu gestalten. Breslau, 6. Februar. Das Jüdisch-theologische S e m i n a r ( F r a e n ck e l s ch e Stiftung) versendet soeben den Jahresbericht für 1919. Wie aus diesem zu ersehen ist, zählte das - Seminar im Jahre 1919 17 ordentliche und 4 Gasthörer. In das Lehrerkollegium ist Herr Dr. Heine mann neu eingetreten, der ztt Beginn des Sonunersemesters durch den Vorsitzenden des Kuratoriums, Geheimrat Tr. Freund, feierlich in sein Amt eingesührt wurde. Zum Vorsitzenden des Lehrerkollegiums wurde Dr. Lewk o w i tz gewühlt: im ersten Setnester des Studienjahres bekleidete Seminarrabbiner Dr. H o r o w i tz. dieses Amt. Zur Pflege des utodernen hebräischen Schrifttums wurde tun Seminar ein hebräischer Sprachverein begründet. — Die Dozenten der Anstalt halten Vorlestmgen an der neu eröffneten I ü d i sch e n V o lk s h o ch s chu l e. Die S e m i n a r b i b l i o t h e k, welche nach dem letzten Abschluß 19 556 Druckwerke und 212 Handschriften umfaßte, hat zahlreiche Schenkungen Erhalten und muff) durch zahlreiche Ankäufe eine Bereicherung erfahren. Tttrch die Gebefreudigkeit Breslauer Gemeinde- Mitglieder ist es möglich geworden, für die Hörer der Anstalt eine m ensa academia einzurichten, die sehr segensreich wirkt. Von den ehemaligen Hörern der Anstalt wurde Rabbiner Dr. Dienentiuut aus Ratibor zum Nabbitter in Offenbach gewählt, Dr. W alte r (Bromberg) übernahm das Landesräbbinat in Kasse l; als Rabbiner in Ra t i b o r wttrde Dr. Kren ze l berufen. Der Versuch, die wirtschaftliche Lage des Seminars zu verbessern, hat erfreulicherweise im ganzen detttschen Judentum starken Nachhall gefunden, so daß die Zukunft der Anstalt, aus der so viele berühtnte Lehrer und Führer der deutschen Inden hervorgegangen sind, hoffentlich als gesichert angesehen werden darf. Kolberg, 6. Februar. Dem soeben erschienenen fünfundvierzigstett Jahresbericht über die Verwaltung «des Jüdischen Kur- Hospitals zu Kolberg im Jahre 1919 entnehmen wir folgende Angaben: Mit Beginn des fünstrndvierzigsten Jahres schien es, als sollte der segensreiche Betrieb des Hauses für diesen Sommer unterbrochen trnd völlig eingestellt werden. Nicht bloß die herrschende Kohlennot und die immer unerträglicher werdende Teuerung der ganzen Lebensführung, insbesondere der Nnhrtmgsmittol', lirub der Umstand, daß im Frühling, Nahrttngsntittel selbst -nach dem Maße der Rationierung schwer zu erhalten waren, drohten den Anstaltsbetrieb unmöglich ztt tttachen, sondern auch die Oberste Heeresleitung besetzte schon >i-n der Zeit, in welcher der Betrieb vorbereitet werden mußte, für ihre Truppen die Gebäude der Anstalt., womit zugleich das Schicksal für die Verwaltung im daraufsolgenden Sommer besiegelt schien und die Notwendigkeit an sie heran trat, für diesen Sommer, die Lösung der statutentttäßigen Aufgäbeu einzustellen. Eine solche Unterbrechung der gelvohnten Arbeit int Dienste der leidenden Menschheit wäre irr dieser schweren Zeit der Not ein großer Schaden für die öffentliche Gesundheitspflege gewesen, too zahlreiche Anforderungen atts Kreisen Kriegsbeteiligter an die Verwaltung heran traten, Vertvtmdeten. in=