Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1920)
- Date
- 1920-02-13
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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84. Jahrgang. Nr. 7 Der Gemeindebote. Berlin, 13. Februar 1920 Beilage zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums. korrespondkn?kn und Kachrichtrn. SrutWsnL. L. M. Berlin, 10. Februar. Die R e P c äs e n t a n t e n ve r - s a mm l u n g trat am Sonntag um 1 Uhr zu einer kurzen Sitzung zusammen, der eine dreistündige Ausschutzberatung vorangegangen war. Die Annahme einiger Zuwendungen an Gemeindeanstalten leitete die Verhandlungen ein. Am reichsten ist das Kr antenh a it s bedacht worden: 10 000 Mart spendete Geheimer Justizrat O b e r n e ck , 5000 Mart Frau Dr. Gertrud W o l f s e n st e i n und weitere 10 000 Mark Frau Sanitätsrat Dr. Elsriede Le der mann. Die Altecsversorgungsanstalten erhielten Zuwendungen von Frau Geheime Justizrat Ob er neck in Höhe von 15 000 Mart, 15 000 Mark von Frau Lina Mayer und 5000 Mark von der Firma Paul K o ft e r l i tz u. C o. — Der Gerneindevorst an d beantragt mit Rücksicht aus das dauernde Anwachsen aller Ausgaben der Gemeinde eine Erhöhung der Miete für dfe Plätze in den Synn g o g e n und B e t s ä l e n. Ter Referent, Herr Benas Levy, hebt die Wichtigkeit der Vorlage hervor, deren Auswirkungen nicht äbzu sehen sind. Wenn auch von vielen Seiten anerkannt wird, datz die Verhältnisse zu, der Erhöhung der Tarife zwingen, so wird doch auch von anderen Gemeindemitgliedern Widerspruch erhoben werden. Diese Vorlage entspricht jedoch einer Notwendigkeit, welche dazu zwingt, alle gangbaren Einnahmequellen zu erschließen. Die Bedürfnisse der Gemeinde steigen unausgesetzt. Die Gemeindeverwaltung weiß, daß der freie Eintritt zu den Gottesdiensten ein Herzenswunsch zahlreicher Gemeindemitglieder ist. Leider besteht keine derartige Möglichkeit. Wir müssen auch an dieser Stelle dafür sorgen, daß die Gemeinde in der Lage ist, ihre großen Ausgaben zu bestreiten. Die Aufwendungen für den Gottesdienst stellen sehr große Anforderungen an den Gemeindesäckel. Nach dem letzten Etat erfordern die Gottesdienste in den Synagogen 987 172 Mark, für den Festgottesdienst 209 310 Mark, zusammen also etwa 1 196 482 Mark. In diese Summe sind die Gehälter für Rabbiner, Kantoren, die Zinsen für die Kosten des Grunderwerbs und der Baukosten eingerechnet. Wenn diese Betrüge außer Ansatz bleiben, so beträgt der Zuschuß für 1919 für die Synagogen 323 703,50 Mark, für den Festgottesdienst 209 310 Mark, zusammen also 533 013,50 Mark, so daß selbst bei der geplanten Erhöhung von etwa 240 000 Mark von der Gemeinde noch immer ein Zuschuß von 293 013,50 Mark zu leisten ist. Die Erhöhungen halten sich durchweg in mäßigen Grenzen. Als allgemeiner Grundsatz ist eine Steigerung von 50 bis 100 Prozent in Aussicht genommen. Herr Lipschitz drückt seine Befriedigung über die von . ihm seit langem geforderte Vorlage ans und bedauert nur, daß die Mehreinnahmen nicht schon im Vorjahre erzielt werden konnten. Herr Emil Cohn wendet sich entschieden gegen die Tariferhöhung. Tie Vermietung der Plätze sei in den alten jüdischen Gemeinden vor dem Besitz des Steuerrechts zwar die wichtigste Einnahmequelle gewesen, sie paßt aber nicht mehr in unsere Zeit. Bei allergrößter Rücksicht aus die schwierige Finanzlage der Gemeinde warnt der Redner vor der -Annahme der Vorlage, die mit der starken Nachfrage nach Plätzen begründet wird, welche im Jahre 1919 herrschte. Es ist zu befürchten, daß die Preissteigerung eine Verminderung des religiösen Gefühls erzeugen könnte. Die erwarteten 240 000 Mark stellen nur etloa drei Prozent der aus direkten Steuern erzielten Einnahmen dar. Wenn die Gemeindeverwaltung glaubt zu indirekten Steuern greisen zu müssen, so gibt es ertragreichere Materien als diese Steuer auf den Synagogenbesuch. Herr Benas L e v y erwidert dem Vorredner, daß die Gemeinde nicht in der Lage sei, dauernd einen Zuschuß von einer Million für den Gottesdienst zu leisten. Die Erhöhung des Plätzetarifs ist um so berechtigter, als iui Kriegs fahre 1915 mit Rücksicht aus die Kriegsveryältnisse eine Herabsetzung der Preise in den meisten Syuagogen erfolgte. Herr Gewerberat Plotke teilt zwar im Prinzip mit allen anderen Repräsentanten die ideelle Auffassung des Herrn C o h n , doch hindere die Finanzlage der Gemeinde die Verwirklichung dieses erstrebenswerten Zieles. Herr Siegfried Sach s weist Herrn Cohn darauf hin, daß die Platzmieten kein Gemeinde- Mitglied vom Synagogenbesuch ausschließen, da die Synagogen mit Ausnahme der hohen Feiertage für alle Andächtigen auch ohne Karte zugänglich sind. Eine Verletzung oder Herabminderung des religiösen Gefühls sei also nicht zu befürchten. Nachdem in längerer Aussprache die Ausführungen des Herrn Cohn von einigen anderen Rednern erörtert worden waren, wurde schließlich der Antrag des Gemeindevorstandes angenommen. — Z u r Ge w ä h r u n g von S o n d e r h o n o ra r e n an besonders tüchtige Chormitglieder der Synagogenchöre werden 1200 Mark bereitgestellt; 11000 Mark erhält die Jüdische Brüdergemeinde in Neukölln als Beitrag für das Geschäftsjahr 1919/20. Der Religio nsverein Charlottenburg erhält für das laufende Jahr eine Beihilfe von 24 000 Mark. Der bisherige Jahresbeitrag von 18 000 Mark wird der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums auch für das Jahr 1920/21 bewilligt; für den Verein Tälmud-Thora-Knesseth-- Jisroel wird die Hälbjahressubvention aus 1250 Mark festgesetzt. — Die bevorstehenden Repräsentantenwahlen. macken nach Ansicht des Gemeindevorstandes einen neuen (sechsten) Nachtrag zum Gemeindestatut erforderlich, der iln besonderen die Aufstellung einer neuen Wählerliste sowie Bestimmungen über die Verbindung einer Ersatzwahl für die spätestens drei Monate vor dem Wahltage ausgeschiedenen Repräsentanten mit den bevorstehenden Ergänzungswahlen vorsieht und die Reihenfolge der einzuberufenden Stellvertreter festsetzt. Die vom Gemeindevorstand mit großer Beschleunigung ausgearbeitete Vorlage war der Repcäsentantenversammlung verspätet zugegangen, die vor Beginn ihrer öffentlichen Sitzung eine dreistündige Ausschußberatung abhielt, in der jedoch noch nicht alle Fragen geklärt wurden. In einer baldigst einzuberufenden Sitzung soll Kann die erste und zweite Lesung des Statutennachtrages erfolgen. Die Versammlung stimmt dec Vertagung und der Einsetzung eines Sonderausschusses zu, der aus den Mitgliedern Geheimrat Dr. Minden, Dr. I. Levy, Geheimer Justizrat Halle und zwei juristisch gebildeten Mitgliedern des Gemeindevorstandes bestehen soll. — lieber den Vorstandsantrag auf A b s ch a f s u n g d e r P r e d i g t l i e d e r in den Synagogen ohne Orgel berichtete Herr Gewerberat Plotke, daß zahlreiche Besucher der Syuagogen ohne Orgel sowie die Vorstände dieser Synagogen die nach der Gebetordnung für diese Synagogen zu singenden Predigt- 4 lieber abschassen wollen, weil diese Lieder sich nur unvollkommen in den Rahmen dieser Gottesdienste einfügen. Der Gemeindevorstand bezeichnet Text und Melodie der Predigtlieder als „kirchenrnäßig". Auf Antrag der Abteilung A der Vereinigten Sy na gogenvor stände (Abteilung für orgellose Synagogen) hat der Gemeindevorstand nach Anhörung der Gemeinderabbiner beschlossen, aus den genannten Gründen die Predigtlieder in den Synagogen ohne Orgel abzuschaffen. Herr Gemeinderat Dr. Holz wendet sich gegen die Begründung des Antrages, da sick« diese Kritik der Predigtlieder ja ebenso ans Orgelgottesdienste beziehen müßte. Nach kurzer Debatte wird die Vertagung der Vorlage beschlossen. — Die Finanzlage der Gemeinde macht eine neuerliche Erhöhung der Trauungsgebühren erforderlich, die bisher 60 Mark für Berliner und 100 Mark für Auswärtiae bei Trauungen in den Gemeindesynagogen bzw. 120 Mark bei Trauungen außerhalb der Synagogen betragen haben. Diese Gebühren decken heute nicht mehr die Auslagen der Gemeinde. Eine mäßige Erhöhung aus 120 Mark für Trauungen im Gotteshause, 200 Mark für Trauungen außerhalb der Synagoge wird vom Vorstand beantragt und von der Nepräsentantenversannnlung beschlossen. Mit dieser Vorlage hatte die Repräsentantenversammlung ihr Arbeitspensum für die öffentliche Sitzung erledigt. Geheimrat Dr. M i n d e u schloß die Verhandlungen mit einein Tank an die Mitglieder, die seit 10 Uhr zunächst im Ausschuß III und dann an der Vollversammlung der Repräsentantenvers ammlung tei lgenommen haben. Dieses Opfer sei um so mehr anzuerkennen, als in diesen Tagen sich der ganzen deutschen Nation wegen der Auslieferungsfrage eine berechtigte große Aufregung bemächtigt hat, von der ebenso' wie unsere christlichen Mitbürger selbstverständlich auch wir und unsere jüdischen Glaubensgenossen ergriffen sind.