Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1920)
- Date
- 1920-02-13
- Page
- Seite 83 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Schwester Sara-Lea war voll heimlicher Trauer; denn sie wußte um die Hoffnungslosigkeit seines Zustandes. * A-n einem Nachmittage verlangte Benjamin etwas zu lesen. Als man den schwerverwundeten Benjamin in das Spital gebracht hatte, war in der Brustkasche seines Rockes das schmächtige Büchlein „Die Prüfung der Welt" gefunden worden. Sara-Lea hatte es zu sich genommen und ausbewahrt. Jetzt suchte sie das Büchlein wieder, heraus und legte es auf das Schränkchen, das neben dem Bette stand. „Nein, Sara-Lea," sagte Benjamin, „ich möchte eine Zeitung lesen." Eine Zeitung lesen — das war diesmal mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Russisch verstand Benjamin» nicht, und österreichische Zeitungen waren keine da, und wenn solche vorhanden gewesen! wären, so hätte das Lesen einer österreichischen Zeitung leicht für Sara-Lea Folgen haben können. Nichtsdestoweniger durchstöberte sie ihren kleinen Handkoffer und fand darin einige lose Blätter einer Wiener Zeitung. Sie reichte sie Benjamin hm. Das Blatt enthielt nur kleine Mitteilungen: Hot- und Personalnachrichten, einen langen Bericht über das Jubiläum eines Hofrates, einen noch längeren über ein Wohltätigkeitskcnzert zugunsten der Flüchtlinge, und dann eine Anzahl kleiner Notizen lokalen Charakters. Unter anderem las Benjamin folgende Notiz: „Dem Einjährig-Freiwilligen Zugführer Awntm Gottesmann ist in Anerkennung tapferen Verhaltens vor dem Feinde die silberne Tapferkeitsmedaille zweiter Klasse verliehen worden." „Dem rothaarigen Kletterer haben sich nun neue Möglichkeiten zum Klettern eröffnet", sagte Benjamin zu sich selbst. Und er ließ das Blatt zu Boden fallen. * Am Abend desselben Tages, als Sara-Lea Benjamin gute Nacht wünschte, sprach er mit leiser Wehmut: „Du gehst, Sara-Lea, und sagst mir nichls." Sie sah ihn erstaunt an. Er aber wiederholte seine Worte. Da mischte sich in ihr Erstaunen ein gewisser Zweifel und sie fragte: „Was sollte ich dir denn sagen?" .„Etwas Gutes, Sara-Lea etwas Schönes - etwas Süßes — das, was meinem Ohr wie Musik klingt ..." „Wie meinst du das?" Er nahm ihre Hand lind bat wie ein Kind: „Sag: Benjamin ist derjenige, welcher —" In ihrem Herzen flammte es auf. Sie fand diesen Wunsch nicht im geringsten lächerlich, nicht zum Lachen kindisch, nein, im Gegenteil, sie fand dieses Verlangen zum: Verzweifeln rührend, zum Weinen, treuherzig; es lag darin Liebe . . . . Und sie beugte sich über ihn und flüsterte: „Benjamin, du bist gerade derjenige, welcher " Dann preßte sie ihre Lippen auf die seinen und ein Tränenstrom entquoll ihren Augen. Er aber lag mit geschloffenen Augen und schien zu träumen, und als «er sie öffnete, sprach er zum erstenmal den Namen Menachem aus. Er fragte, was mit Menachem geschehen sei. Sära-Lea schwieg. „Ach ja", sagte er, „der alte Menachem! — Ich sah ihn in seiner Niedrigkeit, ich sah ihn in seiner Größe; ich beuge mich in Ehrfurcht vor seinem Heldentum!" Er hielt eine Weile inne. „Nächst dir, Sara-Lea," fetzte er dann hinzu, „nächst dir war Menachem der einzige in unserer Gemeinde, der einen starken Willen besaß." Es trat eine Pause ein von beängstigender Stille. Wie ein Atemanhalten war's, wie ein Sichvorbereiten, wie ein Bor-der-Entscheidung-Stehen. Das Zimmer war in schwarzes Dunkel getaucht, nur der schmale Winkel, der das Bett umschloß, wurde von dem fahlen Licht einer winzigen Petroleumlampe erhellt. Ein weher Ton zitterte durch den Raum. Sara-Lea betrachtete Benjamin, der regungslos, die Augen geschlossen, dalag und auf dessen Wangen verräterische gelbliche Flämmchen spielten, und ihr Herz krampste sich unter unsäglichem Schmerz zusammen. Irgend etwas mischte ihre spärlichen Erinnerungsblättchen nach verschiedenen Richtungen von links nach rechts, von rechts nach links, von der Mitte bis zum Ende und von diesem zum Anfang zurück. Sie trat ans Fenster. Der Mond grüßte herein und zeigte ein gutmütiges, lächelndes^rundlichesAntlitz, wie die guteTante aus Krakau. Sara-Lena mußte an sie denken. Sie sah ste in ihrer ganzen eingedämmten, eingeschnürten Jugendlichkeit, wie sie ihren Htzrzenskummer mit dem Samt ihrer Augen vor Menschenblicken zudeckt und an der Seite des alten, ausgedienten Herrn Eisenhardt zu ihrem freudlosen Dasein begütigend lächelt. Das Bild dieses ungleichen Ehepaars beunruhigte Sara-Lea. Es wurde ihr schwül ums Herz. Unwillkürlich griff sie naä} dem Fensterriegel, als hätte sie die Absicht, das Fenster zu öffnen. Doch sie hielt sich nur daran fest, als ob es ihr einen Stützpunkt böte, und sah zum Fenster hinaus. (Schluß folgt.) Literarische Mitteilungen. Dr. L. W e i n b e r g: „D a s j ü d i s che Pa l ä st i n a". Die kürzlich im Verlag „Jüdische Rundschau" erschienene Schrift gibt, von der englischen Deklaration vom 2. November 1917 ansgehend, ein Bild von den politischen Zielen des Zionismus, wie sie durch die umwälzenden Ereignisse dieser Zeit Gestallt gewonnen haben und durch die Arbeit für den Aufbau des jüdischen Palästina in die Wirklichkeit sich umzusetzen beginnen. Die Bedeutung der jüdischen Arbeit der letzten 30 Jahre in Palästina lvird in das rechte Licht gerückt und die Entwicklung der palästinensischen Verhältnisse in der Kriegs- Periode, besonders nach der englischen Besetzung, zum Ausgangspunkt genomimen für eine Darlegung der großen Möglichkeiten und der daraus sich ergebenden Aufgaben in lvirtschaftlicher, sozialer und kultureller Beziehung, die in absehbarer Zeit zu einem starken jüdischen Volkszentrum führen müssen. Die Schrift orientiert über die großen Probleme, die durch den bevorstehenden Aufbau des Landes aktuell geworden sind: Probleme, die das Land stellt und die durch die Besonderheit des künftigen Menschenmateri als aufgeworfen werden, und tue ist aus die besonderen Lösungen, die aus der Zusaunnenstilninung von Volk und Land sich ergeben, hin. Hervorgehoben seien in dieser Hinsicht die Abschnitte über die palästinensische Landwirtschaft und über die Rolle, die voraussichtlich die intensive Gartenwirtschaft in der Entwicklung des jüdischen Palästina spielen lvird, wobei die besondere Bedeutung berührt wird, die beut Gartenbau für die Schaffung einer gesunden Verbindung städtischen Lebens mit ländlicher Betätigung zukomnn. In dem Abschnitt über den kulturellen Aufbau lvird die Tätigkeit des neuen nationalen Unterrichtsausschusses (Baad hachinuch) als eines Wahrzeichens für die komntende Entwicklung herausgehoben und auf die Vorarbeiten aufmerksam gemacht, die der Schaffung der jüdischen Universität in Jerusalem gewidmet sind. * I. Ellbogen, Professor Dr., Dozent in Berlin: Geschichte der Juden seit dem Untergange des silbischen Staates. „Aus Natur und Geisteswelt", Bd. 748. B. G. Tenbner, Leipzig-Berlin. 1919. 126 Seiten. 8°. Dieses Buch, ursprünglich als Kriegsbuch gedacht, auf Anregung aus dem Schützengraben entstanden, will in einer politisch wildbewegten Zeit dern Frieden und der Verständigung dienen. Alls diesem spärlichen Raum die lvesentlichen Grundzüge der jüdischen