Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1920)
- Date
- 1920-02-13
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229450--75543-3288056- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sl Habe befähigten. Man muß den durch Gedankenreichtum und Formschönheit -wie durch -Me Gesinnung gleich, ausgezeichneten Vortrag, der voraussichtlich bald auch, in deutscher Uebersetzung erscheinen wird, selbst lesen, um ihn voll und ganz zu genießen. Doch sei hier gleichsam als Kostprobe nur eine Stelle mitgeteilt (S. 30/31): „Kann es einen Zweifel darüber geben, daß es eine wesentliche Wohltat für das Menschengeschlecht gewesen ist und noch heute ist, wenn mtter seinen Gliedern, und speziell unter seinen christlichen Gliedern, sich.diese Nation von Nonkonformisten befand, um die Freiheit des Denkens und des Gewissens, die Selbständigkeit des Urteils, das Recht des Menschengeistes auf eigene Regelung der Beziehungen zu Gott zu vertretend? Uniformität mag der Traum des Katholiken sein, ist aber nicht Muster und Norm für die Menschheit. Und diejenigen, die der römische Schriftsteller als Feinde des Menschengeschlechts brandmarkte, haben zu seinem Wohl Jahrhunderte hindurch Unschätzbares geleistet. Darin besteht nach meiner Meinung der wesentliche Sinn der Fortdauer des Judentums." Die Selbständigkeit des Urteils, die Herford hier dem Judentum nachrühmt, besitzt auch er selbst in höchstem Maße, und zwar nicht nur dem Judentum gegenüber. Denn er scheut sich nicht (S. 15), eine Stelle aus G o e t h e im Original anzuführen mit dem Zusatz: „tliough tlie German language is not in good oclour now." Das letzte zu besprechende Werk, das ebenfalls in englischer Sprache vortiegt, ist zwar schon in der Form streng wissenschaftlich, hat aber doch Anspruch auf Würdigung auch an dieser Stelle. Der Verfasser' Is ra el Abrahams, der zwanzig Jahre hindurch Mitherausgeber der „I e w i s h Quarterlh Review" war und daneben vor allem durch sein großes Werk über „Jüdisches Loben im Mittelalter" einen angesehenen Namen ixt der Wissenschaft vom Judentum besitzt, bietet in seinen „Studien über den Pharisäismus und die Evangelien"") mit völliger Beherrschung des Gegenstandes, zwar nicht in der Form, aber dem Inhalt nach, einen förmlichen rabbinischen Kommentar zu den Evangelien. Ohne irgendeine polemische oder apologetische Tendenz sucht er mit allen Mitteln der philologischen und historischen Kritik die Lehren, Anschauungen und literarischen Formen des ältesten Christentums aus der Umwelt, in der sie entstanden sind, zu erklären. Das Werk war ursprünglich als Ergänzung zu El. G. M o n t e f i o r e s zweibändigem Evangelienkommentar gedacht. Daraus erklärt sich seine ausfällige äußere Form. Denn es setzt sich aus 21 Kapiteln zusammen, die des inneren Zusammenhangs zu entbehren scheinen, wenn man nicht weiß, daß jedes derselben sich auf eine Note in dem genannten Werk bezieht. Diese 21 Kapitel sind von ungleichem Umsang und auch ungleichem Interesse und behandeln die verschiedensten in den Evangelien berührten Gegenstände teils aus der Ideenwelt, teils aus Recht, Kultus und Ritus des Judentums. Ein Teil davon besitzt über den nächsten Zweck selbständigen Wert, indem dort quellenmäßiger Aufschluß über eine Reihe von besonders wichtigen Punkten der jüdischen Religionsgeschichte geboten wird. So (II) das Größte Gebot, (IV) die Pharisäische Taufe, (IX) die Ehescheidung im ersten Jahrhundert, (XII) die Gleichnisse, (XVI) das Fasten, (XVII) der Sabbat, (XIX und XX) Gottes Verzeihung und des Menschen Verzeihung. Ein in Vorbereitung befindlicher zweiter Band wird unter anderem behandeln: das Leben unter dem Gesetz, das Joch der Gebote, h Aeh'Nlich bemerkt Heine („Gedanken lind Einfälle" II): „Die Iu.den waren die einzigen, die bei der Chriisttichwerdung Europas sich ihre Glaubensfreiheit behaupteten." ») „Studios in Pharisaism and the Gospels." First Serins. 17S p. Cambridge 1917. das letzte Abendmahl, den Prozeß Jesu, rabbinische Anschauungen von Opfer und Gebet, den Amhaarez, das Gottesreich, pharisäische Eschatologie, jüdische Apokalypsen. Ab ratz a m s betont im Vorwort mit Recht, daß die Juden gewisse Seiten der Evangelien besser verstehen als die Christen, und so ihren Dank abstatten können für das, was sie von christlichen Gelehrten für das Verständnis des Alten Testaments gelernt haben. Mit dieser Begründung und mit verschiedenen anderen Gründen sucht er die Beteiligung der jüdischen Gelehrten an der neutestamentlichen Kritik zu rechtfertigen. Uns erscheint eine solche Rechtfertigung völlig unnötig. Viel eher bedarf es der Rechtfertigung, daß sich bisher nur so wenig Inden an dieser Aufgabe beteiligt haben. Die Gründe für diese Zurückhaltung gehören nicht hierher, vielmehr sei hier bloß auf ein von Abrahams gar nicht erwähntes Moment hingewiesen, das viele jüdische Gelehrte für die Erforschung des Neuem Testaments irnd speziell der Evangelien prädisponiert. Die intime Kenntnis der U r s p r a ch e d e r Evangelien, der aramäischen Volkssprache Palästinas, wie sie uns in einem Teil der rabbinischen Literatur vorliegt, ist naturgemäß bei Inden häufiger -anzutreffen als bei Ehristen, und wenn dazu noch eine gründliche philologische Schulung kommt, deren sich freilich nicht alle jüdischen Gelehrten rühmen können, so erschließt sich hier unserer Wissenschaft ein unübersehbares Arbeitsfeld. Schon C h w o l s o n , G ü d e m a n n , C h a j e s und der Schreiber dieser Zeilen haben manche Dunkelheiten des Evangelientertes durch Zurückgehen auf das voranszusetzende aramäische Original gelöst. Eine methodisch durchgeführte Untersuchung des Urtextes, zunächst der Synoptiker, die ihre Krönung in einer vollständigen aramäischen Rückübersetzung finden müßte, wäre eine würdige Aufgabe für die geplante Akademie für die Wissenschaft des Judentums und würde sicher auch die sachliche Erklärung der Evangelien auf eine neue festere Basis stellen. Gerade Abrahams zeigt uns in seinem Werke, was hier noch geleistet werden kann und wie es zu leisten ist. So führt die Betrachtung der vier nach- Form und Inhalt so verschiedenen Veröffentlichungen doch zu einem und demselben Ergebnis. Wir 'lernen daraus, wie vielseitiges Interesse die Religionsgeschichte bietet, und wie nötig es ist, daß ihr aus jüdischen Kreisen nicht nur genießende Leser erstehen, die sich an ihr bilden, sondern auch selbständige Mitarbeiter, die sich an der Forschung beteiligen. Und weiter lernen wir daraus, daß inmitten der Leidenschaft der nationalen und religiösen Kämpfe die Religionsgeschichte einen Boden darstellt, auf dem alle vorurteilslosen Geister über bie Grenzen der Länder und Bekenntnisse sich, die Hand reichen, um lehrend und lernend das Göttliche im Menschen zu ergründen. Lur Methodik des Milchen Geschichtsunterrichts. Von Bezirksrnbbiner D-r. Be e r ma n n (Heilbronn). (2'. Fortsetzung.) IV. Vertiefung: Am Ereb Pesach geboren, wie Gabriel Rießer — die Befreier am Befreinngsseste. Man sieht, wie Maimuni und sein Vater den religiösen völligen Abfall der Zwangsmnslim, die allmählich auch im Innern mit dem Judentum brachen, mit Schmerzen sahen; darum mahnt der Jggeret haschmad: sie sollten wenigstens im geheimen Lehre und Gebote hüten und innerlich Juden bleiben, und Maimuni legt in seiner Schrift dar: nur für die drei Verbote, Götzendienst, Blutvergießen, Unzucht, gilt: er lasse sich lieber töten und übertrete sie nicht.. Sonst sei es zwar löblich, eher zu sterben, als irgendein Gebot oder Verbot zu übertreten. Wer aber den Mut zu