Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1920)
- Date
- 1920-02-13
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Arbeiten exegetischer, religiolrsgeschichtlicher und archäologischer Art angebaut hat. Durch einen mehrmaligen, län.geren Aufenthalt im Heiligen Lande, als dessen Ertrag er unter anderenr auch eine Grammatik des in Jerusalem gesprochenen arabischen Dialekts veröffentlicht hat, ist er auch mit den Realien besonders gut vertraut. Doch begnügte er sich nicht mit der Erforschung des räumlichen Hintergrundes der von ihm dargestellten religionsgeschichtlichen Periode, sondern er verfolgte auch eindringender als seine meisten Fachgenossen die Entwicklung des Judentums in nachbiblischer Zeit und trat darum auch einer Reihe von lebenden Trägern der jüdischen Ueberlieferung nahe, um so möglichst genau alle Seiten und Erscheinungssormen des Judentums kennenzulernen. So steht er allem Jüdischen nicht nur voller Verständnis, sondern mit warmer Sympathie gegenüber und vereinigt somit alle Vorbedingungen für eine streng sachliche Darstellung unserer Religionsgeschichte. Sein vorliegendes Werk bietet ein auf durchaus selbständiger Forschung beruhendes und dabei gemeinverständliches Bild der Entwicklung der jüdischen Religion von den ersten Anfängen bis zum Abschluß des Bibelkanons. Es ist ebenso durch Klarheit im Aufbail und in der Sprache wk buzd) Vornehmheit im Ton ausgezeichnet und daher besonders geeignet zur Einführung in die Probleme der alten Religionsgeschichte. Lohr läßt den Leser nie im Zweifel, wo er aus dem festen Boden geschichtlicher Tatsachen sich bewegt und wo das Urteil nur durch Zuhilfenahme von Hypothesen gewonnen' ist, wie es namentlich in den ersten Kapiteln der Fall ist. Durch diese Gewissenhaftigkeit ermöglicht er auch dem Laien einen schnellen Ueberblick über die sicheren Resultate der Wissenschaft. Einzelne Kapitel als besonders gelungen hervorzuheben, wäre eine Ungerechtigkeit gegen die übrigen Teile des Buches. Doch verdient besondere Beachtung, mit welch wohltuender Objektivität gerade auch diejenigen Seiten der alttestamentlichen Religion gewürdigt werden, die die christliche Theologie sonst herabzusetzen pflegt oder nur widerwillig gelten läßt, so die Bedeutung des Gesetzes (S. 101/02) und des Universalismus iS. 138—142). Während Lohrs Darstellung nur bis zum Abschluß des Bibelkanons reicht, sind die anderen drei Werke ausschließlich der Religion des nachbiblischen Judentums gewidmet. I. Bergmanns, der schon in seiner „Jüdischen Apologetik im Neutestamentlichen Zeitalter" einen vollgültigen Befähigungsnachweis ans religionsgeschichtlichem Gebiete erbracht hat, behandelt in den Legenden eine wichtige und noch wenig ausgeschöpfte Quelle für die Kenntnis der jüdischen Religion. Im ersten und letzten Kapitel werden prinzipielle Ausführungen über das Wesen und Werden der Legende und über das Verhältnis von Legende und Geschichte geboten. Der Hauptteil des Werkes (Kapitel 2 bis 11) führt die wichtigsten Objekte der Legendenbildung an instruktiven Beispielen vor, wobei nicht nur das talmudische, sondern auch das kabbalistische und chassidische Schrifttum berücksichtigt und auch zahlreiche Parallelen aus der nichtjüdischen Literatur beigebracht werden. Im 12. Kapitel erhalten wir eine Zusammenfassung der Resultate des Werkes in einer Darstellung der „Volksfrömmigkeit in der Legende". Dieselbe geht von der richtigen Beobachtung aus, daß wir aus den Legenden den Geist der jüdischen Religion sicherer zu erkennen vermögen als aus den Forderungen des religiösen Gesetzes. Die ans Ende des Werkes verwiesenen Quellennachweise zeugen von ungewöhnlicher Belesenheit in der hier besonders umfangreichen Literatur und bieten auch dem Fachrnann reichen Stofs für die vergleichende Legendenforschung. 5) „Die Legenden der Juden." 166 S. Berlin, E. A. Schwetschke u. Sohn. 1919. Bei bem beschränkten Umfang des Buches konnte natürlich nicht bas? ganze Material verarbeitet werden, doch möchten wir für eine Neuauflage eine besondere Behandlung der legendenbildenden Kraft der B i b e l einerseits") und der Mystik anderseits empfehlen. Die Bibel enthält nämlich nicht nur selbst viele Legenden und legendarische Züge, um die sich in späterer Zeit immer wieder neue Legenden rankten, sondern forderte auch sonst nach vielen Seiten förmlich zur Legendenbilduna heraus. Tie Widersprüche, Auffälligkeiten itnb Lücken der Darstellung wurden mit Vorliebe durch sinnige Legenden motiviert beziehungsweise ergänzt, und ebenso fanden auch die zahlreichen exegetischen und textkritischen Schwierigkeiten auf gleichem Wege ihre einfachste Lösung. Tie Bedeutung der Legende in der Mystik, der namentlich Marti n B u b e v mit tiefem Verständnis nachgegangen ist, kann gar nicht hoch genug angeschlagen werden nnd hätte schon im Hinblick auf die vielen herangezogenen kabbalistischen und chassidischen Legenden eine Spezialuntersuchung verdient. Denn in der Legende hat sich gerade das Irrationale, das sich begrifflich nur schwer ausdrücken läßt, eine eigene Sprache geschaffen. Durch den hier ausgesprochenen Wunsch nach einer Ergänzung des Werkes in den beiden genannten Richtungen soll aber nicht etwa der Wert des Gebotenen herabgesetzt werden. Vielmehr ist das Werk auch schon in seiner vorliegenden Gestalt eine wertvolle Bereicherung unserer religionsgeschichtlichen Literatur und wohl geeignet, einen tieferen Einblick in die geheime Schöpferkraft der jüdischen Volksseele zu gewähren. Schon in den Werken von Löhr und Bergmann, die nirgends die Form der rein belehrenden Darstellung verlassen, ist die warme Teilnahme der Verfasser für ihren Gegenstand unverkennbar. Noch stärker tritt die persönliche Note in einer Schrift von R. Travers H e r f o r dJ hervor. Es ist ein Vortrag über das Thema: „Was dankt die Welt den Pharisäern?", der am 6. April 1919 in der Jewish Historicäl Society in London gehalten wurde, und bildet eine würdige Fortsetzung des bekannten größeren Werkes des Verfassers über das pharisäische Judentum. Während heute überall dunkle Mächte die Schuld an dem grenzenlosen Unglück, das über die Welt gekommen ist, ans die Juden abwälzen möchten, tritt hier ein christlicher Theologe in einem jüdischen Verein auf die Rednerbühne und spracht einmal aus, ums die Welt wirklich dem Judentum schuldet. In seiner Bescheidenheit glaubt er zwar, als Nichtjude nicht die rechte Kompetenz zur Behandlung des Gegenstandes vor jüdischen Hörern zu besitzen, doch ist das eine ganz unangebrachte Selbstunterschätznng, denn niemand könnte über das Thema mit mehr Sachkenntnis und mehr Liebe sprechen. „Die Schuld der Welt an die Pharisäer ist groß nnd bedeutsam", mit diesem Wort nimmt er schon im Eingang feiner Ausführungen das Resultat vorweg. Er bekennt unumwunden, obgleich ihm daraus von mancher Seite ein Vorwurf gemacht wurde, daß er in seinem Herzen „a soft place" für die Pharisäer habe, und er findet die rechten Worte für H a r n a ck s Beurteilung des pharisäischen Judentums. Von der Tatsache ausgehend, daß das Judentum sich als lebende Religion in ununterbrochener Fortdauer bis heute erhalten habe, stellt er die Frage, was dem Judentum eine solche Lebenskraft gegeben habe, all denen zum Trotz, die es schon längst tot sagen. Auf diese Frage gibt er selbst die Antwort: „Es waren die Prinzipien des P h a r i s ä i s m u s", und nun folgt eine Charakterisierung derjenigen Seiten des pharisäischen Judentums, die es zur Erfüllung jener großen Auf- ") Die Ausführungen S. 14 ff. sind unzulängllich. 7) „What the World ovves to the Fharisees,“ 71 p. London 1919.