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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-02-13 · Heft 7 (13.2.1920) · p. Seite 79

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 7 (13.2.1920)
Date
1920-02-13
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
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79 bewußt oder unbewußt die Tendenz besteht, das Christentum auf Kosten der Mutterreligion zu glorifizieren. Das Judentum ist eben nach ihrer Auffassung nur eine Vor stufe des Christentums und muß dementsprechend gewertet werden. Wenn man in früheren Jahrhunderten nach! einem treffenden Worte von Z u n zsi: „die Juden nur als Kirchenmaterial" betrachtete, „als Zeugen oder als Widersacher eines siegenden Christentums", so trifft das zwar auf die heutige christliche Theologie, soweit sie wirklich! wissenschaftlich ist, nicht mehr zu, aber an Stelle des kirchlichen Dogmas ist ein anderes, fast schwerer zu überwindendes Dogma getreten, das Dogma des Vorurteils, nach welchem das Christentum als das spätere auch in jeder Beziehung das höhere und bessere wäre. Wer in der geistigen und sittlichen Arbeit, die das Judentum geleistet hat, nichts weiter als eine V o r a r b e i t für das Christentum erblickt, muß nicht nur einzelne charakteristische Züge des jüdischen Wesens übersehen und vernachlässigen und andere wieder zu hoch einschätzen, sondern wird ganzen Perioden seiner Geschichte nicht gerecht werden. Denn das Judentum hat in Lehre und Leben Werte geschaffen und Gedanken verwirklicht, für die es. im Christentum keine Parallele und keinen Anknüpfungspunkt gibt und die daher nur aus sich selbst heraus verstanden werden können. Das Judentum darf, wie jede geschichtliche Größe, nur an sich selbst gemessen werden und muß, bevor es mit anderen. Religionsformen verglichen wird, zuerst mit sich selbst verglichen werden. Wenn nun die angedeuteten Vorurteile schon auf die Darstellung der biblischen Religion ungünstig einwirken, um wieviel stärker getrübt zeigt sich das Urteil der meisten christlichen Theologen, wenn sie an die Darstellung, des nachbiblische n Judentums gehen! Hier wirkt das düstere Bild der jüdischen Religion, das uns in den „Streitschriften" des Neuen Testaments entgegentritt, noch immer mit unverminderter Kraft nach. Nehmen doch auch große und anerkannte Forscher, die dem Neuen Testament sonst ganz unbefangen gegenüberstehen und vieles darin Berichtete als ungeschichtlich erklären, jedes Wort, das dort gegen die Juden gesagt wird, gläubig als unantastbare Wahrheit hin. Ja, es gibt sogar Gelehrte, die Jesus gar nicht als geschichtliche Person ansehen, und doch den Inden nicht verzeihen wollen, daß sie ihn verworfen haben. Zu diesem mehr im Gefühl liegenden Vorurteil kommt auch noch ein Moment von geradezu entscheidender Bedeutung: die geringe Kenntnis, ja manchmal völlige Unkenntnis der Sprache und Literatur des nachbiblischen Judentums seitens der christlichen Darsteller der jüdischen Religion im nachbiblischen Zeitalter. Mancher sonst mit Recht gefeierte Forscher hat schon Proben der beschämendsten Unwissenheit auf dem genannten Gebiete gegeben. Da man die Originale der in Betracht kommenden Schriften der talmudischen und midraschischen Literatur nicht versteht, greift man zumeist zu ganz unzuverlässigen Uebersetzungen oder zu sonstigen sekundären Quellen und sucht darin nach Belegen für die neutestameutliche Darstellung. Wohl gibt es auch nach dieser Richtung hin rühmliche Ausnahmen, doch im großen und ganzen ist die christliche Theologie noch weit entfernt von einem wirklichen Verständnis des Mutterbodens ihrer eigenen Religion. Noch, unerfreulicher als die polemischen Auseinandersetzunger: ist die bei manchen Theologen hervortretende Tendenz, das Judentum speziell in seiner nachbiblischen Entwicklung völlig zu ignorieren und förmlich totzuschweigen. Es gibt nicht wenig Werke, in denen der Anteil des Judentums # ■ h Z» Geschichte und Literatur Bd. 20 (= Ges. Sehr. l, 58). am religiösen Besitz der Menschheit auch nicht mit ein^it Worte erwähnt, in denen alles Große und Unvergängliche) was es geschaffen, mit der größten Selbstverständlichkeit für das Christentum reklamiert wird. Hier gilt das Wort von G r ä tf): „Sie rissen dem jüdischen Volke die Krone vom Haupte, setzten sie sich auf und beerbten den Lebendigen." Man kann diese Methode am besten durch ein Bild aus der modernen Heilkunde veranschaulichen. Während man früher nur die antiseptische Wundbehandlung kannte, die durch starke, aber häufig den Körper selbst angreifende Gifte alle Jnfektionsstofse zu vernichten sucht, ist man heute zur aseptischen Methode fortgeschritten. Diese läßt die JnfektiouSstoffe gar nicht in die Wunde gelangen, braucht daher nicht erst jene Gifte, anzuwenden und ist daher weniger gefährlich und dabei doch wirksamer. Ganz ebenso glauben manche Theologen, mit dem Judentum leichter fertig zu werden, wenn sie es einfach mit Stillschweigen übergehen, statt sich mit ihm in einen direkten Kampf einzulassen. Denn ein solcher Kampf ist in Ermanglung des nötigen wissenschaftlichen Rüstzeugs nicht nur schwierig, sondern häufig auch recht gefährlich. Man läßt sich daher gar nicht erst in eine solche unbequeme Auseinandersetzung ein und glaubt, das Judentum einfach aus der Ge-! schichte streichen zu können. So bringt es H a r n a ck in seinem „Wesen des Christentums" fertig, das Judentum der letzten 1800 Jahre auch nicht andeutungsweise zu erwähnen. All die bisher angeführten Gründe sind wohl eine Erklärung, aber noch keine Entschuldigung für die Gleichgültigkeit, mit der noch weite jüdische Kreise allen religionsgeschichtlichen Arbeiten gegenüberstehen. Denn wenn schon die Religionsgeschichte überhaupt eine der wichtigsten Seiten der ganzen Kultur- und Geistesgeschichte darstellt, welche Bedeutung kommt ihr dann erst innerhalb der jüdischen Geschichte zu! Selbst wenn die geschichtliche Betrachtung der Religion in diesem oder jenem Punkte etwas nimmt, woran sich bisher die Pietät geklammert hat, gibt sie uns auf der andern Seite überreichen Ersatz durch die Erweiterung unseres religiösen Gesichtskreises und gewährt uns einen, tiefen Einblick in die einzigartige Stellung der Religion unter den Kulturmächten im allgemeinen und der jüdischen Religion unter den Kulturreligionen im besonderen. Auch wäre es ein sehr verhängnisvoller Irrtum, die Beschäftigung mit der Religionsgeschichie als bedeutungslos für das Leben der Gegenwart anzusehen. So kann, um nur ein Beispiel anzuführen, die heute so viel umstrittene Frage nach .dem Verhältnis von VrEund Religion im Judentum, die gewöhnlich einseitig nach dem jeweiligen Parteistandpunkt behandelt wird, nur aus einer tieferen geschichtlichen Kenntnis gehörig beantwortet werden, und es ergibt sich das Resultat, daß eine Wesensbestimmung des Judentums ebenso unmöglich unter Ausschaltung des religiösen wie des nationalen Moments ist. Doch statt länger über die Notwendigkeit des Studiums der jüdischen Religionsgeschichte zu sprechen, sei hier auf einige Neuerscheinungen hingewiesen, die jede in ihrer Art besonders geeignet sind, den Gegenstand in seiner Vielseitigkeit auch weiteren Kreisen zu erschließen, und zugleich die erfreuliche Tatsache zu bezeugen, daß jüdische und christliche Gelehrte in edlem Wetteifer an der Feststellung der geschichtlichen Wahrheit arbeiten. An erster Stelle ist hier die „Alttestamentliche Religionsgeschichte') von Max Löhr zu nennen. Der Verfasser/ der die alttestamentliche Wissenschaft an der theologischen Fakultät der Universität Königsberg vertritt, ist einer der angesehensten Forscher auf seinem Gebiete, das er in zahlreichen 3) Einleitung zu Band VII der „Geschichte des Judentums". 4) Sammlung Göschen. Zweite, nenbearbeitetc Auflage. 14» S. Berlin und Leipzig 1019.

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