Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1920)
- Date
- 1920-02-13
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
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Haus und meinen engeren Freundestreis, wenn ein Briefblättchen von der hochverehrten Greisin angeflogen kam. Der Lebens- und Werdegang der Verklärten ist allgemein bekannt; vorbildlich für ihr Geschlecht, namentlich für ihre Glaubensschwestern, wird ihr Andenken für alle Zeiten unvergessen in Segen fortleben. „Denn sie war unser! Mag das stolze Wort den lauten Schmerz gewaltsam übertönen!" R e g i n et N e i -ß e r (Breslau). Mehr Netjgjonsgklchjchtk! Von Feli x P e r l e 8. nmitten all der trüben Erscheinungen, die die Um- \ Wälzungen der letzten Jahre gerade auch in jüdischen Kreisen gezeitigt haben, führt man als einzigen Lichtpunkt gewöhnlich an, daß das Interesse für das Judentum sich wenigstens allenthalben gesteigert habe. Doch so erfreulich dieses wiedererwachte Interesse an sich ist, so wenig Wert hat es für die Vertiefung und innere Erstarkung des Judentums, wenn es sich nicht in ganz anderer Weise als bisher betätigt. Bei einem nicht unbeträchtlichen Teil unserer Gemeinschaft konzentriert sich das jüdische Interesse auf all die Anfeindungen und die daraus entspringenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Hemmungen, die das Festhalten am Judentum mit sich bringt. Sie interessieren sich nur insoweit für ihr Judentum, als sie unter ihm leiden, denn sie haben keine inneren Beziehungen zu ihm, ja, stehen ihm kühl bis ins Herz hinan gegenüber und betrachten alles Jüdische nur unter dem einen Gesichtswinkel: kann es nur nicht etnm mißdeutet werden, kann es uns nicht irgendwie schaden? Doch auch in den Kreisen, die schon mehr positives Interesse am Judentum haben, beschränkt sich dasselbe meist auf die Partei oder die Richtung, auf die man gerade eingeschworen ist. Nicht sachliche, aus einer tieferen Erkenntnis des Judentums geholte Argumente entscheiden da über die Stellungnahme 31t allen jüdischen Fragen und Problemen. Dafür berauscht man sich an Schlagwörtern und Phrasen, die den Mangel an Begriffen ersetzen sollen, und glaubt schon seinem Judentum Genüge getan zu haben, wenn man regelmäßig sein Parteiblatt liest und den Parteiversammlilngen beiwohnt, oder gar, wenn man jeden nicht zur Partei Gehörigen als Feind betrachtet oder behandelt. In der Leidenschaft des Kampfes erscheint der Kampf bald als Selbstzweck, und man vergißt schließlich in allen Lagern, was denn eigentlich das Judentum sei, um das so heiß gestritten wird. Wenn in dieser Beziehung nicht bald Wandel eintritt, droht dem Judentum die schlimmste Gefahr. Wenn es sich nicht aus die religiös-sittlichen Werte besinnt, denen es seit Jahrtausenden seinen Zusammenhalt verdankt, dann verblutet es sich nicht nur äußerlich an seiner unseligen Selbst- Henriette Goldschmidt geb. 1S‘2.:> zu Nrowschiu, czest. NO. ganuar 1020 iit Leipzig. zerfleisehung, sondern es geht auch allmählich an geistiger Blutarmut zugrunde. Auffallenderweise zeigt sich aber in allen Lagern eine bedauerliche Gleichgültigkeit, ja oft unverhohlene Abneigung gegen die ernstere Beschäftigung mit dem, was den eigentlichen Inhalt des Judentums ausmacht. Ja selbst die Wissenschaft vom Judentum hat sich, so paradox das klingen mag, mit nichts weniger befaßt als mit dem, was man im engeren Sinne Judentum nennt, nämlich mit der jüdischen Religion. Wir besitzen monumentale Werke über die äußere Geschichte der Juden, über ihre Literatur und ihre Kultur, vergebens aber suchen wir ein großes Werk, das uns eine Geschichte der religiösen Ideen des Judentums böte. Ueber die Gründe dieser Vernachlässigung der Religionsgeschichte in unserer Wissenschaft habe ich mich an anderer Stelle ausgesprochen'). Heute sei aber nur auf dre Tatsache hingewiesen, daß gerade in Laienkreisen so wenig Interesse und Verständnis für den Gegenstand anz-ntreffen ist. Dabei braucht man gar nicht an diejenigen zu denken, die religiös völlig indifferent sind und deren religiöse Unbildung oft so weit geht, daß sie die Religion als ein „Gemisch von Irrtum und Torheit" ansehen. Vielmehr ist auch gerade in den Kreisen, denen die Religion das köstlichste Lebensgut bedeutet, eine hochgradige Verständnislosigkeit gegenüber den Resultaten der Religionsgeschichte zu konstatieren. Beiden starren Anhängern der Tradition ist eine solche Haltung ganz folgerichtig. Sie wollen von einer G e s ch i ch t e der Religion überhaupt nichts wissen. Denn die Religion mit all ihren Ausprägungen ist ihnen nicht etwas Gewordenes, sondern etwas ganz unverändert schon immer Dagewesenes. Wir finden aber auffallenderweise die gleiche Haltung auch bei so vielen freier gerichteten Juden, die prinzipiell einer geschichtlichen Betrachtung ihrer Religion nicht abgeneigt sind. Dieselbe entspringt eben einem gewissen Mißtrauen gegenüber den Resultaten der religionsgeschichtlichen Forschung. Dieses Mißtrauen hat seinen naheliegenden Grund in der Tatsache, daß bisher umfassende geschichtliche Darstellungen der jüdischen Religion nur von christlicher Seiteunternommen wurden. Namentlich über das biblische Zeitalter liegen bedeutende Leistungen christlicher Forscher vor. Seitdem Heinrich Ewald das Wesen der Propheten förmlich, erst entdeckt hat, haben zahlreiche christliche Theologen in tief eindringender Forschung den wunderbaren Verlauf der altisraelitischen Religionsgeschichte ausgehellt. So groß indessen auch ihre Verdienste auf diesem Gebiete sind, darf doch nicht übersehen werden, daß bei den allermeisten unter ihnen, auch wenn sie sonst noch so freisinnig und voraussetzungslos sind. l) H erf 0 rd , „Das pharisäische Judentum". Autorisierte Ueber-- sitzung von Rosalie Perles. (Leipzig 1913.) Mt Einleitung von F. Portes. VII.