Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1920)
- Date
- 1920-02-13
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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77 arbeitet wurde, sitzen die Bojaren noch imm-er auf dem Rücken de-? Bauern in Alt-Rumänien. In der Bukowina und in Transsylvanien wurde die Bauernbefrerung bermtS durch Josef II. 'durchgesührt. Wie hier die altrumänische Methode wirkt, läßt sich denken. In dieser Lage sucht die Regierung Kredite im Auslande, um den Unzufriedenen im Inneren des Landes den Mund verstopfen zu können, und Konzessionen in der Judenfrage, um sich über die Politischen Unannehmlichkeiten hinwegzuhelfen. Der rumänische Minoritätenvertrag! ist nämlich nur provisorisch von General Coanda unterschrieben, jedoch noch nicht von den Großmächten. Rumänien hat sich ausdrücklich Vorbehalten, weitere Verhandlungen zu führen, so daß die Winoritätenrechte noch nicht gesichert sind. * Der Aufbau Palästinas. Sir Herbert Samuel wird sich auf Einladung von Lord Allenby nach Palästina begeben, um ihm bei der Neuorganisation der Administration und der wirtschaftlichen' Einrichtung mit Rat zur Seite zu stehen. Dorthin wird sich auch die Milner-Kommission aus Aegypten begeben, um die Verhältnisse des Landes zu studieren. „Evening Standard" bemerkt, daß Samuel nicht nur wegen seiner reichen Kenntnisse, sondern auch wegen seiner Sympathie zum Zionismus für diese Reise ausersehen wurde. Die Agenturen Havas und Reuter werden Filialen in Palästina errichten. In Jaffa ist zum erstenmal ein jüdischer Dampfer in See gegangen. In Gegenwart des Hasenkommandanten und der Militärbehörde wurde die blau-weiße Fahne mit dem Davidschild gehißt. Es ist ein Schiss der Küstenlinie Jaffa—Haifa. Die Palästina-Water-Commission trifft die nötigen Vorbereitungen für den Erwerb und die Einrichtung, «einer Reihe von Transportschiffen, um die große Menge der Emigranten, die in Palästina erwartet werden, nach dort transportieren zu können. In Jaffa ist eine umfassende Konsumorganisation als Aktiengesellschaft errichtet worden, die auf den Anschluß ganzer Gemeinden und Gesellschaften rechnet. Es habein sich Jerusalem, Jaffa und der Rat der judäischen Kolonie angeschlossen. Auf diese Weise werden der Aktiengesellschaft große Mittel zur Verfügung stehen, die es ihr ernröglichen werden, den Kampf gegen Teuerung und Spekulation erfolgreich zu führen. Die Gesellschaft beabsichtigt; Niederlagen von Waren, die aus erster Quelle eingekaust sind, einzurichten'. Lieserungsausträge gegen angemessene Bedingungen zu erteilen- und bei der Re- - gierung Einfuhrbewilligung zu erwirken. Die Anglo-Palestine-Bank hat beschlossen, ihre Broschüren und Berichte in hebräischer Sprache zu veröffentlichen. Auch die Buchführung und der innere und äußere Geschäftsverkehr sollen in möglichst kurzer Zeit in hebräischer Sprache durchgeführt werden. Der Verein für Hochschulkurse in Jerusalem eröffnet eine Abteilung für Philosophie und Geschichte. Dr. Nordau äußerte sich einer Deputation von Poale-Zionistischen Führern gegenüber, daß beim Wiederaufbau Palästinas für den Klassenkampf kein Platz sei. Sowohl jüdische Kapitalisten als auch die jüdischien Arbeiter müßten bei dieser wichtigen Arbeit zu einer Verständigung kommen, die dem Lande selbst nur Nutzen bringen könnte. Vom jüdischen Leiben in Japan. Ein jüdischer Kaufmann aus Japan, der Do'kohama Ende Oktober vorigen Jahres verlassen hat und kürzlich in Paris eingetroffen ist, teilte dem Herausgelber der „I. P. Z." unter anderem folgende Einzelheiten über das Leben der Juden in Japan mit: Vor mehreren Monaten hat sich zur Regelung des großen jüdischen Emigrati o nsstaomes, - 'der feit Beginn des Bölschewistenregimes ununterbrochen -aus Rußland via Japan nach Amerika flutet, in Tokio das „American. Emigration Jewish Relief Committee“ gebildet, das sich aus amerikanischen und einheimischen japanischen Juden zusammensetzt. Zweimal wöchentlich passieren einige hundert jüdische Emigranten, aus Wladiwostok kommend, die Hauptstadt Japans, wo sie von dem genannten Komitee rituell verpflegt und mit dem Nötigsten versehen werden. Bis zu ihrer Weiterrei'se . nimmt sich das Komitee dieser Emigranten -in jeder Hinsicht an. ' Unter den Durchreisenden befinden sich «nicht nur Angehörige des riusstschon Staates, 'sondern auch Mische KaU'sLou'te aus Amerika, deren Existenz durch die Bio-lschewikiherrscha-st vMlkom-men zerstört wurde und die jetzt mittellos nach' Amerika zurückkehren. Die japanischen Ju>den gewähren ihren bedrängten jüdischen Brüdern reichliche materielle Hilfe und stehen ihnen, 'falls« sie eine neue Existenz in Japan 'gründen -wollen, mit Rat und Tat« zur Seite.. Allerdings sind die güten Zeiten, für die russisch-jüdische Geschäftswelt in Japan, seitdem der Handel in Rußland lahm,ge legt -ist, vorbei'. Die während des Krieges etn-gewainderten russischen Juden, die den Handel Japans mit 'ihrem Heimatlande 'lebhaft gefördert -und ausgebaut haben, sind alle zu «großem Wohlstand aelang't-. Biele aber wandern jetzt, da sie keine Handelsmöglichkeiten mehr mit Rußland haben«, nach Amerika aus, um sich -dort den: japanisch^nrerita-nischen Handel zu widmen. So bringt der jüdische Geschäftsgeist die Handelsbeziehungen zwischen Rußland, Japan und' Amerika zu neuer' Erstarkung. Als die ersten Pioniere jüdischer Niederlassung in Japan können neben dem bekannten Port Arthurer Philanthropen Ginsburg die Herren Kirschbaum aus Riga und Air. Russell genannt werden, die den Grundstein zu einer jüdischen Gemeinde legten. Heilte besitzt die Gemeinde bereits einen Schochet und im Hause des Emigrationskomitees flin der Mainstreet besteht ein Betsaal, der als Synagoge eingerichtet ist. T'er Bau -einer Synagoge ist geplant. In Ermangelung anderer Schuten -muhten die jüdischen Kinder bisher in die Missionsschulen «geschlickt werden; «hierin wurde nun Wandel geschaffen, -indem man jüdische Schulen errichtete, die gut besucht sind. Während der Chanukatage vorigen Jahres wurde ein jüdischer Ball veranstaltet, und die häufig stattsindenden Wohltätigkeitskonzerte und jüdisch-literarischen Kurse zeugen vom jüdischen Kulturleben in Tokio. Die ersten Spuren jüdischer Ansiedlung in Japan lassen sich auf fünf Jahrzehnte verfolgen, wovon ein- 57 Jahre alter Grabstein einer jüdischen Frau in Tokio zeugt. Unser Gewährsmann beabsichtigt, bei seiner Rückkehr nach Japan den Grabstein photographieren zu lassen und Material über die ersten Anfänge des jüdischen Lebens in den japanischen Städten zu sammeln. | Henriette Goldlchmidt. | Veteranin der deutschen Frauenbewegung, zu der J die gesamte deutsche, insbesondere die jüdische Frauenwelt mit freudigem Stolze seit länger als einem halben Jahr-, hundert in Liebe, Verehrung und Bewunderung aufgeblickt hat, ist am 30. Januar in Leipzig, der Stätte ihres segensreichen Lebens und Wirkens, im 95. Lebensjahre von dieser Erde geschieden. Es war mir vergönnt, in diesem Blatte wiederholt der 'hochbedeutenden, verdienstvollen Frau ehrend und liebend zu gedenken, und wenngleich der Tod nach einem so langen, in edelster Weise zum Wohle und Segen der Menschheit reich ausgefüllten Leben seinen Stachel verliert, so wird die Tvauerbunde von dem Heimgänge dieser Frau in den weitesten Kreisen tief und schmerzlich empfunden werden. Frau Dr. Goldschmidts Name bleibt für alle Feiten eng verknüpft mit der Geschichte der deutschen Frauenbewegung wie mit der Verbreitung der Lehre des großen Kinder- und Menschenfreundes Friedrich Fröbel. Sie, die Kinderlose, hat das große Wort: „Kommt, laßt uns unseren Kindern leben", in idealster Weise durch ihre Schöpfungen verkörpert und sich durch diese ein dauerndes Denkmal in der Stadt, in der chr länger als sechs Jahrzehnte zu leben und zu lvirken beschieden war, errichtet. Fast vierzig Jahre durste ich mich des mich hochbeglückenden persönlichen Interesses, ja, der Freundschaft der ausgezeichneten Frau erfreuen, eine der schönsten Lebensblüten, die mir das Schicksal bot; noch aus dem Jahre 1918 liegen zierlich geschriebene, gütige Kärtchen vor mir. Es war stets ein Freudentag für mich, mein