Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1920)
- Date
- 1920-02-13
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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die Technische Hochschule Karlsruhe, unabhängig von der Stellungnahme der Studentenschaft, ganz aus persönlichen Gründen abgelehnt. O Ein Kriegserlebnis als Beitrag zur! Charakteristik der Juden veröffentlicht das Mitglied j der Nationalversammlung Nikolaus Osterroth in der! „Dresdener Volkszeitung". Osterroth schreibt: Nicht die Farbe der Haare und der Haut, nicht die Form der i Nase machen den Menschen, sondern seine Gesinnung. Ich lag ün j Weltkrieg an der polnischen Grenze, nahe bei dem furchtbar heim-! gesuchten Kalisch mit feiner großenteils jüdischen Bevölkerung, deren! jämmerliche Heime der Krieg zerstörte, deren kümmerlichen Erwerb! er vernichtete. Im Sommer 1915, als die Kirschen reiften, mietete! ein kinderreicher, alter, kranker Jude an der Straße nach Kalisch eine 1 Anzahl Kirschbäume, um durch Handel seinen Unterhalt zu verdienen. j Die Soldaten stibitzten ihn: eines Abends vor dem Gefangenenlager > die Kirschen, und auf seine Hilferufe mißhandelten sie ihn obendrein! in der scheußlichsten Weise. Ich nahm ihn in Schutz und wollte die Frevler auch zur Strafe melden. Der alte Jude vereitelte es. Eine Woche später brach die Ruhrepidemie aus, und ich wurde krank ins überfüllte Revier eingeliefert. Mit mir einer der Peiniger des alten Juden. Irgendwie erfuhr dies der alte Jude. Von da an bis zu unserer Genesung erschien er jeden Morgen am Fenster und brachte nicht allein mir, sondern auch seinem Peiniger Milch und Weißbrot, wobei er sich in der beharrlichsten Weise weigerte, eine Bezahlung anzunehmen. Wer sieht in solchen Zügen nicht das Charakterbild des Lessingschen Nathan? Im Frühjahr 1917, in der schlimmsten Kohlrübenzeit, wurde ich von meiner Organisation reklamiert, um meine gewerkschaftliche Tätigkeit auszuüben-, zu der auch die Nechtsschutzerteilung, die von den Aermsten der Armen, den Kriegskrüppeln, den Kriegswitwen und Kriegswaisen, in besonderem Maße in Anspruch genommen wurde, gehörte. Zur Linderung großer Not mußte ich oft den Bettelsack schwingen für meine Schutzbefohlenen. An jüdischen Türen habe ich nie vergeblich geklopft, im Gegensatz zu christlichen begüterten Gesellschaftskreisen. „Christliche" Barmherzigkeit habe ich in der Regel und vorbehaltlos nur bei Juden gefunden. Ein Kaufmann jüdischer Abstamung aus meiner Bekanntschaft hat in strengster Anonymität Wagenladungen billiger Friedensware teils unentgeltlich, teils zu Friedenspreisen meinen Armen gegeben., statt sie wie andere zu Wucherpreisen zu verkaufen: Größe, vor der ich den Hut ziehe, weil ich sie in diesem Ausmaß nur bei Juden fand. Und darum verwundert mich, den Sozialdemokraten mit streng-christlicher Jugenderziehung, den ringenden und kämpfenden Proletarier, die Judenhetze um so schmerzlicher, weil» ich sehe, daß sie wirkt, auch in den verhetzten und irregeleiteten Arbeitermassen. Ist es ein Zufall, daß bei den Plünderungen in rheinisch-westfälischen Großstädten die spartacistifchen Verbrecherhaufen auszogen mit der Parole: Gegen die Juden? So wirkt das schamlose Treiben der deutschnationalen Denmgogen bei ihren Klassenan.tipöden. Die Schuld fällt zurück auf die intellektuellen Urheber. Die Schmach aber flammt ihnen nicht, übers Antlitz, weil sie der Menschheit Bestes, das Schamgefühl, verloren haben. * Das Gesetz über die Erwerbung des Polnischen Bürgerrechts. Der polnische Reichstag hat nach Annahme des ruinösen Sonntagsrnhegesetzcs zum Zweiten vernichtenden Schlage gegen die polnische Judenheit a-usgehott. Im Gegensatz zu den klaren Bestimmung-endes Friedenstraktates sucht Polen durch Kniffe und Mätzchen die Anwendung der Bestimmung des Friedensvertrages für den Erwerb des polnischen Bürgerrechts für ganze Kategorien polnischer Einwohner zu verunmöglichen. Wenn die Bestimmungen. auch ganz allgemein gefaßt sind, so treffen sie doch fast ausschließlich Juden. Auf diese Weise hofft Polen — einfach durchgekünstelte Jnterpretataionen die sogenannte Frage der „Litwaken" zu lösen. Trotz der überzeugenden Reden der Abgeordneten Grürvbaum un>d Hirschhorn wurde das Gesetz in der namens der Kommission von Abg. Glabiuski, dein Führer der Nationaldemokraten, vorgeschlageuen Fassung angenommen-. In seiner Rede warf Abg. Grünbaum den: Mg. Glabiuski nicht nur Perfidie vor, sondern rnachte ihm auch den Vorwurf, daß er versuche, die seit dem Berliner Kongreß wohl-bekannten rumänischen Jnter- 76 - | pretationsmethöden in die polnische Verfassung einzusühren. Es wird! dann in Polen vollberechtigte Bürger und ständige Einwohner geben,, die nur Pflichten, aber keine Rechte haben. Selbstredend blieben die jüdischen Abgeordneten bei. der Abstimmung allein, und selbst die- Sozialisten wagten nicht, für die jüdischen Berbesserungsanträge zu stimmen, aus Furcht, als Judenschutz truppe bezeichnet zu werden. Ungeheure Erregung rief der Zwischenruf Grünbaums hervor, daß Paris diese Bestimmungen nie akzeptieren werde. „Kein Pole habe das Recht, auswärts um Hilfe nachgnsuchen", rief man ihm zu. Das Gesetz wurde am gleichen Tage endgültig auch in dritter Lesung angenommen. Außer den jüdischen Abgeordneten traten auch die jüdischen Zeitungen ohne Parteiunterschied ausnahmslos mit geharnischten Protesten gegen diese Vergewaltigung der elementarsten jüdischen Rechte auf. Anläßlich der sich in letzter Zeit wieder häufenden Ueberfälle auf jüdische Bahnreisende wandte sich der Klub der jüdischen Abgeordneten an die Regierung mit der Bitte, energische Maßnahmen zum Schutze der jüdischen Passagiere zu treffen. In seiner Antwort erklärte der Kriegsminister, daß sich das Ministerium an das polnische Militärkommando gewandt habe, damit dieses entsprechende Verordnungen erlasse, die die Wiederholung solcher Vorfälle, wie sie der Jüdische Klub mitgeteilt habe, in Zukunft unmöglich machen. Der Vizeminister für -das ehemalige Deutsch-Polen erklärte einer Delegation des Jüdischen Volksrates, daß die Prozentnorm auf der Posener Universität baldigst abgeschafft werden dürste. J. P. Z. * Die Juden in Lettland, ungefähr 10 000. verteidigen zusammen mit -den anderen Minoritäten ihr Recht auf nationale Vertretung in den Staatseinrichtungen. Sie haben einen bedeutenden Erfolg zu verzeichnen. Ihre kulturellen Institutionen (Primär- und Mittelschulen) sind von der Stadtver-. waltung von Riga subventioniert worden, während die Verwaltung der Schulen ausschließlich von -den jüdischen Parteien selbst kontrolliert wird. Die einzige Forderung, die die lettische Regierung aufstellt, lautet, daß. die lettische Sprache als Landessprache in den Schulen gelehrt werden soll. Bezüglich der Unterrichtssprache ist man zu dem Kompromiß gelangt, daß der Unterricht in den unteren Klassen der Primarschulen in Jiddisch, in den höheren dagegen in Hebräisch erteilt werden soll. In den Mittelschulen wird die Unterrichtssprache aus „technischen Gründen" meist Russisch sein. * Rumänien. Aus Bukarest wird der „I. P. Z." berichtet: Von Rumänien wird jetzt eine Preßkampagne nach einer neuen Methode betrieben, deren innerer Kern wieder die Judenfrage -bildet. Aehnlich wie nach dein Berliner Kongreß, werden jetzt nacheinander alle Register -aufgezogen, um die internationalen Verpflichtungen den Juden gegenüber nicht erfüllen zu müssen. Erst erklärte Rumänien trotzig, stark zu sein, niemand könne ihm diktieren, weshalb man ihm Konzessionen machen müsse, wenn man wünsche, daß es den Friedensvertrag unterschreibe. Jetzt erklärt es, schwach, von inneren Unruhen bedroht und von den Bolschewisten gefährdet zu sein, ohne daß die Regierung die Kraft habe, die unpopulären Minoritätenrechte durchzusühren. Die Nachricht, daß die Zensur und der Belagerungszustand aufgehoben sind, muß richtig verstanden werden. Die Aushebung erfolgte nur beschränkt für Alt-Rumänien, die Kriegsgerichte funktionieren aber auch dort weiter, so daß Zivilpersonen in allen ihren Politischen Aeußerungen den Kriegsgerichten unterstellt sind. In den neuen Gebieten herrscht die Gendarmeriewillkür. Prügelstrafe usw. und steigert die Erbitterung der ganzen Bevölkerung. Die Moldauer in Beßaräbien sind während der hundert Jahre russischer Herrschaft nicht so russifiziert, so zu Feinden Rumäniens geworden, wie in einem Jahre durch 'die Herrenlamien der rumänischen Beamten und durch die Uebertragung der gewalttätigen Methoden der Banernbehandtung Alt-Rumäniens auf Beßaräbien. Während in Rußland seit Stolhpin kräftig für das Erstarken der Bauern ge-