Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1920)
- Date
- 1920-02-13
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229450--75537-3288050- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
/.) lieferungsverlangen Allsdruck und betonte, daß sich sicherlich kein Deutscher, welchen Glaubens oder Stammes er auch sei, jemals bereit finden werde, deutsche Volksgenossen an fremde Mächte zur Aburteilung auszuliefern. * Dem im 62. Lebensjahre verstorbenen Mitglied der Preußischen Landesversammlung Karl Kanzow widmet der Verein zur Abwehr des Antisemitismus folgenden ehrenden Nachruf: Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus hat einen schweren Verlust erlitten. Am 29. Januar d. I. ist sein Schatzmeister, der Landgerichtsdirektor a. D. Geheimer Justizrat Karl Kanzow, Mitglied der Preußischen Landesversammlim-a, nach langem schweren Leiden verschieden. Mit ihm ist ein Mann dahingegangen, der als Staatsanwalt wie als Richter seines Amtes waltete, ohne Anseheil der Person, der Herkunft, der Religion oder der Abstammung, der damit aber nud) ein Verständnis Verbaild für das Goethesche Wort: „Ihr führt ins Leben u-ns hinein, Ihr laßt den Arnl-en schuldig werden." Wenn ihm so das Mitgefühl für den Schuldigen nicht abging, so gab es doch einen Punkt, wo sein Rechtsgefühl ihn unerbittlich machte, da, wo die Ehre, dieReligion, die Gleichberech-t'gnug anderer Mitmenschen in böswilliger Weise ans Rassenhaß oder Glaubenshaß angegriffen wurde. In dem Prozeß, der wegen der Konitzer Ritnalmördasfäre gegen Bruhn und Genossen Verhandelt wurde, hat er als Staatsanwalt mit Würde und Kraft seines Amtes gewaltet geaenüiler denjenigen, die das finsterste Mittelalter wiedier heranfbeschivören ivollten. Diese seine Tätigkeit lenkte zuerst die Blicke des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus auf den aufrechten. Mann, der unbeschadet aller Anfeindungen von einflußreichster Seite sich für Wahrheit und Recht -einsetzte. Man wählte ihn in den Ausschuß, wo er sich insbesondero nach seinem Ausscheiden ans dem Justizdienst und dem Eintritt ins politische Leben lebhaft betätigte. Von 1918 bis 1918 gehörte er bent Preußischen Abgeordnetenhaus, später der Preußischen Landesversammlung als Mitglied erst der Fortschrittlichen Volkspartei, später der Demokratischen Partei an. Auch im Parlament trat er als wirkungsvoller Redner und fleißiger Arbeiter hervor. In den Vorstand des Vereins gewählt, übernahm er das Amt eines Schatzmeisters: aber er begnügte sich nicht mit der sorgfältigen Wahrnehmung der Geschäfte eines solchen, sondern in den Generalversammlungen undin Pereinssammlungen an anderen Orten ergriff er häufig das Wort zu Vorträgen oder in der Diskussion, um als Mensch und als Christ wie -als Politiker das Unrecht abznwchren, d-as unseren jüdischen Mitbürgern durch die antisemitische Beioegnng angetan wird. So verlieren lvir in ihm rrcit unserer besten Rlitstreiter. Aber nicht nur als solchen betrauern lvir seinen Verlust, sondern auch den des kernigen, und doch so liebenswürdigen Menschen, der jedem, der mit ihm längere Zeit zusainlnenarbeitete, ein lieber Freund wurde. Sein Andenken wird« uns unvergessen bleiben. D e r B o r st a n d d e s V e r e i n s z n r A b lv e h r d e s Anti s e m i \ t § m n s. Go t h e i n , Vorsitzender. Die deutsche Judenheit wird dem Andenken Kart Kanzows ein treues und ehrendes Gedenken bewahren. * Der „Vorwärts" bringt solaendeu Auszug aus einem antisemitischen Hetzblatt, das vor einigen Wochen im Reiche verteilt worden ist: „Wenn die Schriften aus E. Vehrs Verlag, Leipzig, und die „Deutsche Vereinigung" für -eine sofortige restlose Jndena-ustreibung eintreten, so sollen Blntvergießen vermieden werden und der Freistaat erhalten -bleiben. Die Inden müßten diese Forderung auch von ihrem Standpunkt aus als die vorteilhafteste anse-hen, denn ihre restlose Ausmerzung durch Tötung steht ihnen andernfalls sicher -bevor., und zwar spätestens am l. März 1920 aus deutschen Arbeilerkreisen. -- Das freche unverantwortliche Treiben der Inden hat die Volkswnt herausgesordert; die Arbeiterschaft füW sich mit Recht betrogen und sieht auch ein, daß ehre jüdischen Führer sie aus dem Hcrenkessel nicht wieder heransfnhren können. In aller Stille hat sich ein „Verein der Aermsten der Armen" gebildet, der nur schl-echtb-ezahlte und arbeitslose Arbeiter imlb Arbeiterinnen als Mitglieder anfuimmt. Dieser Verein hat eine straffe Leitung und zählt bereits Hundert taufen de von Mitgliedern über ganz Deutschland' himveg. Diese haben sich verschworen, am 1. März 1920 spätestens alle Juden und Judenstämmlinge zu töten, falls diese nicht bis dahin freiwillig Deutschlandverlassen haben. Dem vertraulichen Rund- und Werbeschreiben sind folgende Sätze entnommen: „Mit einem letzten Appell, uns in unserem schweren Kampfe gegen das Judentum zuunterstützen, wenden wir uns an Tie. Der Tag der Abrechnung mit den Juden naht: die Vorarbeiten sind im vollen- Gange. Ein heißes Ringen -im offenen Kampfe wird es geben: viel Blut wird fließen, um das Judenpack auszurotten. Tollen nur etwa noch länger warten, bis unser liebes deutsches Vaterland, bis die letzten Deutschen dem Judenjoche unterworfen sind? Weit genug ist es bereits gekommen, eswird höchste Zeit, daß wir es abschütteln. Mit Papier pro testen kommen wir nicht weiter. Aus zur Tötung, auf zum offenen Kampfe g.-gen die Blutsauger, gegen die Raubtiere, gegen das Pack, das unser liebes deutsches Vaterland ins Unglück stürzte. Es gibt nur eine Auslösung des deutschen Voltes oder ein Totschlägen des Judenvolkes. Wir si-nd keine Phrasenhelden, sondern lvirschaffen durch Taten. Zeigen lvir, daß nur Deutsche sind und stark genug, unszu befreien. Das in Strömen geflossene Blut von Millionen Deutschen und die deutsche Vlutsgeineinschaft verpflichten jetzt alle Deutschen zum gemeinsamen Totschlag der Juden. Ilm dieses v o n I n d e n h e r n u s g e forderte ((!!) Red. d. V.i Blntbad zu vermeiden, -müssen -d>'e Juden ansgefordert iverden, Deutschland sofort bw nm testen s 80. Dezember 1919 zu verlassen." Wahrscheinlich um die öffentlichen Sicherheitsorgane über den wahren Sinn dieser Ausführungen hinwegzutäuschen, ist über diese in großen Lettern die Ueberschrift gesetzt: Die „Deutsche Vereinigung für Wahrheit, Volksanfklärung und VolksgesiMdheit" (E. B.), Leipzig (E. Behrs Verlag, Leipzig). Diese sowie alle in diesem Verlag erscheinenden Schriften sind Gegner blutiger Judenpogrome." - Wie diese „Gegnerschaft ausisieht, davon gibt wohl das angeführte Zitat ein genügendes Bild. Jedenfalls werden nach dieser Kostprobe die Führer -der antisemitischen Bewegung nichtmehr bestreiten können, daß es eine antisemitische Propaganda in Deutschland gibt, die offen zu Mord und Totschlag hetzt. Die Regierung wird guttun, auf die ganze Gesellschaft, ob sie nun ihre Blutpläne offen zugibt oder hinter Platten Phrasen maskiert, ein wachsames Auge zu haben. Denn kommt nachher etwas vor, so will natürlich niemand etwas davon können. Vergleiche das Erzberger-Attentat . . . * Rückzug dev antisemitischen Karlsruher Studenten. Die Studentenschaft der Technischen Hochschule Karlsruhe hatte gegen die Berufung des Direktors Tr. Mar Meyer (Berlin) aus den chemisch-technologischen Lehrstuhl der Hochschule Karlsruhe wegen dessen jüdischer Abstammung Stellung genommen. Diese Stellungnahme der Studentenschaft wurde von dem Ministerium des Kultus und Unterrichts als ein unberechtigter Eingriff in das Vorschtagsrecht der Fakultät und des Senats und in das Berufungsrecht des Ministeriums auf das schärfste verurteilt und in der Folge das chemische Institut als Maßregel gegen das Vorgehen der Studentenschaft geschlossen. Wie uns von zuständiger Teile mikgeteilt wird, ist in der Angelegenheit zwischen Rektor und Tenat und der Ttndentensehaft eine Einigung zustande gekommen. Tie Studentenschaft gab eine Erklärung ab, durch welche die beiderseitigen Mißverständnisse beseitigt worden sind. Die Erklärung besagt, daß die Studentenschaft keine Teilnahme am Berufimgsrecht will und daß sie den Schritt, der entgegen ihrer Absicht ein Eingriff in das Berusungsrecht war, bedauert. Rektor und Senat haben dagegen die verfügte Maßregel aufgehobeu. Inzwischen hak Direktor Dr. Mar Meyer den Ruf an