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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-02-13 · Heft 7 (13.2.1920) · p. Seite 74

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 7 (13.2.1920)
Date
1920-02-13
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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74 Jedenfalls wird der jüdische Nationalismus nicht so leicht das von Stricker geträumte Ziel erreichen: eine starke jüdische Volksorganisation, die es dahin bringen muß, daß ihre Vertreter von'den Völkern'und Regierungen als die einzigen und wahren Vertreter des jüdischen Volkes .anerkannt werden. Wer Augen hat zu sehen, wie die Dinge in Wirklichkeit liegen, wer sich nicht in kaum erfüllbaren Illusionen wiegt, der wird erkennen, daß dafür bis jetzt alle Voraussetzungen und Vorbedingungen fehlen, daß die dazu notwendige Einigkeit und Geschlossenheit unter den Juden nur schwer zu erreichen sein wird. Wo der Hebel anzusetzen ist, hat Stricker richtig erkannt. Er weiß: wer die Jugend hat, hat die Zukunft! Und so behandelt er sehr eingehend die Aufgabe, wie wir unsere Jugend jüdisch erhalten können. Die für Welt und Leben untaugliche Ehederschule muß beseitigt werden, an ihre Stelle mckß eine in .erzieherischer Hinsicht auf moderner Höhe stehende jüdische Schule kommen. Inwieweit sie, wie er verlangt, auf nationaler Grundlage stehen soll, darüber , soll hier nicht gestritten werden. Aber daß die Kinder dort im jüdischen Geiste und zu modernen Menschen erzogen werden sollen, darin wird die ganze Judenheit, soweit sie unbefangenen Blickes ein Bild ihrer Zukunft vor Augen hat, wohl einig sein. Gestalten aus fremder Geschichte wurden ihnen, wie Stricker hervorhebt, bisher als Träger und Muster aller Tugenden vorgeführt. Ausschließlich Römerhelden, Germanenführer und Kreuzritter waren die Männer, an deren Taten sie sich erbauen und denen sie nacheisern sollten. Nicht eine einzige jüdische Gestalt als Vorbild! Sollte in der Anbetung alles Fremden und in der Geringschätzung des eigenen Fleisches und Blutes der Charakter des Judenkindes erstarken? Einige unserer heutigen Rabbiner erklären, daß es ihnen jedesmal ein Unbehagen bereite, wenn zur Chanukazeit Juda Mrkkabi verherrlicht werde. Weshalb der jüdischen Jugend auf diese Weise ein Ideal weggerissen wird, ist nicht erfindlich. Besitzt das Judentum so viele kraftvolle, mutige, heldenhafte Gestalten, daß ihm ein Juda Makkabi genommen werden muß, auch wenn man das wahre Judentum nicht in der Entfaltung kriegerischer Eigenschaften, sondern in der geistigen und sittlichen Vertiefung, in der religiösen und kulturellen Heranbildung erblickt? Was will man an dessen Stelle setzen? Und so steht es auch mit dem jüdischen Nationalismus. Man mag ihn, wie viele unter den Juden selber, für eine utopische Träumerei halten, mag manchen seiner Forderungen schwere Bedenken entgegensetzen, mag seine Ziele unter den heutigen Verhältnissen für kaum realisierbar ansehen. Ein Verdienst hat er sich zweifellos erworben: er hat das jüdische Gefühl geweckt, das jüdische Selbstbewußtsein gehoben und gefestigt, dem jüdischen Sehnen und Streben tatkräftig neue Wege gewiesen, und das soll ihm unvergessen bleiben! Bit Mache. B e t (i ii, 9. Februar. nt 10. Januar ist der Frieden in Kraft getreten. Nach den Bestimmungen des Friedensvertrages sollte die Anslieferungsliste einen Monat nach Inkrafttreten des Friedens übergeben werden. Dies ist nun geschehen. Am Sonnabend ist die offizielle Note in Berlin eingetroffen. Die Liste der ausznliefernden Personen umfaßt ungefähr 900 Namen, darunter auch die Hindenburgs und Ludendorffs, des Kronprinzen, anderer preußischer Prinzen, B e t h - mann H o l l w e g s, Tirpitz', Capelles, sämtlicher Armeesührer, die auf dem westlichen Kriegsschauplatz auch nur vorübergehend tätig waren, zahlreicher U-Boot-Kommandanten und vieler Offiziere niederen Grades, auch aus dee Etappe und dem Hinterland, die als Ortskommandanten oder. > in anderer Stellung tätig waren. Die deutsche Regierung hat zwar den Versailler Frieden unterschrieben, den furchtbarsten Vertrag, der jemals einem Volke auferlegt wurde, da sie erkannt zu haben glaubte, daß nur so das Vaterland gerettet werben könnte. Allein schon damals empfand man es als die schwerste Bedingung des Friedensvertrages, daß Deutschland gezwungen sein sollte, einzelne Volksgenossen an Gerichte des feindlichen Auslandes auszuliefern. Man empfand es nur allzudeutlich: Nichts wollten uns die Feinde lassen, auch die Ehre nicht. Denn seit ein Staatenleben in der Welt besteht, war es der oberste Grundsatz jeder staatlichen Gesetzgebung, daß kein Bürger eines Staates vor andere als vor die eigenen Gerichte gestellt werden könnte. Seit Jahrhunderten ist dieser Grundsatz weder verletzt noch seine Verletzung verlangt worden. Welch ein Zwang mußte ausgeübt worden sein, daß buch dieser Satz des Vertrages in Versailles unterschrieben wurde! Nun bestehen unsere Feinde aus ihrem Schein und muten uns in ihrem Siegesräusche ein Maß von Selbstentehrung zu, das alles übersteigt, was man je dem Wahnwitz der Sieger zugetraut hätte. Unter dem Schein, ungesühnre Kriegsverbrechen aburteilen zu wollen, begehrt man fast sämtliche deutsche Heerführer, die doch lediglich ihre Pflicht genau so getan haben wie die jetzt umjubelten Feldherren der Sieger. Selbst Beamte und Politiker, die in keinem direkten Zusammenhang mit den Kriegshandlungen standen, sollen der Sensationsgier und dem Triumphgeheul der Gegner preisgegeben werden. Noch nie in der Geschichte ist einem Kulturvolk ein derartiger Schimpf angetan worden. Die führenden Männer der Entente,, deren tönende Phrasen von Gerechtigkeit und Menschlichkeit jahrelang die Welt umnebelten, enthüllen restlos ihren kalten, zynischen Vernichtnngswillen. Ihm muß in ruhiger Festigkeit der Lebenswille von 60 Millionen Deutschen entgegentreten. Gegenüber dem Auslieferungsbegehren gibt es für Regierung und Volk nur ein: Unerfüllbar! „Man kann einem Menschen mit vorgehaltenem Revolver wohl das Versprechen äbpressen, seine Kinder zu ermorden, doch ihn nie zwingen, es wirklich zu tun." Eine deutsche Regierung, die die Macht hätte, die von unseren Kriegsgegnern Verlangten zusammenzutreiben und sie ihnen an der Grenze zu übergeben, gibt es nicht. Das Auslieferungsbegehren ist für jede deutsche Regierung schlechterdings unerfüllbar. Wie die Dinge sich gestalten werden, kann heute niemand wissen. Die Auslandspresse ist bereits dabei, Vermittelungs- Vorschläge, wie Verzicht auf sofortige Auslieferung, Aburteilung durch den Völkerbund, anzukündigen. Doch kann uns dies ebensowenig wie die verbreiteten Gerüchte, daß England und Italien in der Auslieferungsfrage eine abweichende Haltung von der Frankreichs einnähmen, über den Ernst der Lage hinwegtäuschen; sie ist für uns hvchkritisch, fast katastrophal. In dieser verzweifelten Situation tut dem deutschen Volke, mit dem wir Juden als Staatsbürger auf Leben und Tod unauflöslich verbunden sind, eines not: unbedingte Einigkeit. Zu einer eindrucksvollen Kundgebung gegen das Auslieferungsbegehren gestaltete sich eine stark besuchte Versammlung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ortsgruppe Berlin Westen, in welcher Herr Rabbiner Dr. Lange (Essen) sprach. Der Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Alexander I, gab der Empörung, die alle Deutschen unterschiedlos ergriffen habe, über das Ans-

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