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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-02-13 · Heft 7 (13.2.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 7 (13.2.1920)
Date
1920-02-13
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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84. Jahrgang. Nr. 7 Berlin, 13. Februar 1920 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: durch den Buch» Handel oder die Post (in Berlin und vor» orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 Ttl. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosfe, Berlin. ®er jüdische Nationalismus. Von Sanitätsrat Tr. ©d) erbet (Lissa i. P.). — Die Woche. — Henriette Gvtds'chimsdt. Von Regina Reißer (Breslau). — Mehr ^keligionsgeschichte! Bon Felix Perl es. — Zur Mettivdit des jüdischen Geschichtsunterrichts. Don Bezirksrabbiner Tr. Beermann 'Heilbrvnn). - F e u i l -l e t an: Benjamins Liebeslied. Roman von S a m u e l Meise Es. — Literari s ch e M i t t e i l n n g e n. — B ü ch e r - e i n l a u «f. „Der Gemeindebote" (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Königsberg i. Pr., Posen, Breslau, Kolberg, Nordhausen. Elberfeld, Osnabrück, Wien. — B a n N a h u n d F e r n. Der jüdische Aationslismus). Bon Sanitätsrat Dr. Scherbel (Lissa i. P.). er österreichische Abgeordnete Robert S t r i ck e r führt in einer geistvollen, mit beißender Ironie und scharfein Witz geschriebenen Broschüre „Der jüdische Nationalismus" aus, daß der Krieg sich als üppiger Nährboden für den praktischen Antisemitismus erwiesen hat. Als „praktischen Antisemitismus" sieht er die Ueberzeugung vieler an, daß der Jude auf Grund der Feststellung: „Die Juden sind schuld!" anders behandelt werden muß, als es das bürgerliche und gesellschaftliche Recht vorschreibt. Die Hemmungen, die das Wort „Ausnahmegesetz" bisher geschaffen hatte, sind sehr klein geworden oder geschwunden. Das Risiko des praktischen Antisemiten ist gleich Null und das Ausnahmegesetz eine Regel geworden. Die herrschende Kontrollosigkeit und. die Abstumpfung des allgemeinen Rechtsempfindens haben ein goldenes Zeitalter des praktischen Antisemitismus geschaffen. Die Judenfeinde aller Arten wittern die beste Konjunktur und alles rüstet zur großen Abrechnung mit den Juden! Tie Abrechnung hat bereits begonnen. Die Völker glauben, nur über Judenleiber zur Freiheit gelangen zu können. Tausende Indenleichen kennzeichnen den Weg zur nationalen Selbständigkeit. Nicht überall wird gemordet und geplündert. Da und dort begnügt man sich mit unblutiger Verfolgung. Kurz, man rechnet ab, blutig und unblutig. Robert Stricker fragt, was zu tun sei, wie man dem in der Kriegs- und Revolutionszeit riesenhaft gewachsenen Antisemitismus wirksam begegnen könne. Er ist der Ansicht, daß alle Apologie, alle Statistik, alle sonstigen Abwehrmittel nichts nützen, daß es nur eine würdige und wirksame Abwehr gegen den Antisemitismus gebe, deren Wesen in die Formel zu fassen ist: die Juden sind ein Volk und wollen als Volk behandelt werden! Jeder Jude muß sich zum jüdischen Volke bekennen, und die gesamte Judenschaft muß sich als Volk organisieren. Der wegen seines Judentums angegriffene Jude fühlt sich vereinsamt. Er empfindet, daß ihm die jüdische Gemeinschaft keinen Schutz bietet und seine Zugehörigkeit zu ihr ihm nur Nachteile schafft. Er wird sein Judentum zu verstecken trachten, ^) „Der jüdische Nationalismus." Von Abgeordneten Robert Stricker. Verlag der „Wiener Morgen-Zeitung". er wird zu einem Verhalten gezwungen, das die eigene jüdische Gemeinsamkeit zersetzt. Tie Organisierung aller Juden als Volk würde die Situation mit «einem Schlage ändern. Die kleinen und großen Tyrannen-, welche dem wehrlosen, vereinsamten Juden gegenüber keine Rücksicht und Scham kennen, würden sich hüten, auf eigene Gefahr die Entrüstung eines ganzen Volkes heranfznbeschwören. Es würde ein Kampf sein von Volk gegen Volk, von Gesellschaft gegen Gesellschaft. Durch nnbeirrtes Streben und zielbewußte Arbeit hätte es die jüdisch-nationale Organisation dahin gebracht, den Lärm des Weltkrieges zu übertönen und die Judenfrage zu einer Weltfrage zu machen. Sie hätte es durchgesetzt, daß das jüdische Volk am Friedenskongreß selbständig vertreten sei. Der Gedanke hat etwas Bestechendes und der Eifer Strickers etwas Hinreißendes, aber jetztwo wir am Abschluß des großen Friedensmerkes stehen, wo wir sehen, daß jede „der alliierten und assoziierten Mächte" nur a n s i ch gedacht hat, nur bestrebt war, soviel wie möglich von der Beute f ü r s i ch einzuheimsen, fragen wir uns: Wie in aller Welt ist denn das jüdische Volk am Friedenskongreß selbständig vertreten gewesen? Hat es Palästina für sich erobert?. Hat es -- wir wollen von nationalen Rechten nicht sprechen - auch nur die Menschenrechte für sich gesichert? Hat es, um nur ein Beispiel anzuführen, eine Garantie dafür erwirkt, daß die Juden in Rumänien, das den Schutz der Minoritäten und die Achtung ihrer Rechte auf sich genommen hat, jetzt eine bessere Behandlung haben werden als bisher? „Htnriunt moiites, nascetur ridieulus mus": Wir fürchten, daß die Berge der Paragraphen in den Friedensakten für die Inden nichts Gescheites geboren haben. Diese sind bei der „Teilung der Erde" wieder einmal zu kurz gekommen, und die Engländer werden, beati possidentes (glücklich im Besitze), dem Juden mit freundlich einladendem Lächeln zurufen: „Willst du in meinem Palästina mit mir leben, Sooft du kommst, es soll vir offen sein!" welche Einladung die Araber und sonstigen angenehmen Nachbarvölker mit sehr verständnisvollen Vorbehalten begrüßen werden. Was ein zielbewußter Nationalismus, eine in sich fest g sch-lossene, unbeirrbar? Einigkeit, eine bis ins äußerste gehende, nur das eigenste Volksinteresse kennende Solidarität zu erreichen vermögen, das haben die Polen gezeigt. Freilich, sie sind ein christliches Volk, das verhätschelte Lieblingskind der Entente; ihr Ideal der Freiheit und der nationalen Wiederaufrichtung war beinahe das erstrebte Ziel der ganzen Welt geworden. Wer aber ist es, der sich -der Juden ernstlich und ehrlich annimmt? Wird Palästina aufhören, die Fata Morgana der Juden zu bleiben, sie selber der wandernde Ahasver, dem man endlich den Hafen der Ruhe, die rechtlich gesicherte Heimstätte aufrichtigen Herzens schaffen will?

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