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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-02-06 · Heft 6 (6.2.1920) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 6 (6.2.1920)
Date
1920-02-06
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Grund der Politischen Ereignisse in den letzten beiden Jahren der Revolution seien sie zu der Ueberzeugung gekommen, daßder Einfluß der Juden auf das Deutschtum ein äußerst gefährlicher sei. Auf Grund der Lektüre hätten sie die feste Ueberzeugung gewonnen, daß der Einfluß der Juden für das Deutschtum verderblich sei. Weiter hätten sie mit dem Anschreiben bezwecken wollen, daß die Leute bei den nächsten Wahlen ihre Stimme nicht mehr , den Juden geben. An irgendwelche blutige Gewaltakte hätten sie nicht gedacht, ebenso wenig an eine strafbare Handlung. Mit der Möglichkeit, daß sie sich eine Rektoratsstrafe zuziehen würden, hätten sie gerechnet. Tatsächlich hätten sie auch einen Rektoratsverweis mit einem Vermerk im Zeugnis erhalten. Von da ab hätten sie derartige Handlungen unterlassen. Ter Vertreter der Anklagebehörde, zweiter Staatsanwalt Buff, führte aus, daß sich das Verhalten der Beschuldigten als ein Unfug darstelle, der geeignet sei, bei einem Teil der jüdischen Bevölkerung Besorgnis hervorzurusen. Wenn die Bevölkerung immer derlei Anschläge, lese, so werde die Stimmung, die ohnehin gegen die Juden eine gereizte sei, eine immer erregtere. Dazu komme noch, daß wir in einer unruhigen Zeit leben, wo Gefahr für eine Hungersnot bestehe und Lebensmittelkrawalle zu befürchten seien. Daß sich dann die Bevölkerung einen Sündeubock suche und gegen einen Teil der jüdischen Bevölkerung vorgehe, die schon von alters her im Gerüche des Wuchers stehe, wenn dies jetzt auch gegenwärtig, wo alles wuchert, unbegründet sei, sei nur zu leicht anzunehmen. Die Hetzereien seien auch dann sehr gefährlich, wenn nicht immer auf den politischen Zweck hingewiesen werde. Wenn auch zugegeben werden mag, daß die Angeklagten kein volles Verständnis für die Gefährlichkeit ihres Beginnens hatten, so seien sie doch für ihr Tun voll und ganz verantwortlich zu machen. Er beantrage, die beiden Angeklagten wegen Vergehens gegen die öffentliche Ordnung nach 8 130 zu verurteilen. Unter allen Umstünden aber liege ein grober Unfug vor, falls das Gericht der Auffassung sein sollte, daß die Voraussetzungen des 8 130 nicht gegeben seien. Er unterlasse es deshalb, einen bestimmten Antrag zu stellen, sondern stelle das Strafausmaß in das Ermessen des Gerichts. — Das Urteil lautete nach nahezu einstündiger Beratung auf Freisprechung der beiden Angeklagten unter Ueberbürdung der Kosten auf die Staatskasse. In den Urteilsgründen wurde kurz ausgesührt, daß nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme das Gericht in der Handlungsweise der Angeklagten eine Anreizung zu Gewalttätigkeiten im Sinne des 8 130 nicht erblicken könne. Es liege aber auch kein Unfug vor, nachdem den Angeklagten nach Ueberzeugung des Gerichts das Bewußtsein der Rechts Widrigkeit gefehlt habe. Die Freisprechung erfolgte mit vier Stimmen. Am Schluffe der Verhandlung erteilte der Vorsitzende den beiden Angeklagten ernste Mahnungen. Mit dein freisprechenden Urteil solle nicht gesagt sein, daß das Verhalten der Angeklagten zulässig sei. Das Gericht gebe zu erkennen, daß das Verhalten ein grober Verstoß gegen den öffentlichen Anstand sei und die Beschuldigten mögen sich in Zukunft von derartigen Geschichten fernhalten. Die Freisprechung erfolgte lediglich aus rechtlichen Gründen. — Bayreuth, 30. Januar. T i e a n t i s e m i t i s ch e B e - w e g u n g beginnt auch hier eine große Ausdehnung zu nehmen, so daß sich der Stadtrat in seiner heutigen Sitzung veranlaßt sah, sich damit zu befassen. Erster Bürgermeister Hofrat Pren gab eine Erklärung ab, in welcher er von einer Bedrohung nicht nur der Beteiligten, sondern auch des öffentlichen Friedens sprach. Auch unsere israelitischen Mitbürger sind Volks- und Schicksalsgenossen, die vielfach ihre Treue zum Vaterland bewiesen und in allen mildtätigen Bestrebungen Hervorragendes geleistet haben. Die fortwährenden Hetzereien gegen die Juden bedeuten eine strafbare Gefährdung der öffentlichen Ruhe und können nicht mehr länger mitangesehen werden. Er warne vor Uebertreibungen und werde die Polizei anweisen, gegen jede Bedrohung und Aufreizung einzuschreiten. Die Vertreter der einzelnen Fraktionen gaben sämtlich ihre Zustimmung zu diesen Ausführungen. 22 Stuttgart, 30. Januar. Am Sabbat, den 24. d. M., fand in der Synagoge die Einführung des neuernannten Rabbiners, Professor Dr. Rosen zweig, in feierlicher Weise statt. Von den Kirchenvorstehern an seinen blumengeschmückten Platz geleitet, vom Synagogenchor mit dem Liede: „Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn" und von Herrn Oberkirchenrat Dr. Krön e r durch eine ernstfreundliche Ansprache begrüßt, hielt Dr. Nosenzweig seine Antriktspredigt über Exodus 10, 23: ,,Bei allen Kindern Israel war Licht in ihren Wohnsitzen", die auf die Hörer einen tiefen Eindruck machte und freudige Befriedigung auslöste. Herr Präsident Dr. v. Bälz, der Vorsitzende der Oberkirchenbehörde, und diese, sowohl der engere' als der weitere Rat, wohnten dem Gottesdienste bei. Möge die getroffene Wahl dem Gewählten und der Gemeinde zum Segen werden. Holland. Z. Amsterdam, im Januar. In Anwesenheit von 38 Delegierten, die Amerika, Belgien, England, Frankreich, Deutschland, Palästina, Polen, Schweiz und Südafrika vertraten, fand hier die M i s r *ci ch i - We l tkonfe r e n z statt. Nack) Eröffnung der Sitzung durch Hermann Struck (Berlin) erstattete Rabbiner F r s ch m a n n das Referat über Palästina. Die Posrtion der Juden sei stark, nickt nur infolge der Bälfirnr-Erklärung, sondern durch ihre Leistnngsfäbigkeit. Es aehe dies deutlich aus der Tai sacke hervor, daß die Araber Sckulen mit hebräischer Unterrichtssprache aearündet haben. Tie ökonomische Lage seiverhältnismäßige stabilisiert. und alles k\ erhältlich, wenn auch teuer. Starke Beeinträchtigungen der bevorstehenden Immigration dürfte die große Wohnungsnot verursachen. In kultureller Hinsicht seien leider üit den Kriegs'iahren keine Fortschritte ,nt verzeichnen. Die Türken oersuckten längere Zeit, jeden iübiicfjien Religionsunterricht unmöglich zu machen. Jedoch habe sich die Lage auch lnährend der englischen Okkupation nickt derart gebessert, wie es Redner aewünickt hätte. Die orthodoxen Lehranstalten sind mv Me der gange begriffen. In Jerusalem gibt es 6400 Kinder, welche Unterricht empfangen: 4000 von ihnen besuchen nichtreliaiöse Schulen. Nickt am wenigsten sei daran du Orthodoxie selber schuld. Tie Lage des Misrachi sei befriedigend, und er' übe großen Einfluß auf die palästinensische Orthodoxie aus. In Jerusalem zähle der Misracki mehr als 1000 organisierte Anhänger. Tie Ta ckche moni-Schule ist die größte Unlerrichtsanstalt in Palästina, die etwa 500 Schüler zählt. Im ganzen unterstehen dem Misrachi 13 Schulen. In erster Linie sei ein Lehrerseminar notwendig, das voraussichtlich mit Hilie Amerikas zustande kommen werde. Tie Aussick teu für den palästinensischen Misracki sind günstig, er bedarf jedoch der Unterstützung der Misrackisten der ganzen Welt. In geheimer Sitzung erstattete Rabbiner Schön selb (London) einen Bericht über die politische Laue. Nach ihm erhält Dr. H a n t k e als Vertreter des E. A. E. das Wert. Tie Zeit des farblosen, nach den verschiedenen Lebensauschauuaaeu sich nicht differenzierenden Zionismus sei vorüber. Jede Privatperson werde künftig vor die Wahl gestellt sein, einer bestimm teu innerpolitischen Richtung sich an zu schließen. Beider He ran skr i stall isierung der verschiedenen Strömungen werde sicherlich auch der Misrachi,> dessen Tendenzen an die besten Traditionen deS jüdischen Volkes appellieren-, seinen Einfluß nickt verfehlen. Sodann wurde von den einzelnen Berichterstattern die Lage des Misrachi in den verschiedenen! Ländern besprochen. Namens der Deutschen Landsmannschaft referierte Hermann Struck. Rabbi Meier Berlin berichtet, daß der amerikanische Misrachi dank der starken prinzipiellen Propaganda bereits jetzt aus 30 000 bis 35 000 Mitglieder Hinweisen könne. Er habe auch beim )tmerikanisch-jüdischen Kongreß eine -große Rolle gespielt und fei die einzige gesetzestreue Organisation von Bedeutung in Amerika. Es sei- -a-uch schließlich gelungen, den überaus bedeutenden Räbbinerverbiand in Amerika zum Anschluß an den Misrachi zu veranlassen. Ter Misrachi inaugurierte a-uch eine großzügige Kampagne für eine fünftägige Arbeitswoche zwecks Wahrung der Säbbatruhe. Ein Lehrerseminar, das auf national-religiöser Grundlage steht undin welchem der Unterricht in Hebräisch stattfindet, ist dem Misrachi unterstellt. Daun berichteten Rabbiner De V r ies über den holländischen, Rabbiner Dimson über den englischen, Moed über den belgischen und Osias Gr oß Vogel (Straßburg) über den französischen Misrachi. Tie Zentralleitung des Misrachi soll nach London verlegt werden. Dkutsch-Vesterrrich. 2/D Wien, im Januar. Die I ü d i s ch - P a l ä st i n e n s i s ch e Reise- und Transportgesellschaft, die bekanntlich im Juni v. I. gegründet wurde, hat bereits in den wenigen Monaten ihres Bestandes Ersprießliches geleistet. Für die vielen Hunderte palästinensischer Flüchtlinge und auch zahlreicher Emigranten, für

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