Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1920)
- Date
- 1920-02-06
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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84. Jahrgang. Nr. 6 Der Gemeindevote. Berlin, 6. Februar 1920 Beilage zur „Allgemeinen Leitung des Judentums". Korrespondenzen und Aachrichten. SkUtWgnd. E. M. Berlin, 3. Februar. In einer großen Versammlung des Ce n t r a l vere i n s deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wurde die Stellung der Arbeiterschaft zum Antisemitismus von drei berufenen Mitgliedern der Linksparteien erörtert. Oswald Riedel von der Demokratischen Fraktion der Preußischen Landesversammlung brandmarkte den Antisemitismus als Zeichen der Unkultur und als politische Gefahr, weil er den Wiederaufbau Deutschlands hemmt und die Verhetzung an die Stelle der positiven Arbeit setzt. Früher war der Antisemitismus in Deutschland auf den Mittelstand beschränkt; zwischen dem Arbeiterstand und dem Antisemitismus stand trennend die Reaktion. Der Arbeiter kennt die Reaktion besser als irgendein anderer Teil des Volkes. Jeder Pogroms ch u ß w ü r d e e i n S ch u ß g e ge n den Arbeiter s e i n. Der Arbeiter weiß genau, daß die Reaktion sein Todfeind ist; auch die deutschnationalen Arbeiter müssen erkennen, daß die Reaktion die Todfeindin aller Arbeiter ist. Aus diesen Gründen werden Arbeiter den Antisemitismus nicht nur ablehnen, sondern ihn .auch positiv in entschiedener Form bekämpfen, weil der Antisemitismus' nicht nur judenfeindkich, sondern letzten Endes auch .arbeiterfeindlich ist. Stadtrat Adolf Ritter, Mitglied des Partei Vorstandes der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, nannte die An t i fe m-i te n die Hyäne n d e s heutigen politische n Schlachtfeldes. Heute versuchen sie ihre Ideen in die Arbeiterschaft zu tragen. Die Arbeiter sind durch die preußische Volksschule schon bis zu einem gewissen Grade zum Antisemitismus erzogen worden. Die Gleichheit vor dem Gesetz muß jedem gewährleistet werden. Der Arbeiter steht Politisch zu hoch, um sich in das Schlepptau der Reaktion nehmen zu lassen. Er weiß genau, daß nur gewisse Teile im Volke sind, die den Antisemitismus fördern, um wieder an ihre reaktionäre Herrschaft zu gelangen. Die sozialistischen Parteien, in denen die Mehrheit des deutschen Volkes organisiert ist, werden es zu verhüten wissen, daß der Antisemitismus eine Gefahr für die Nation wird.. Ich bin vom P a r t e i v o r st a nd der Soziald e m o k r a t i s ch e n Partei Deuts ch l a n d s zu d e r E r - klürung autorisiert, daß wir immer, wo es auch sei, die Reaktion, die sich im Antisemitismus verkörpert, verfolgen werden. Abgeordneter Fritz Zubeil sprach für die Unabhängige sozialistische Partei. Der Versuch, die Arbeiterschaft .gegen die Juden zu verhetzen, ist von den Antisemiten schon wiederholt gemacht worden. Unter Ahlwardts Leitung setzte die Berliner Judenhetze ein. Die organisierte Arbeiterschaft hat damals in kürzester Zeit die antisemitischen Hetzer dorthin geschickt, wo sie hingehören. Als Sozialdemokraten, gleichgültig ob Mehrheitsfozialisten oder Unabhängige, haben wir' immer die Arbeiter auf diese große Gefahr aufmerksam gemacht. Diese Hetze gilt nicht nur den Juden, sondern auch unseren Arbeitern. Die eigentlichen Hetzer stehen im Hintergründe und geben nur in großein Maßstabe die Mittel. Denn ungeheure Mittel gehören dazu, diese Agitation zu führen. Im vorigen Jahre sollen weit über zwei Millionen Hetzblätter unter das Volk geworfen sein, und zwar nicht nur in die Wohnungen der Arbeiter, sondern vor allen Dingen in die Kasernen und auf die Arbeitsplätze. Die Flugblätter richten sich an die niedrigsten Instinkte der Menschen. In einem der neuesten Flugblätter wird gefordert, sich auf den 1. März vorzubereiten. Aus Arbeiterkreisen, und zwar aus Arbeitslosen und den Aermsten der Armen, soll sich ein Verein gebildet haben, der schon weit über 100 000 Mitglieder zählt. Uns ist hier nichts davon bekannt, im verborgenen kann ein solch großer Verein aber nicht existieren und arbeiten. Dieser Verein soll geschworen haben, wenn die Juden am 1. März Deutschland nicht verlassen haben, an diesem Tage ein Blutbad unter ihnen anzurichten. Man sieht, wie verrückt diese Menschen geworden sind. Das Irrenhaus wäre die beste Befreiung von dieser Pest und dieser Kultur schände Deutschlands. Die Gegenrevolution ist mit dieser Pogromhetze eng verbunden. Wir Sozialisten lehnen diese Kulturschande mit aller Entschiedenheit ab. Die jüdischen Bürger müssen energisch für ihr Recht eintreten. Der Nationalversammlung liegt eine Anfrage vor, ob es der Negierung bekannt ist und welche Schritte sie zu unternehmen gedenkt dagegen, daß ein Teil der Juden seinen Namen ändert. Diese jüdischen Mitbürger liefern ihren Feinden, den'Antisemiten und was zum Antisemitismus gehört, die Waffen. Es ist Aufgabe der jüdischen Bürger, derartiges in Zukunft nach Möglichkeit zu verhindern. Wir sind an Kamps gewöhnt, Nur sind unser Leben lang durch Kampf hindurchgegangen und werden im Kampfe alt. Wir stehen Ihnen als Sozialisten in diesem Kampf zur Seite. An Ihnen liegt es, die Bahn frei zu machen, zu zeigen, daß Sie bereit und geloillt sind, für Ihre Rasse und für Ihre Religion ebensolche Opfer zu bringen, wie Sie sie in hervorragendem Maße auch in den Jahren des Krieges gebracht haben. Eine lebhafte Debatte folgte diesen Reden. — Dr. Wiener machte interessante Mitteilungen vom antifem-ii scheu Kriegsschauplätze. Die dringende Mahnung an alle jüdischen Mitbürger, sich ohne Unterschied der Partei um den Centrälverein zu scharen, beschloß die interessante Veranstaltung, zu der das Zentrum übrigens die Entsendung eines Vertreters abgelehnt hatte, weil die Zentrumsfraktion, wie sie mitteilte, dem Antisemitismus in jeder Form absolut fremd gegenübersteht und deshalb glaubt, es nicht nötig zu haben, ihre Stellung noch besonders zu betonen. E. M. Berlin, 3. Februar. A u s ein zw e ily u n d c r t - j ä h r i g es Be st e h e u kann die Gesellschaft „H a> ch n a s s a t h > Kall ah" in diesem Jahre zurückblicken. Am 23. Mai 1720 begründet, gehört sie zu den ältesten Wohltätigkeitsanstallen in unserer Gemeinde. Die Ausstattung von Bräuten ist immer im Judentum als ein frommes, Gott besonders wohlgefälliges Werk betrachtet worden. Brarita ns statt ri ngsverein un d Beer digu ngsbrüderscha s t (Chewra Kadischa) sind stets die ersten Wohltätigkeitseinrichtungen gewesen, die von den Juden in ihren neu begründeten Gemeinden ins Leben gerufen wurden. Die Gesellschaft „Hachnassath Kallah" beabsichtigt, aus Anlaß der zweihundertjährigen Wiederkehr ihres Begründungstages einen Jubiläumsfon-ds zu begründen. Bei den schweren Opfern, die der unselige Krieg an jungen Menschenleben gekostet hat, und den leider zahlreichen Austritten aus unserer Religionsgemeinschaft ist die Wirksamkeit dieses Vereins, der für den Fortbestand des Judentums' eintritt von höchster sozialer Bedeutung. Unter dem lvirtschastlichen^ Drucke ist es für unbemittelte Mädchen sehr schwer, einen eigenen Herd zu gründen. Tie bisherigen Beihilfen -sind bei demgefunkenen Geldwert unzureichend geworden. Das Jubiläum des Vereins soll den Anlaß geben, die bisherigen Unierstützungssummen wesentlich zu erhöhen, so daß mit Hilfe der bestehenden Spezialstiftungen Beihilfen von 1000 Mark oder noch größere Beträge .gewährt werden können. Auch in diesem Jahre hat der Verein sehr segensreich gewirkt. Es wurden 26 000 Mark für Brautausstattungen bewilligt. Der ehrwürdigen Gesellschaft „Hachnassath Kallah" ist zu wünschen, daß sie mit reichen Mitteln in das dritte Jahrhundert ihres Bestehens eintritt. Berlin, 3. Februar. Vom Verbände der Ostjuden in Deutschland erhalten wir mit der Bitte um Veröffentlichung nachstehende Zuschrift: Die Lage unserer Brüder, die vor der Pogromgesahr und den Judenverfolgungen aus!den Ostgebieten hierher flüchten, ist in der gegenwärtigen rauhen Winterszeit besonders schlimm. Tie Beschaffung von Wäsche und Kleidungsstücken für die unglücklichen, notleidenden Flüchtlinge ist eine dringende Notwendigkeit. D'e bisher uns aus unseren Appell zur Verfügung gestellten Sachen sind sämtlich verteilt. Der Bedarf ist aber andauernd groß. Wir richten daher an unsere Glaubensgenossen die dringende Bitte, uns weitere Wäsche und Kleidnngssachen für die jüdischen Flüchtlinge zu überweisen. Es ist Pflicht eines jeden Juden, der grauenhaften Not der so Schwergeprüften zu steuern und zu Helsen, soweit es in seinen Kräften steht. Falls eine persönliche Zustellung nicht möglich ist, bitten wir uns zu benachrichtigen, damit die Sachen sodann abgeholt werden können. Wir danken herzlichst im Namen der Notleidenden allen Spendern und bitten namentlich auch die Vorsteher von jüdischen Vereinen und Körperschaften, im Kreise ihrxr Mitglieder für die Überweisung von Wäsche und Kleidern