Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1920)
- Date
- 1920-02-06
- Page
- Seite 72 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229449--75529-3288041- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dir Ssbbatker^e. Bon S. A s ch n e r. 3ch heiße Sabb-atlicht Und leuchte hell und klar. Hell leuchtet mein Gesicht, Wenn trüb' die Woche war. Des Lebens Angst und Pein Reicht nicht in meinen Glanz. Er lädt zur Freude ein. Und er beglückt euch ganz. Denn wenn lieb' Mütterlein Das Sabbatlicht entfacht. Zieht hell der König ein In seiner holden Pracht. Ihr alle kennet ihn, Den König und sein Reich. Kein hold'rer je erschien. Kein andrer ist ihm gleich. Sabbat, du König mild. Besteig' denn deinen Thron. Fried' ist dein Wappenschild Und Wonne deine Krön'. Dein Reich ist unser Herz, Ein frommer Sinn dein Dienst, Tein Recht die Sabbatkerz'. Heil uns, daß du erschienst. Literarilchr Mitteilungen. — R. Travers Herford: What the world owes to the Pharisees (Was die Menschheit den Pharisäern verdankt). London (G. Allen). 71 S. 16°. (1919.) 1 Schilling. Herfords großes Werk über den Pharisäismus hat in Deutschland Wertschätzung und in R. Perles eine Uebersetzerin bereits gesunden. Am 6. April 1919 hielt nun dieser Geistliche der Unitarier, der auch über das „Christentum im Talmud" und die „Pirke abot" geschrieben hat, vor der dewisti Historieal Society zu London unter Vorsitz des jüdischen Generalleutnants Monash einen Vortrag, der ohne gelehrtes Beiwerk die Ergebnisse jener Forscherarbeit volkstümlich, kurz und lebendig zusammensaßt zu einer Verherrlichung des Judentums. Er stimmt Lauterbach bei, daß nicht sowohl die Lehre von Unsterblichkeit und Vorherbestinnnung den Pharisäer vom Sadduzäer wesentlich schied, als vielmehr die Ueberzeugung, die bereits in Psalm 19 aufdämmere (?). Die Thora enthalte nicht etwa ein bloß totes Altertum, beschlossen im Wortsinne, den nur die Priesterschaft auszulegen befugt sei, sondern Gottes lebendig fortwirkende Offenbarung, die sich dauernd ergänzend ausgestalten müsst durch die Tradition frei: berufener Lehrer in Synagoge und Schule. Ausdrücklich braucht der Talnmd diesen Gedanken nicht zu formulieren, weil er kein System der Nekigionsphilosophie aufbaut. Daß aber das Judentum noch heute als lebendige Religion wirkt, diese Tatsache der Gegenwart hat, abgesehen von rassenhaften Ursachen, nur der Talmud ermöglicht, die Fortsetzung des Pharisäismus. Nur des letzteren Name verschwand, als seine Anschauung Gemeingut des Volkes wurde, während die Sadduzäerpartei, an Tempel, Ritual und Hierarchie örtlich gebmtden, mit diesen unterging. Nur die Religion umschließt stitdem die Juden zur Einheit, nur sie ermöglicht auch den Zionismus (wiederum sieht Verfasser bezeichnenderlveise von der Rasse ab). In Widerspruch zu Harnack tritt Verfasser, indem jener die Weltmission der Pharisäer mit Paulus für erfüllt hält. Vielmehr verdankt den: späteren Fortleben des Judentums der Christenglaube die Bewahrung zuerst vor dein Uebenvuchern heidnischer Elemente, dann vor der Gefahr, die eigene Lösung der religiösen Frage als die dem Menschen einzig mögliche zu erachten,' endlich lernte der evangelische Theolog, als er den Urtext der Bibel verstehen wollte. Hebräisch vom Juden. Das Mittelalter erhielt manchen Geistcsschatz der Antike durch Juden übermittelt. Schließlich verehrt die Weltkultur eine Reihe von Individuen jüdischen Blutes als Mehrer in Wirtschaft und Politik, in Dichtung und Kunst, in Philosophie, Einzelforschung und Technik, die. selbst wenn fie sich dem Rutterboden entsrem.deten, ohne diesen iirtetf* ktärbar bleiben würden: Spinoza wurde nur möglich, weil das Judenkmn noch, lebendige Macht besaß. Was die Pharisäer der Nachwelt überlieferten, war die Religion der Propheten und Psalmen als etwas Ganzes, und nicht etwa als eine vom Lebensinhalt entleerte Form, freilich gesehen von nur ihrem Standpunkt, den nicht alle Parteien, der Juden (der ersten Jahrhunderte n. Chr.) eingenommen hatten. Scheinheilige Heuchelei:, die das Neue Testament den Pharisäern nachsagt, bezeichnet sie durchaus nicht. Denn der Kern des Talmud, dessen Lebenssaft dem Pharisäismus entquoll, besteht im unerschütterlichen Vertrauen auf Gott, das den Juden trotz schlimmster Bedrängnis zum Optimisten macht, und im vorbehaltlosen Gehorsam gegen Gottes erklärten Willen, der trotz Beschränkung der Lebensrvillkür doch Kraft im Leide und Herzensfreude ob erfüllter Pflicht verleiht. Gewiß klingt für Juden viel hiervon nicht neu. Aber hier spricht es ein Reverend kühnlich aus, der auch der Dreifaltigkeit abzusagen und, noch vor dem Frieden, einen, deutschen Reim zu zitieren wagt, „obwohl Deutsch gerade jetzt i:n keinem guten Geruch steht". —.In einem Nachwort meint „Haüptmann" H. M. Adler, deutlicher als in dem nicht einheitlichen Talmud wehe der Geist der Pharisäer durchs Gebetbuch und zeige sich, besonders in der Sabbatfreude, keineswegs der Weltheiterkeit feind. F. Lieberman n. * — D a s d e u tsche I u d e n t it m , s eine Parteien u n d Organi s a tion e n. Eine Sammelschrift. Verlag der „Neuer» Jüdischen Monatshefte", Berlin-München, 1919. Das deutsche Judentum, seine Parteien und Organisationen zu beschreiben, war eine Notwendigkeit für unser stark entwickeltes Parterleben. Das in seinem äußeren Gewände ansprechende Buch leidet in seiner Zusammensetzung an der Ungleichheit und Zufällig keit des Gebotenen, wie es jedoch bei Sammelschriften öfters der Fall ist. Ter Aussatz über das gesttzestreue Judentum zeichnet sich z. B. durch Prägnanz und Kürze aus, während der über das liberale Judentum für den Laien zu kompliziert ist und geeignet, noch mehr Verwirrung anzurichten, als vorher schon über diese Partei geherrscht hat. Es ist aber bekanntlich nicht leicht, in Kürze schwierige Probleme darzustellen., besonders, wenn sie so verzwickt sind wie die unseren. Die Einordnung nach Parteien und Organisationen ist für die Angelegenheit unserer Gemeinschaft nicht günstig, da der Unterschied zwischen beidenbei uns nicht so straff durchgeführt ist wie bei denen des Deutschen Reiches etwa. Es kann zu Unklarheiten führen, wenn zwischen dem „Verband für Statistik der Juden" und dem „Hilssverein der Deutschen Juden" über den „Centralverein der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens" gesprochen wird. Ferner wäre erwünscht, daß der zur Verfügung stehende Raum gleichmäßiger ausgenutzt würde; es fehlt z. B. an einer genauen Darstellung der Tendenzen des „K.-C.", und über den „Blau-Weiß" wird nur in wenigen Zeilen gesprochen. — Das Buch als Ganzes ist sicher eine gute Idee, die, mit bestem Willen ausgeführt, einen anfänglichen Versuch darstellt, der natürlich, wie aste Anfänge, schwer ist und nicht in allen Punkten vollkommen sein kann. Wir wollen hoffen, daß die nächste Auflage dieses Bändchens sich bemühen wird, diese Schäden zu beheben. , E. T. * - Der Jüdische Verlag (Berlin) hat soeben einen Katalog eigener Verlagswerke erscheinen lassen, auf den wir auch unsere Leser aufmerksam machen. Der reichhaltige Katalog zeugt von einer erfolgreichen 17jährigen Verlagstätigkeit, die zugleich ein Stück jüdischer Literaturgeschichte bedeutet. Besonders möchten wir auf die umfangreiche Produktion des Jahres 1919 Hinweisen. Trotz der ungünstigsten Druckverhältnisse übertreffen die Neuerscheinungen dieses Jahres die der vergangenen Jahre um ein Mehrfaches. Erwähnt sei noch die Mitteilung, daß infolge von technischen Schwierigkeiten folgende Bücher erst Anfang 1920 zur Ausgabe gelangen werden: Dubnow, Neueste Geschichte der Juden. F. M. Kaufmann, Die schönsten Lieder der Ostjuden (Katalogtitel: Jüdisches Liederbuch). Kastein, Arbeiter. Lipschütz, Vom lebenden Hebräisch. N a d e l, Jüdische Volkslieder. Wir wünschen dem rührigen Verlag auch ferner das beste Gedeihen. A—tz.