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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-02-06 · Heft 6 (6.2.1920) · p. Seite 71

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 6 (6.2.1920)
Date
1920-02-06
Page
Seite 71 (sequence 11)
Language
German
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71 und sein Bruder David. David im Indischen Ozean Schissbruch. Tod des Bruders. Verlust des Vermögens. Maimuni krank; genesen, vollendeter Mischnakommentar in arabischer Sprache und legt den Irrlehren gegenüber die Hauptgrundsätze des Judentums in 13 Artikeln dar. (Fortsetzung folgi) Srnjamins Liebeslied 3-SS5 (31. Forts.) Roman von Samuel M eiset s. Dreizehntes Kapitel, ls Benjamin, aus seiner Bewußtlosigkeit erwacht, die Augenlider aufschlug, sah er in zwei leuchtende Augensterne. die voller Güte und Teilnahme über ihm leuchteten. Er glaubte zu träumen und schloß die Augen. Nach einer Weile öffnete er sie wieder, und wieder sah er über sich die zwei Sterne voller Liebe und Zärtlichkeit leuchten. Ein' Lächeln glitt, kaum merklich, um seine Lippen. Benjamin versuchte sich aufzurichten, doch kraftlos sank ihm der Kopf ins Kissen zurück. „Sara-Lea," lispelte -er. Die Krankenschwester beugte sich noch tiefer über ihn. so daß ihr Atem seine Wange streifte. „Sara-Lea." hauchte er abermals. ' Die Schwester strich sich ihr schwarzes Haar aus der Stirn. „Bleib' ruhig. Benjamin, es wird noch alles gut werden." sagte sie. ohne sich der Worte, die sie sprach;, klar bewußt zu werden. Benjamin sah sie mit einem verglasten Auge an, und Sara-Lea glaubte in seinem Blick ein mattes Flackern wie hinter dichten Schleiern! wahrzunehmen; es schien ihr. als spräche dieser Blick einen Vorwurf, einen Tadel aus . . . Das andere Auge aber, das er schlaff zusammenkniff. gab der einen Hälfte feines Gesichtes den Ausdruck eines Zürnenden. „'s wird gut werden," murmelte er. kaum hörbar, und streckte ihr eine fiebernde Hand entgegen. Sara-Lea ergriff seine Hand; sie war heiß, sie glühte zwischen ihren frosterstarrten Fingern, und Sara-Lea hatte dabei das Gefühl des Kaltüberlaufenwerdens. Bald jedoch zog er seine Hand zurück, schloß das verglaste Auge und verfiel in einen unruhigen Schlaf. Sie blieb vor seinem Bette stehen und beobachtete ihn. Sein Atem ging schnell, mit deutlich vernehmbarem, scharrendem Geräusch, sein Gesicht war aufgedunsen und gerötet. So lag er vor ihr. ein dem Tode Geweihter, und sie hielt diesem Anblick stand. „Ein Lungenschuß, ein Lungenschuß", wiederholte sie sich einmal um das andere, als wollte sie sich; die Größe der Gefahr, in der Benjamin schwebte, mit aller Deutlichkeit veranschaulichen. Sie hoffte nicht für ihn, denn sie war wissend geworden und wußte bereits um jene Zustände, bei denen die Natur jede Hilfe, bei denen der Aerzke Kunst völlig versagt; außerdem war sie wunschlos. Aber im letzten Winkel ihres Herzens wühlte ein heimlicher Schmerz. Und da, aus diesem letzten Winkel, kam es für Augenblicke spitz hervor, wie ein Nadelstich, wie ein ebenso rasch zugreifender wie vorübergehender Gewissensbiß. und da mußte sie sich verwundert fragen, wieso es möglich sei, daß sie bei solcherart Wiedersehen mit Benjamin ruhig bleiben könne. Ach ja. gab sie sich selber darauf Antwort, man wird schon etwas hart, wenn man Medizin studiert — und im Kriege Praktiziert, ergänzte sie nach einer Weile. Nach einiger Zeit erwachte Benjamin. Die Schwester mit dem blassen Gesicht und der weihen Haube, unter der das üppig schwarze Haar hervorlugte, war nicht da. Benjamin klopfte leise aus die Bettkante, und schon nach einigen Sekunden stand Schwester Sara-Lea vor ihm. Er verlangte etwas zu trinken, und sie reichte ihm ein Glas Milch. Er trank schlürfend und schluckweise und fühlte sich hernach etwas wohler. Er winkte Sara-Lea zu sich heran. Sie schob einen Stuhl neben das Bett und setzte sich. Er wandte ihr sein Gesicht zu. griff nach ihrer Hand und führte sie an seine Lippen. „Du bist gut, Sara-Lea," sagte er. Sie quittierte mit -gezwungenem Lächeln. Dann fragte er sie, wo er sich; befinde. Sie sagte ihm. daß er sich im Hause ihrer Eltern befinde. Die Russen hätten hier rat Hause ein Spital eingerichtet, in allen Zimmern lägen Verwundete, er aber liege allein in dem Zimmer, das ihm wohlbekannt sei. Darauf erkundigte er sich, was mit dem Zuge -der Verbannten geschehen sei. Sara-Lea wußte zu berichten, daß alle Juden der Stadt,- darunter Kinder, Kranke und Greise, ins Innere Rußlands verschleppt worden seien; nur ihr, der jüdischen Krankenschwester, und einigen österreichischen jüdischen Aerzten sei mit -Rücksicht darauf, daß die Spitäler in der Stadt mit Verwundetenüberfüllt sind, der Aufenthalt in der Stadt gestattet worden. Sie erzählte ihm. daß sie sich gleich bei Ausbruch des Krieges als Krankenschwester gemeldet -habe und daß sie nach dem Rückzug von Lemberg zusammen! mit 'einem Transport von Verwundeten nach ihrer Heimatstadt gekommen sei. Bald nach ihrer Ankunft sei die Stadt von den Russen besetzt worden, welches Ereignis Aerzte und Krankenschwestern vor ganz neue Aufgaben gestellt habe. Sie erzählte ihm auch -einige Kriegsabenteuer, die sie als Krankenschwester erlebt hatte, und Benjamin hörte ihr mit sichtlicher Teilnahme zu. Er hielt dabei seinen Blick unverwandt auf sie gerichtet und verfolgte jede ihrer Bewegungen. Sie war schön, Sara-Lea, wie sie so an seinem Krankenlager saß und Kriegsabenteuer erzählte. Benjamin stellte fest, daß sich Sara-Lea in all den Jahren wenig verändert hatte; nur die Augen schienen ihm etwas größer -geworden und hatten einen eigentümlichen Glanz bekommen, was ihrem GesichtSausdruck eine -gewisse Abgeklärtheit und -etwas Herrisch-Zurückhaltendes verlieh. „Du hast dich wenig verändert. Sara-Lea," sagte er, „du bist schön — schön wie damals . . ." „Wie damals?" fragte sie. „Wie an jenem Abend, an dem ich vom hölzernen Geländergang deinen Kopf im braunen Fensterrahmen erblickte." Sara-Lea wußte nicht, worauf Benjamin anspielte. Der Zustand Benjamins stagnierte, d. h. -man durfte nach einem alten ärztlichen Erfahrungssatz - eine Verschlimmerung des Zustandes darin erblicken, daß eine Besserung nicht eingetretew war. Er war, als er sich mit wildem Ungestüm in das brennende Häuschen des Rabbi Dowber stürzen wollte, von einer feindlichen Kugel schwer getroffen; die Kugel war ihm von rückwärts durch die Rippen gefahren, hatte die Lunge durchlöchert und war auf der -anderen Seite wieder herausgekommen. Als der bewußtlose, schwerverwunde-te Benjamin in das im Hause Schlütes eingerichtete Spital gebracht worden war, hatten die Aerzte ni-chit geglaubt, daß er noch einmal, selbst für kurze Zeitdauer, das Tageslicht schauen würde. Auch Sara- Lea, die die Pflege des Schwerverwundeten übernommen hatte, hatte schmerzerfüllt und dennoch mit Fassung jeden Augenblick die Katastrophe erwartet. (Fortsetzung folgt.)

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