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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-02-06 · Heft 6 (6.2.1920) · p. Seite 68

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 6 (6.2.1920)
Date
1920-02-06
Page
Seite 68 (sequence 8)
Language
German
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68 land ojt§; den Nermuslagen von Burckhardt waren eingehende Exkurse über hebräische Studien in Italien und den Anteil der Juden an der italienischen Kultur beigegeben. 1871 bot das 200jährige Bestehen der Gemeinde Berlin den Anlaß zu einer Festschrift, einer der ersten großangelegten Gemeindegeschichten. deren inhaltreicher Quellen- und Urkundenband bis heute ein wichtiges Nachschlagewerk ist. Diese ..Geschichte der Juden in Berlin" wurde bestimmend für einen beträchtlichen Teil von Geigers späteren Studien. Da er, dcr von Haus aus Historiker war. unter Geschichte niemals nur die äußeren Politischen Geschehnisse, ..sondern die Entwicklung des Geisteslebens verstand, so gestaltete sich der Plan dazu, auch das geistige Leben der Berliner Juden zu betrachten, so daß die Darstellung Mendelssohns und der Seinen, die Skizzierung der Periode, in der die Juden an der Fortbildung deutscher Literatur und Wissenschaft Anteil hatten, einen breiten Platz einnahmen". Damit eröffnete sich ein überaus fruchtbares Arbeitsgebiet; diese Studien gaben den Anlaß zu den Forschungen über das Berliner Geistesleben überhaupt, sie brachten reichsten Ertrag für die jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, für die genauere Kenntnis des Mendelssohnschcn Kreises, der Romantiker jüdischer Abkunft, für Moritz Veit, für jüdische Dichter und Gelehrte späterer Jahrzehnte. Dem kureur de l’iuedit, um Geigers Ausdruck zu gebrauchen, verdanken wir gar nicht hoch genug zu schätzende Erweiterungen unserer Kenntnisse; es braucht nur auf eine seiner letzten Arbeiten verwiesen zu werden, die dem Altmeister Zunz gewidmet ist und in der Hauptsache noch der Veröffentlichung harrt. Dieses Interesse an der geistigen Entwicklung der Juden ging Hand in Hand mit dem an der deutschen Literatur; die wechselseitige Beeinflussung wurde Gegenstand dauernder Beobachtung', bis sich schließlich die Einzelstudien zu den auch von dieser Stelle aus gehaltenen Vorlesungen über „Die deutsche Literatur und die Juden" verdichteten, in der eine tiefere Erkenntnis des jüdischen Wesens und Seelenlebens gesucht, die Auffassung von den Juden in Deutschland, ihre aktive Teilnahme am deutschen Geistesleben, ihre indirekte Beeinflussung der deutschen Kultur behandelt wurde. Durch zweierlei hat sich Ludwig Geiger die Wissenschaft des Judentums dabei zu Dank verpflichtet. Zunächst durch die Darreichung des Stoffes. Die Wissenschaft des Judentums, besonders ihre geschichtliche Forschung, hat mit außergewöhnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Zerstreuung der Juden über die ganze Welt hat sie seit zweitausend Jahren mit allen Völkern in Berührring, mit den verschiedensten Kulturen in ein Verhältnis des Nehmens und Gebens gebracht. Es ist für einen Vertreter der jüdischen Geschichte unmöglich, alle die zahlreichen Beziehungen, die unübersehbaren Quellen und literarischen Darstellungen zu kennen; er ist auf die Unterstützung der Fachgelehrten angewiesen, wird aber von ihnen zumeist im Stiche gelassen, weil die Juden für sie eine quantito negliAtzsbl« oder ein Gegenstand der Verachtung sind. Ludwig Geiger machte eine rühmliche Ausnahme. Seine „nicht rostende Jugendliebe" hielt seine Aufmerksamkeit stets auf die Juden gerichtet; in nimmermüder Geduld und wissenschaftlicher Gründlichkeit trug er von überall her, wo er las und arbeitete, kleine und große Bausteine zur Kulturgeschichte der Juden zusammen. die er zur weiteren Bearbeitung darböt. Dieser Weg zur Beschaffung des Quellenmaterials für die jüdische Geschichte mag umständlich scheinen, aber er ist vielleicht der einzige. aus dem eine exakte, allen wissenschaftlichen Anforderungen entsprechende Bearbeitung der jüdischen Kulturgeschichte zu erlangen ist. Denn nur wer aus dem vollen schöpft, vermag den richtigen Maßstab an die Beurteilung des Quellenmaterials zu legen. Wer immer nur seinen Blick auf das Ghetto gerichtet hält, wird leicht dazu neigen, alle Geschehnisse unter dem engen Gesichtswinkel des Ghettos zu werten. Ludwig Geiger hat wiederholt gegen ein derartiges Verfahren Widerspruch erhoben, er hat die wissenschaftlich richtigere Methode empfohlen, die Quellen aus ihrem Zusammenhang zu deuten, Menschen und Ereignisse nicht ausschließlich nach der Schablone Judenfeindschaft oder Judenfreundlichkeit, sondern nach ihrer wirklichen Bedeutung zu beurteilen, nicht daS Eigene zu überschätzen und das Fremde gering zu achten. Ein so einseitiges Verfahren stand in Widerspruch zu seinem Streben nach wissenschaftlicher Wahrhaftigkeit; Rücksichtnahme auf die eigenen Anschauungen und Neigungen. Unterdrückung dessen, was ihm unbequem war, kannte er nicht. Er war unübertrefflich in der Verehrung seines Vaters; das hinderte ihn aber nicht, freimütig an ihm Kritik zu üben, und hielt ihn nicht zurück, Aeußerungen des Vaters zu veröffentlichen. die den Gegnern billige Angriffspunkte boten. Die Wahrheit mag eine bisweilen unbequeme Gefährtin sein, aber die Wissenschaft darf sich nie ungestraft von ihr entfernen. Ludwig Geiger wollte ein Diener der Wahrheit sein, ihr allein sich unterordnen, sie -nicht um vorgefaßter Meinungen willen verdrängen. Darum eignete er sich so vortrefflich zum Herausgeber von Zeitschriften. Selten hat ein Gelehrter so viele und verschiedenartige Zeitschriften geleitet; er verstand es. sich zu objektivieren, fovderte von seinen Mitarbeitern nicht Vertretung einer bestimmten Richtung und schloß auch solche Ver° össentlichungen nicht aus, die seinen Anschauungen widersprachen. Dabei war er keineswegs ein Mann, der sich von der Welt abschloß und nur in die vier Wände seines Studierzimmers einsponn, der temperament- und leidenschaftslos durchs Leben ging. Er stand mitten im Leben, nichts Menschliches war ihm fremd. Er scheute auch den offenen Kampf für seine Anschauungen nicht und hat, zumal im jüdischen Leben, sich als ein mutiger Streiter bewährt. Er war der Erbe einer großen Tradition, war aber auch bemüht, sie zu erwerben, zu besitzen und fortzusetzen. Er stand zu ihr aus innerer Ueberzeugung und hielt an ihr ein langes Leben hindurch fest. Gerade weil seine liberale Richtung ihm Herzenssache war. verstand er es. wenn man seine Auffassung nicht teilte, achtete er die Ueberzeugung anderer, auch worin sie der seinigen entgegen war und er sie bekämpfen mußte. Ludwig Geigers öffentliche Wirksamkeit umfaßt eine in sich geschlossene Epoche, das kaiserliche Deutschland. 1870 ist er in der werdenden Reichshauptstadt zuerst hervorgetreten. 1919. wenige Monate nach der Revolution, von uns geschieden. Seine Jugend fiel in die Zeit der idealistischen Strömung, die die deutsche Einheitsbewegung adelte; er hat etwas von dem hohen Schwung und der deutschen Begeisterung jener Tage zeitlebens in sich getragen. Er blieb vom Humanitätsideal der Jugend erfüllt, er lebte der Ueberzeugung. daß der Gegensatz der Rassen und Glaubensbekenntnisse. der Berufe und Klassen durch Bildung und Aufklärung überbrückt werden könne, daß es des deutschen Geistes Beruf sei. die Annäherung unter den Völkern anzubahnen. In dem machtvollen Aufstieg des neuen Reiches, der herrlichen Entfaltung von Kunst und Wissenschaft fand er die Bestätigung seines freudigen Optimismus; widrige Erfahrungen der letzten Jahrzehnte legte er als vorübergehende Erscheinungen aus. Wie viele feiner Generation sah er die Schatten nicht, die hinter dem lichtumflossenen Bau heraufzogen, vernahm er die Sturmzeichen nicht, die allmählich sich ankündigten. Ahnungslos traf seinen' unerschütterlichen Glauben der vollständige Zusammenbruch. er drückte ihn seelisch nieder und lähmte seine Arbeitskraft. — Aber noch immer schien die Möglichkeit einer neuen Menschheit, einer raschen Wiedergeburt von Volk und

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