Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1920)
- Date
- 1920-02-06
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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67 befugter Autoritäten die letzten Bände keineswegs einen Fortschritt gegen früher. Durch interessante Mitteilungen aus unbekannten Handschriften, durch glückliche Funde, wie z.B. des Bertuch-Froriepschen Archivs mit seinen zahlreichen Briefen und Notizen über Weimar, führte Geiger sich glänzend in das neue Gebiet ein, er blieb allezeit ein unermüdlicher Sucher und ein glücklicher Finder. Was ihn aber vor'allem auszeichnete, das war seine tiefgründige Gelehrsamkeit im Gebiete der Goethe-Kunde. „Seine Kenntnisse auf diesem Gebiete", so schreibt mir ein Fachmann, „waren ganz ungewöhnliche, er beherrschte die literarischen Urkunden ebenso wie die darüber entstandene unermeßliche Literatur und schaltete damit wie mit einem eigenen Besitz." In unzähligen kleineren und größeren Publikationen hat er zur Erklärung Goethescher Schriften und Gedanken, zur Aufhellung von Beziehungen zu Goethe und den Seinen Beiträge geliefert. Er hat sich auch als Herausgeber Goethescher Schriften verdient gemacht und ebenso durch seine lichtvollen Einführungen wie durch sein Zusammenfassendes Goethe-Buch Verständnis für Deutschlands größten Dichter geweckt. Der Blick des Goethe-Forschers mußte sich aus Berlin richten. Hier fand der Dichterfürst den schärfsten Widerspruch im Kreise der Aufklärer, hier seine erste begeisterte Gemeinde im jungen Geschlecht der Romantiker. Die „Geschichte des geistigen Lebens der preußischen Hauptstadt" von 1688 bis 1840 fand in einem zweibändigen Werk eine aus gründlichsten Forschungen ruhende Darstellung, die dauernden Wert behauptet. Das Buch ist eine Enzyklopädie alles für die kulturelle Entwicklung Berlins Beachtenswerten. Wie im Schattenspiel ziehen die tausend Nachrichten über Personen und Dinge an dem Leser vorüber; dabei wird nur derjenige Teil des Stoffes berührt, der sich unmittelbar auf die Kultur Berlins bezieht. Den Einzelheiten war eine große Reihe von weiteren Publikationen gewidmet, besonders sind die Romantiker und die an sie anschließende literarische Bewegung häufig Gegenstand der Behandlung geworden; emsiges, planvolles Suchen und glückliches Finden in Bibliotheken und Archiven ermöglichte die Aufhellung einer Fülle unbekannter Tatsachen und Beziehungen. „Literatur", so bemerkte Goethe einmal, „ist das Fragment der Fragmente; das wenigste dessen, was geschah und gesprochen worden, ward geschrieben; vom Geschriebenen ist das wenigste übriggeblicken." Mit um so feurigerem Eifer war Ludwig Geiger bestrebt, das wenige, das sich erhalten, zu retten und der Nachwelt zugänglich zu machen, insbesondere Briefe bedeutender oder interessanter Männer und Frauen, die er getreu einem Ausspruch des Meisters für die lautersten Quellen der Erkenntnis der einzelnen Persönlichkeiten oder der Signatur der Zeit hielt. Es bereitete ihm eine echte Genugtuung, wenn er derartige, so leicht dem Verlust ausgesetzte Quellen neu entdecken, wenn er neue Sammlungen der Wissenschaft erschließen konnte. Es ist unmöglich, an dieser Stelle auch nur annähernd die fruchtbare Forschertätigkeit Geigers aus diesem Gebiete zu zeichnen. Es mag genügen, auf die historisch-kritische Ausgabe von Ludwig Börnes Werken hinzuweisen, die infolge des Krieges unvollendet bleiben mußte. Sie bringt von Börnes Briefen, die einen wesentlichen Teil seiner Gesammelten Schriften ausmachen, aber in den bisherigen Drucken stark entstellt sind, die unverkürzten Originale, bringt überdies eine Menge ungedruckten Materials sowie die Urschriften zahlreicher Aufsätze und ermöglicht so eine ganz neue Beurteilung der Schicksale, Pläne und Charaktereigenschaften des Schriftstellers. Ein großer Teil gerade der zusammenfassenden Werke Geigers ist aus Universitätsvorlesungen hervovgegangen. Das beweist, wie der Forscher den lebendigen Zusammenhang mit seinen Schülern, mit der Jugend gesucht hat. So haben auch junge Literarhistoriker und Schriftsteller in ihm einen sjets bereitwilligen Beschützer und Förderer gefunden. Aus dem Kreise jüngerer Fachgenossen gingen die Männer hervor, die mit ihm die Theatergeschichte als besonderen Zweig der Literaturgeschichte bearbeiteten und die Gesellschaft für Theatergeschichte begründeten, deren stets wiedergewählter, umsichtiger Vorsitzender er bis zu seinem Tode gewesen ist. Die „Beiträge zur Literatur und Theatergeschichte", welche von dieser Gesellschaft als Festgabe zu seinem 70. Geburtstage herausgegeben wurden,, bezeugen den Dank zahlreicher angesehener Forscher und Schriftsteller aus allen Lagern für die vielseitige Anregung und Belehrung, die sie Ludwig Geiger schulden. Woher kam ihm bei aller Begabung die Zeit und die Kraft für diese ausgebreitete Forscherarbeit und publizistische Tätigkeit? Selbst wenn man die unverdrossene Mitarbeit der Gattin in Betracht zieht, die ihm nicht nur die traute Gefährtin des Lebens,, sondern die treueste Genossin und selbstloseste Helferin gewesen, ist, steht man vor einen: Rätsel; die volle Hingabe an den Gegenstand gab ihn: Arbeitskraft und Arbeitsfreudigkeit. Während all dieser emsigen und vielseitigen Studien blieb Geigers Blick auf das Indent u in gerichtet. Seine umfassendsten Publikationen auf diesem Gebiete sind seinen: Vater gewidmet, nach dessen unerwartetem Tode der treue Sohn die „Nachgelassenen Schriften" herausgab. Unserer Wissenschaft wurde damit ein bedeutsamer Dienst geleistet: Abraham Geigers Vorlesungen zur Einleitung in die Wissenschaft des Judentums und zur Einleitung in die Heilige Schrift wurden dadurch der Nachwelt gerettet. Auch Abraham Geigers Briefe sind, dank der Mühewaltung seines Sohnes, soweit sic überhaupt erreichbar waren, veröffentlicht. Kaum bei einein zweiten der führenden Geister des neuzeitlichen Judentums besitzen wir einen solchen Einblick in die Persönlichkeit und das Innenleben, in, die wechselnden Stimmungen und Entwicklungsstadien. Zu seinem hundertsten Geburtstag erschien dann eine zusammenfassende Darstellung von „Abraham Geigers Leben und Lebenswerk", wiederum unter der Leitung seines Sohnes, der die ausführliche Biographie beigesteuert hat; auch ldies ein Werk, wie wir kein zweites seiner Art besitzen. So stark die kindliche Pietät in ihm ausgebildet war — und sie erstreckte sich, wie hier bemerkt sei, nicht nur auf den berühmten Vater, sondern nicht minder auf die früh Heimgegangene Mutter —, sie war es nicht allein, von der die Eingebung zu diesen Werken ausging; ihr Ursprung ist auch nicht in dem Parteistandpunkt zu suchen, für den es von Bedeutung war, das erste Aufkeimen und Wachsen des Reformgedcmkens im Judentum zu verfolgen. Ludwig Geiger hatte mehr als diese subjektiven Momente die objektive Darstellung einer bedeutsamen, Epoche des Judentums und einer auch vom Standpunkt der Gesamtkültur wichtigen Bewegung im Auge. Die Entschränkung des Judentums in: neunzehnten Jahrhundert, seine Anteilnahme an der allgemeinen geistigen Bewegung und religiösen Strömung waren Probleme, die den Kulturhistoriker reizten und immer wieder auf den Plan riesen. „Das „völkergeschichtliche Problem", das im vo-ut-äes-Verhältnis der Juden zur Kultur ihrer Umgebung lag, hat Ludwig Geiger sein ganzes Leben hindurch beschäftigt; „die Seitenpforte, die von den lachenden Gefilden der allgemeinen Literatur in das traurige Ghetto führte", wie er sich einmal ausdrückt, blick ständig geöffnet, er zog sich immer Widder, und nicht ungern, dorthin zurück. Die lateinische Abiturientenarbeit „Urteile griechischer und römischer Schriftsteller über Juden und Judentum" erschien 1873 als Berliner Habilitationsschrift; die Renaissancestudien gingen von einer geschichtlichen Bearbeitung des Studiums der hebräischen Sprache in Deutsch-