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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-02-06 · Heft 6 (6.2.1920) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 6 (6.2.1920)
Date
1920-02-06
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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«eitierÄ, in dem er seine Wünsche für die Höhenlage der Anstalt ausdrückte. Wohl haben wir unter dem unmittelbaren Eindruck des schmerzlichen Verlustes dem Menschen Ludwig Geiger ein kurzes Dankeswort nachgerufen; an dieser Stätte, an der wir so oft seine von edler Beredsamkeit getragenen gelehrten Vorträge vernommen haben, wollen wir. soweit die flüchtige Stunde es gestattet, sein Wesen und Wirken in einem Gesamtbild zusammenfassen. Die widrigen Verhältnisse unserer Tage haben es verhindert, daß die Berufensten, die Ludwig Geigers Persönlichkeit und literarischer Produktion am nächsten standen. heute zu uns sprechen. Es mag vermessen erscheinen, daß einer, der dem Kernstück in Geigers Lebensarbeit fern steht, zu seiner Würdigung das Wort nimmt, aber wir stehen hier einer solchen Melseitigkeit der wissenschaftlichen Leistung gegenüber, daß für das eine oder andere Gebiet ein jeder seine Inkompetenz erklären müßte. Die Wissenschaft des Judentums, zumal die Erforschung der jüdischen Geistesgeschichtc. darf als ebenbürtige Schwester unter den von dem Verewigten gepflegten Wissenschaften ihren Platz beanspruchen. Ludwig Geiger hatte zur Wissenschaft des Judentums nicht etwa nur das Verhältnis ererbter Anhänglichkeit, wohlwollender Gönnerschaft, sich nicht als Altenteil auf sie zurückgezogen, er hat vielmehr in seiner gesamten langen und gesegneten Gelehrtenlaufbahn tiefstes Verständnis für ihre kulturelle Bedeutung bewiesen, ihr unentwegt seine Aufmerksamkeit gewidmet, seinen starken Forscherdrang in ihr betätigt und sie durch wertvolle Leistungen gefördert. Wie viele unserer zu Bedeutung gelangten Gelehrten war Ludwig Geiger in jungen Jahren zum Theologen bestimmt; es gehörte zu den schönsten Hoffnungen seines Vaters, den Sohn fortführen zu sehen, was er begonnen, für seine Pläne, seine Bestrebungen in dem Sohne „einen liebe- und einsichtsvollen Vollender zu finden". „Bei einem jeden Buche, das ich mir anschaffe, denke ich. das wird auch meinem Ludwig zugute kommen: bei einer jeden schriftlichen Bemerkung, die ich nebenschreibe, schwebt mir der Gedanke vor. sie wird meinem Ludwig auch wohl nützen können. Mein ungeschwächtes Vertrauen auf die Zukunft, die ich nicht erleben werde, fühlt sich gestärkt bei dem Gedanken, mein Ludwig wird an ihr sich erquicken," Der Traum hat sich, soweit er die Berufswahl betrifft, nicht verwirklicht, wohl aber hat Abraham Geiger die geistige Entioicklung seines Sohnes mit bewundernswerter Sicherheit vorausgesehen. In dem tief empfundenen Briefe, mit dem er die Mitteilung des jungen Heidelberger Studenten vom Wechsel seines Studienziels beantwortete, der zu dem Herrlichsten und Persönlichsten gehört, was wir von Abraham Geiger besitzen, heißt es: „Deine Studien unirden, wenn ich Deine Geistesrichtung nicht ganz und gar verkenne, doch keine anderen sein als: Philosophie, alte Sprachen, zumal als die lebendigste Aeußerung ihres geistigen Lebens, Geschichte ihrer Literaturen, Geschichte überhaupt als die Entwicklung des Menschengeistes und zumal die geistige Bewegung, welche Juden und Judentum in die Menschheit gebracht." In hellseherischer Klarheit hat der Vater an den Neigungen, des siebzehnjährigen Jünglings ein Programm für das Lebenswerk des Mannes entivickelt. Bei allen scheinbaren Abirrungen ist das die Lebensaufgabe des Sohnes geblieben: die Erforschung der Geschichte im Sinne von G e i st e s g e s ch i ch t e und die Erforschung des I u d e n t u ur s in seinem Z ll s a m m e n h a n g mit der geistigen Bewegung der Völker. Wie in seinem ganzen Leben, so ist er sich auch hierin treu geblieben. „Mein Uebergang von dem Studium det Theologie zu dem der Geschichte", so schreibt Ludwig Geiger in der Einleitung zu seinem Werke „Die deutsche Literatur und die Juden", „entfremdete mich nicht innerlich der Beschäftigung mit jüdi¬ 66 - scheu Dingen. Vielmehr erfolgte das Eindringen in das große Gebiet der Renaissance (deutschen und italienischen Humanismus) über die Brücke, die Reuchlin und sein Studium der hebräischen Sprache zu der Renaissance schlug." Das Erstlingswerk über Johann Reuchlin war eine Glanzleistung des jungen Gelehrten. Es war die erste zusammenfassende Darstellung, die ein abgerundetes Lebensbild des größten deutschen Humanisten bietet, in die Vielheit der Streitschriften, Briefe und Gedichte Licht und Ordnung bringt, die gesamte geistige Bewegung und religiöse Gärung jener Tage aus wenig zugänglichen Quellen erforscht. Dies Werk, das noch heute allgemein als abschließendes anerkannt wird, verschaffte dem 22jährigen Gelehrten ein solches Ansehen, daß ihm die Herausgabe von Reuchlins Briefwechsel anvertraut wurde. Durch diese und andere tief eindringende Publikationen erwies ec sich als berufener Ges ch i cE)tei chreiber jener bedeutenden Epoche. In Onckens Monumentalwerk „Allgemeine Geschichte in Einzeldarstellungen" gab er die erste zusammenfassende Behandlung von „Renaissance und Humanismus in Italien und Deutschland", die zu zahlreichen weiteren Forschungen angeregt hat, in Einzelheiten überholt, als Ganzes bis auf den heutigen Tag mustergültig ist. Vor allem aber ward Geiger die hohe, vielbeneidete Ehre zuteil, daß Jakob Burckhardt ihm die Bearbeitung der neuen Auflage seines klassischen Werkes über „Die Kultur der Renaissance in Italien" übertrug. Es ist sein Verdienst, dieses Werk, das zu den vortrefflichsten Bildungsmitteln des deutschen Volkes zählt, auf der wissenschaftlichen Höhe erhalten, ihm trotz seiner 60 Jahre die Frische bewahrt zu haben; jede neue Auflage enthält eine Reihe gewissenhafter Exkurse und Zusätze, er hat zur Entwicklung und Ausbildung seines Adoptivkindes außerordentlich viel von seinem Eigenen und Besten beigetragen. Humanismrts war ein Stück seiner eigenen Natur. Nicht nur, daß Verstand und Gemüt ihn über alle Enge hinaus auf das rein Menschliche wiesen, daß seinen freien Geist jene Kulturbewegung fesselte, die der menschlichen Bildung die Emanzipation von der Bevormundung der Kirche brachte, die weltliche Erziehung, das Sprachenstudium förderte, lebte in ihm auch jener Fvrscherdrang der Humanisten, der ihn zum Aufsuchen immer neuer Wissensquellen trieb. „Die Erreichung des Ideals der Humanität ist einer der schönsten Ruhmestitel unserer Klassiker", diese Ueberzeugung führte Geiger vom Humanismus zur neuen deutschen Literatur. von den Anfängen des neuzeitlichen deutschen Geisteslebens zu dem Zeitalter, da die deutsche Poesie vom Auftreten Friedrichs des Großen malere lui ihren gewaltigen Aufschwnng hcrleitete. Goethe und Weimar sind die beiden erhabenen Namen, die seine geistige Heimat bezeichnen, deren Genius ihn immer tiefer durchdrang. Als Ludwig Geiger sich ihr zuwandte, befand sich die Goethe-Forschung noch in den Anfängen, war Goethes literarischer Nachlaß noch nicht zugänglich,' das Goethelind Schiller-Archiv noch nicht gegründet. Damals war die Herausgabe des Goethe-Jahrbuchs eine Tat, die hervorragendsten Namen der Goethe-Kenner und -Forscher vereinigten sich um den Gelehrten, der einen Mittelpunkt für Abhandlungen und Mitteilungen von und über Goethe, der eine erschöpfende Goethe-Bibliographie schuf. Die 34 Bände des Goethe-Jahrbuchs, die er herausgab, verbinden Ludwig Geigers Namen für immer mit der Goethe-Forschung. „Als Ganzes ist es ein für alle Zeit achtunggebietendes Denkmal deutschen Gelchrtenfleißes lind dienstwilliger Hingabe an Deutschlands Olhmpier und den Weimarer Kreis, im einzelnen eine unerschöpfliche Fundgrube des Wissenwerten von und über Goethe." Und wenn in den letzten Jahren die Redaktion in jüngere Hände überging, so mag wohl die äußere Ausstattung, der Buchschmuck den Ansprüchen unserer Aestheten nrehr entsprechen. im Inhalt aber bedeuten nach dem Urteil spruch-

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