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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-02-06 · Heft 6 (6.2.1920) · p. Seite 63

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 6 (6.2.1920)
Date
1920-02-06
Page
Seite 63 (sequence 3)
Language
German
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durch Begünstigung der Feinde Landesverrat verübt zu haben. Sie leisteten Kundschasterdienste für den Feind, entzogen unserem Lande Geld und Waren, vor allem aber benutzten sie die in ihren Händen befindlichen Zeitungen dazu, unser Volk zu verwirren und 31t entmutigen, seinen Siegeswillen zu brechen." Herr Theodor Fritsch wird nicht umhinkönnen, die schweren Vorwürfe, die er gegen eine Anzahl von Kriegsgesellschasten sowie von Juden in hervorragenden Stellungen erhebt, näher zu begründen. Es wird ihm wohl seitens der zuständigen amtlichen Stellen Gelegenheit geboten werden, ihnen sein angebliches schwer belastendes Beweismaterial vorzulegen. * Die Drückeberger. Ueber die Drückeberger «in der Etappe kann man jetzt in der Presse allerhand Ausführungen lesen. Geht man nach den alldeutschen Blattern, so wären es lauter Juden gewesen, die hier ein gutes Leben führten. Vom aktiven Offizierskorps dagegen wivd behauptet, daß es zu 96 Prozent auf den Schlachtfeldern liegengeblieben sei. Ein etwas eigentümliches Licht auf diese Darstellung, schreibt der „Vorwärts" vom 27. Januar, wirst nun der folgende Erlaß, der uns zufällig in die Hände fällt: Nr. 270 568 P. München, den 25. Oktober 1918. Kriegsminister i um. Betreff. Kriegsverloendung. In der Etappe, im besetzten Gebiet und in der Heimat ist eine seh.r große Anzahl von nur garuisoniverlvend-uugsfäyigen aktiven HaupWeuten, Oberleutnants und Leutnants verwendet, die nur sehr kurze Zeit während des Krieges an der Front verwendet waren, oder die sich schon lange in ihrer gegenwärtigen Berwlendung^ befinden. Ich bitte, den betreffenden Offizieren eröffnen zu lassen, daß für ihre Betastung im aktiven Dienst bei dler Demobilmachung die Gründe, aus -denen sie 'längere Zeit dein Frontdienst entzogen waren, genau uachzuprüfeu sein werden. gez. v. Hollingrath. Verteilt an alle Kommandeure und Vorstände zur Bekanntgabe an bayrische aktive Offiziere. V. S. ds. E. I. der Ehef des Generatstabs Schröder. Et.-Iusp. 6. D. Feldp. 402. Ilav Nr. 216/persönlich. Dem bayerischen Kriegsminister fiel also die. große. Zahl der in der Etappe verwendeten aktiven Offiziere aus. Unter den aktiven Offizieren war aber sicher nicht ein Jude. Diese Beobachtung wird übrigens keinen Frontkämpfer-verwundern, der weiß, daß etwa von 1915 an aktive Offiziere fast gar nicht mehr in der Front zu sehen waren, sondern in den gefährlichen Stellungen fast nur noch Reserveoffiziere kommandierten. Die Alldeutschen behaupten ja immer, das deutsche Heer sei „von hinten erdolcht" worden. Schon möglich, die vom bayerischen Kriegsministerium so zahlreich in der Etappe bemerkten aktiven Offiziere, die dort meist ein Herrenleben führten und die Mannschaften kujonHerten, standen ja im Rücken des Heeres. * In einer in Bonn erscheinenden jüdischen Zeitschrift ist das Gerücht verzeichnet, Herr Gehe.imrat Dr. Eugen Fuchs habe sein Amt als Vorsitzender des C-entralvereiws niedergelegt, weil er sich mit der „extremen Richtung", die der Verein in der letzten Zeit eingeschlagen habe, nicht mehr decken könne. Diese Nachricht ist durchaus unrichtig. Leider ist der Gesundheitszustand des Herrn Geheimrat Fuchs seit längerer Zeit so, daß es ihm unmöglich gewesen ist, seine Ehrenämter zu behalten. Er hat deshalb nicht nur den Vorsitz im Centralverein, sondern auch das von ihm seit Jahrzehnten bekleidete Amt eines Mitgliedes der Prüfungskommission für die große Staatsprüfung niederlegen müssen. Irgendwelche Aenderungen in der Politik des Vereins sind nicht eingetreten. Herr Geheimrat Fuchs war und ist mit der Auffassung und dem Ziel «sowie der Arbeitsmethode des Centralvereins in allen Punkten restlos und vollständig einverstanden. Es hat zwischen ihm und dem Verein, insbesondere auch den Landesverbänden und Ortsgruppen nicht die geringste Meinungsverschiedenheit obgewaltet. Herr Geheimrat Fuchs arbeitet, soweit es in seinen Kräften steht, wenn auch nicht mehr in dem alten Umfange, so doch täglich an den Aufgaben des Centralvereins mit. * Unter der Ueberschrift: „Wie eine Stadt Posens polnisch wurde" erhalten wir von einem Augenzeugen' folgende Schilderung: Der 16. Januar 1920 zeigte ein Wetter,' zum Abschiednehinen wie geschaffen, trübe, Rogen, Sturm, und sogriff 'auch die Abfchi-edsfeier der deutschen Behörden unserer Stadt tief indie Saite.« aller deutschen Herzen hinein. Tie stärksten Männer sah man weinen bei diesem Abschiede vom Vaterlande und als die Lieder „Ich Hab' mich ergeben" und- „Deutschland', Deutschland über alles" erklangen. Und ebenso wehmu-!sv>oll undrührendwar. es, als' die deutsche Garnison am Morgen des 17. Januar 1920, beigleich schaurigem Wetter, ihre letzte Parade abhielt unddannabzog. So manchem ging wohl ein Stück Herz mit ihnen mit, und alle! Deutschen hat wohl der Gedanke, daß sich nun die Tore nach Deutschj land hin schlossen, tief bewegt. - Das war um 9 Uhr vormittags.! Nun trat eine Zeit banger Erwartung ein, und mau harrte , gespannt der Tinge, die jetzt kommen würden. Jedermann war 1 von -dem Gedanken und dem Wunsche erfüllt, daß alles in Ruhe verlausen möge. -! Da durchdrang plötzlich -- es schlug, gerade 10 Uhr --- die Stille des Marktes ein großes Geschrei. Aus einer -der Nebenstraßen ritten drei pol'Niische Uila-nen mit fliegendeui w.ei hurten Fähnchen anden. Lanzen, in rasender Jagd auf den Markt. Sie umkreisten das Rathaus, machten vor der Rathaustreppe halt, und 1 schon waren sie von einer jubelnden polnischen Menge umringt, die ihnen, znri.es, die Hände drückte, weih rote Fähnchen schwenkte und ihren Freudena-usbrüchHu nicht genugl-un konnte. Im Nil! schmückten sich viele Häuser mit weißvoten Fahnen, sie wurden mit Girlanden, verziert, in denen d-er Polnische weiße Adler in I 'rotem Felde prangte, unb man konnte erkennen, wie sorgsam sich j die Polnischen Bürger ans. diesen historischen, für sie so -glücklichen Augenblick vorbereitet hatten. Die Frelldenbezengungen wieder- . holten sich immer. wieder in lebhafter Weise, als neue polnische.! Ulanen ointrafeu, und bald kamen auch Infanterie und andere , polnische Truppen, sodaß der Markt voll ihnen in kurzer Zeit gefüllt war. Jetzt wurdezum Zeichen der Uebergabe der- Stadt an Polen die polnische Fahne aus b'Cux Rathausturm gehißt, und das erste, was die Polen' tüten, war, daß sie die „ostenropnische Zeit" ein führten und die Rathausuhr .nur eine Stunde verstellten. In „vorgerückter Stunde" kämen auch Proviautlvageu in Menge, und das viele Vieh, das sich auf ihnen befand, erweckte besonders Freude. Aber die Hauptsache loar: die Uebergabe -und der ganze Tag Verliesen in schönster Ruhe, lind die potnischell Soldaten verhielten sich tadellos. Der gute Eindruck, den sie hervor riefen, wie der hotte sich a m anderen Tage — der 18. Januar mar ein Sonntag —, alls eine große Parade mit Gottesdienst auf dem- Ntarkte statt fand. Dazu, lvar ein polnischer General gekommen, begleitet von hohen polnischen Beamten -lind -einer bunkerr Kavalkade von, Enten-tieoffizieren. Und nlerkwürdig! Jetzt heiterte siel) das Wetter zusehends aus, und bald sah nmn, wie die blanken Säbet der polnischen Offiziere in. den- Sonilenstrahten blitzten. Den- Polen hat der Krieg Glück -gebracht, uni» Fritz Reuter sagt ja: „Was dem einen fein Uhl ist, ist dem andern .sein Nachtigall." Aber man muß es den polnischen Soldaten taffen: sie benehmen sich gilt und bescheiden; es sind gesunde, kräftige, militärisch offenbar! stramm disziplinierte Gestä-lteu, und bei dem Paradegottes'- dienste konnte man erkennen, daß sie auch tief religiös sind. Sie werden ein guter Schutz sein -gegen die Bolschewisten. Tie erste Verordnung des p>r>ln>i-schen Ortskommandanten war, daß der Allsschank von Alkohol verboten wurde. Wenn man sieht, loie arbeitsam das polnische Volk ist, erfüllt von Vaterla-ndsliebe und N-eligiosität, sein Heer diszipliniert und

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