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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-02-06 · Heft 6 (6.2.1920) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 6 (6.2.1920)
Date
1920-02-06
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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62 Wir verschließen uns 'den Schwierigkeiten nicht, die das Problem der Demokratie für unsere Gemeinden bedeutet. Wir wissen sehr wohl, daß es ohne Erschütterungen und tiefe Eingriffe in lieb gewordene Gewohnheiten nicht äbgehen mag. Wir erwarten keine schematische Übertragung des demokratischen Gedankens auf unsere Gemeinden. Es wird Sache kluger Erwägung sein, der Demokratie die Bahn zu ebnen. Wir sehen an dem Beispiel der großen Gemeinden, daß sie nicht aufzuhalten ist. Sie werden die Provinz ganz von selbst in Mitleidenschaft ziehen. Wenn die Folge eine größere Beteiligung des einzelnen am jüdischen Gemeindeleben, an dem Wohl und Wehe der Gesamtheit fein wird, dann werden wir die Wandlungen gern mit in den Kauf nehmen und die Schatten, die nun einmal allen Vollkommenheiten anhaften. Aber wir werden uns bei dem Neubau unserer Gemeinden nicht mehr treiben lassen von verkehrter Prestigepoliti'k, nicht mehr von dem Blick auf die Außenstehenden, sondern von den einzig gesunden Grundsätzen, die dem Judentum und seinen Gliedern frommen. Die Demokratie ist auf dem Marsche. Caveant consules . . . Dir SAochr. Be r l i n , 2. Februar. uf dem Gebiete der Judenriecherei hat die alldeutschantisemitische „Deutsche Zeitung" in der letzten Zeit einen Rekord geschaffen, den ihr nicht so bald wieder eine andere antisemitische Zeitung wird streitig machen können. In einer Besprechung der Lautensackschen „Pfarrhauskomödie", die kürzlich in dem Berliner Kleinen Theater ihre Erstaufführung erlebt hat, schreibt ihr Kritiker K. H. B. am 6. Januar: „Man braucht nicht Katholik zu sein, um Empörung zu empfinden. Heilige Gefühle kannte natürlich auch der Jude Lautensack nicht. Ich glaube, es ist nicht immer Bosheit, sondern meist Mangel an Empfinden, was die Juden so frisch drauf los verletzen läßt." Der im vorigen Jahre in Berlin verstorbene Dichter Lautensack war aber kein Jude, er entstammte vielmehr einer urchristlichen bayrischen Familie, genau so wie der. bayrische Kommunist Sontheimer, der ebenfalls nichts mit dem Judentum zuschassen gehabt hat, und dessen Betätigung in der Münchener Revolution immer und immer wieder den Juden aufgehünat wird. Auch der ebenfalls vor kurzem in Berlin verstorbene Dichter Hermann Essig, der der Sohn eines protestantischen Geistlichen in Württemberg war und voll dessen Familie niemand dem Judentum angehört hat, lvird von antisemitischer Seite immer und immer wieder als Jude ausgegeben. Die fälsche Annahme, daß der Dichter Lautensack Jude gewesen sei, hat offenbar auch die Demonstration beeinflußt, die kürzlich im Kleinen Theater unter Führung des Zentrumsjournalisten Dr. Eugen Lerch von katholischer Seite veranstaltet wurde. Herr Dr. Lerch erklärte nach den Berichten Berliner Blätter in seiner Ansprache: Mit Antisemitismus hätten diese Proteste nichts zu tun; sie erfolgten, weil die „Pfarrhauskomödie" die religiösen Gefühle des katholischen Teils der Berliner Bevölkerung verletze, wenn man allch überzeugt davon sei, dcch das Kleine Theater, fern jeder aggressiven Absicht, aus künstlerischen Motiven handele. Ter Direktor Dr. Altman sagte in seiner Erwiderung, Lautensack sei ein katholischer Bauernsohn (also nicht Jude), und zur Aufführung des Stückes, dessen katholische Grundgesinnung vom unbefangenen Teil der Presse bestätigt worden sei, hätten ihn rein künstlerische Erwägungen bestimmt. Kurz vorher war in einer Kritik der „Deutschen Zeitung" auch Frank Wedekind zum Juden gestempelt worden. In einer Besprechung der Erstausführung seines Stückes „Franziska" in der „Tribüne" schrieb das Blatt am 27. Dezember: s „Frank Wedekinds zwischen zartester Tiefspürigkeit und frechster Oberflächlichkeit, zwischen Güte und Bosheit, zwischen Weisheit und rabulistischer Verbohrtheit hilflos und formlos pendelndes Un-Wesen bekräftigt, von deutschem Tiefblick fuxcht- , los durchschaut, nichts mehr und nichts weniger als die Notwendigkeit reinlicher, nachdrücklich unerbittlicher Scheidung deutschen Geistes vom jüdischen!" Dem furchtlosen deutschen Tiefblicker, der das geschrieben hat, müßte es doch bekannt sein, daß Frank Wedekind kein Jude gewesen ist und auch keinen Juden unter feinen Vorfahren aufzuweisen hat, die zum Teil aus Deutschland, zum Teil aus Amerika stammen. Der Zufall fügte es, daß kurz darauf (am 2. Januar) in der „Täglichen Rundschau" folgende Notiz zu lesen war: „Das 60 jährige Richterjubiläum feierte dieser Tage der Geheime Justizrat Erich Wedekind in Danzig, seit 30 Jahren Vorsitzender der dortigen Kammer für Handelssachen. Mit fast 82 Jahren ist er der älteste preußische und wahrscheinlich auch der älteste deutsche amtierende Richter. Der Jubilar ist ein naher Verwandter des Dichters Frank Wedekind und, wie dieser, Sprößling einer alten, im Hannoverschen ansässigen Familie." Trotz alledem, bemerkt die „Abwehr-Korrespondenz", werden wir sicher bald wieder in irgendeinem antisemitischen oder alldeutschen Blatte etwas über den „Juden" Frank Wedekind zu lesen bekommen, damit ja das Märchen von der „Ver-» judung des deutschen Theaters" ausrechterhalten bleibe. Der Kuriosität halber fei hinzugefügt, daß gerade dieser Dichter früher wiederholt von den Antisemiten als Gesinnungsgenosse in Anspruch genommen wurde. Tatsächlich befinden sich auch in seinen Wevken nicht wenige Stellen, die von antisemitischer Seite ausgeschlachtet werden können. „Bald so, bald so, wiäs trifft!" ist ja die besondere Parole der Antisemiten. Das eine Mal gilt ihnen ein und derselbe Mann als Jude, das andere Mal als Gesinnungsgenosse. Ganz wie es ihnen in den Kram paßt. * Heraus mit der Spruches Der „Hammer" des Herrn Theodor Fritsch beschäftigt sich in seiner letzten Nummer (15. Januar) mit der amtlichen Umfrage, die der Erste Staatsanwalt beim Landgericht I in Berlin behufs Feststellung der Vereine und Personen veranstaltet hat, die sich an der Verbreitung antisemitischer Flugblätter beteiligt haben. In dem Artikel, der selbstverständlich die Strafbarkeit des Inhalts sämtlicher von antisemitischer Seite verbreiteten Flugblätter in Abrede stellt, heißt es: „Wer will bestreiten, das; es vorwiegend Juden waren, die bei Ausbruch des Krieges die Warenvorräte und die Heereslieferungen an sich Al reißen suchten undd'wrch wucherische Preistreibere^ien die Gesamtheit benachteiligten? Ist der schamlose Schieber- und Kettenhandel, der unser Volk lim Milliarden betrog, nicht zum weitaus größten Teil eine Frucht jüdischer Machenschaften? Unzählige Beweisstücke liegen dafür vor, daß die von Juden begründeten und geleiteten Kriegsgesellschastennicht die ihnen zugewiesene Ausgabe erfüllten, die gerechte Warenverteilung im Lande zu sichern und unnötige Verteuerung zu verhüten, daß sie im Gegenteil den Warenumlauf hemmten, durch Aufkäufern die Preise übermäßig steigerten, durch unsinniges Umhersahren der Vorräte dien verteuerten und viel Nahrungsmittel dem- Verderben p-reisoaben. Ja, wir haben die Ueberzeugung gewonnen, daß die Leiter gewisser Kriegsgesellschasten im Interesse unserer Feinde daraus bedacht . waren, das deutsche Wirtschaftsleben während des Krieges zu hemmen ilnd Al zerstören und an der Aushungerung des deutschen Voltes, behilflich zu sein. Wir sind bereit, erschöpfende Belegstücke dafür zu erbringen. Es besteht heute kein Zweifel mehr, daß ein großer Teil unserer Juden mit seinen Sympathien auf seiten unserer Feinde steht und mit allen Mitteln den deutschen Sieg zu verhindern strebte. Ja, wir beschuldigen einflußreiche Jllden iit hervorragenden Stellungen.

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