Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1920)
- Date
- 1920-01-30
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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59 uttö die Morgenandacht beginnen. Bei den Vetpulten an der OftwAnd Verweilte «r mit Ergriffenheit. Er streichelte sie zärtlich wie liebe kleine Kinder; gute alte Bekannte waren sie ja auch denn er kannte sie alle, sie und ihre jetzigen und früheren Eigentümer. Dort bei jenem Betpult, auf dessen 'geschrägter Platte der Name Schlüte eingeschnitten war, hatte -noch der alte Josef-Schlüte gesessen, hier /bei diesem der Gelehrte- -Baruch Lämdander Vater Esriels, und dort im Winkel pflegte Nachum Treu sein Gebet zu verrichten. Was waren das für Männer gewesen! Was für lebendiges Leben hatte damals an der Ostwand geherrscht! Heute war alles leer, gewesen, dachte Menachem und wurde ganz still. Er öffnete ein Schränkchen und holte daraus Samtvorhänge, Seidendecken, Thovamäntel hervor und musterte sie der- Reihe nach. Es waren lauter alte verschossene Tempelschmückstücke mit stark zerfransten Davidsschildern in der Mitte. In früheren Jahren hatten sie an Sabbaten und Feiertagen die Betstübe geschmückt, und nun lagen -fte ausgebreitet vor Menachem, übgeblaßt, vom Staub zerfressen, mit kaum sichtbaren Spuren ihrer einstigen Pracht und Herrlichkeit. Menachem kannte die Geschichte dieser genähten, gestickten Handarbeiten, wußte genau, wann, von wem, aus welchem Anlasse jedes Stück zu Schmuck und Zierde der heiligen Betstube gespendet worden war. Fromme Frauenhände haben daran gearbeitet. Das Thoramäntelchen mit seiner reichen Verzierung ist das Werk von Anschel Stryrzowers Frau; sie hat's gestiftet, als sie nach sechzehnjähriger kinderloser Ehe einen kräftigen Jungen zur Welt gebracht hat. Dieser Samtvorhang mit den schweren Goldfransen ist eine Gabe der seligen Frau Sara-Lea Schlüte; am Hochzeitstage ihrer Tochter mit dem reichen Eisenhavdt aus Krakau hat sie dem Bethaus dieses kostbare Geschenk gemacht. Was waren das doch für Zeiten gewesen, dachte Menachem und wurde ganz still. Eine tiefe Trauer ergriff ihn. Wie doch alles im Leben und alle Pracht mit einem Male aus dem Bethaus geschwunden! Er wollte daran nicht denken. Wie im Zorn packte er das zerschlissene Zeug zusammen und legte es ins Schränkchen zurück. Er lehnte sich an ein Betpult und fing mit einem einzigen Blick den ganzen Jnnenraum in seiner Netzhaut ein. Er schauderte. Ihm erschien der Raum so fremd, so kahl, so eigentümlich leer. Das war ja gar nicht das Bethaus, in dem er dreißig Jahre lang den heiligen Dienst versehen hat! — Ein Gefühl der Angst übevkam ihn. Er begann-durch den Raum hin und her zu rennen, warf im Laufen ein wackeliges Pult um, stolperte über eine Bank, verfing sich an einem Nagel und riß ein großes Loch in seinen Kaftan. Schließlich machte ec sich, einen Ruhepunkt suchend, an einem messingenen Leuchter zu schaffen, den er mit großem Eifer zu putzen anfing. Während er den Leuchter putzte, trällerte er eine alte Weise. Es war eine Lecho-dodi-Melodie, eine Komposition des kleinen Jeruchem, jenes weltberühmten Vorbeters, der klein von Gestalt und dessen Stimme riesenhaft war. Diese Melodie hatte einst Anschel Stryrzower von einer Reise in Russisch- Polen mitgebracht, und sie hatte dem Hügel-Rabbi so sehr gefallen, daß man sie längere Zeit jeden Freitagabend fingen mußte. Der Rabbi pflegte damals zu. sagen: „Viele Süßigkeiten sind in dieser Melodie, alle anderen nippen davon, Anschel aber kostet sie bis zur Neige, denn Hei ihm verschmilzt in eins der Sänger mit seinem Sang, und das ist das Göttliche des Gesanges." Nach dem Tode Anschels war die Melodie in Vergessenheit geraten; heute erinnerte sich Menachem ihrer — und er sang die fröhlich jauchzende Melodie mit einer traurigen Stimme. Plötzlich brach er ab. Er ging zum Vorlesetisch, schob ein breites, tiefes Schubfach heraus und begann darin zu kramen. Allerhand Raritäten kamen zum Vorschein: eine silberne Hand, ein silbernes Glöckchen, ein altes Psalmbuch, eine Esther-Rolle, ein Schofar. Beim Anblick des Schosars zuckten die Gesichtsmuskeln Menachems. Er ergriff das Widderhorn und setzie die Schmalspalte an den rechten Mundwinkel und stieß einen dumpfen gebrochenen Ton hervor. Er erschrak; mit zitternder Hand legte er den Schofar ins Schubfach zurück. Dabei erinnerte er sich, daß der Rabbi ihm einmal am Neujahrsfeste gesagt hatte: Du kannst blasen, Menachem, der Satan hat keine Macht über dich . . . Seine Augen füllten sich mit Tränen, als er daran dachte. Dann kam wieder das Angstgefühl über ihn und jagte ihn durch den Raum des Bethauses. Seine Augen wurden immer größer, gingen immer mehr vom Oval ins Rundliche über und blickten scheu und düster wie die Augen eines verfolgten Rehs. In raschem Tempo vollführte er mehrere Rundgänge um Tische und Stühle, bis er vor dem Thoraschrank haltmachte. Er öffnete ihn. Die Thorarollen waren herausgenommen, und eine erschreckend finstere Leere grinste ihm entgegen. Er nahm den Leuchter, den er vorhin blank geputzt hatte, steckte ein Licht davein und stellte Leuchter und brennende Kerze in den Schrank. Dann vergrub er sein Gesicht in dem gespenstisch erleuchteten Thoraschrank und sprach schluchzend — das Sündenbekenntnis. Inzwischen bewegte sich der Zug der Weihen durch die Franziskanergasse und gelangte bis zu jener Wegbiegung, die ein Einfallstor zum Ringplatz bildet. Da rief eine Stimme: „Des Rabbi Haus steht in Flammen!" Im Zug der Verbannten entstand eine Bewegung. Die Reihen lockerten sich, die einen schoben zurück, die anderen drängten vor, man faßte sich gegenseitig am Arm, man sah einander erschrocken in die Augen, und hin und her schwirrten die Fragen: „Was ist geschehen?" — „Wo brennt's?" — „Was brennt?" — '„Wessen Haus brennt?" Die'Stimme rief abermals: „Des Rabbi Haus steht in Flammen!" Bei diesem gellenden Ruf löste sich Benjamin mit jähem Ruck aus dem wandernden Zug. Mit segelnden Armen lief er den Weg, der zum hockenden Häuschen des Rabbi Dowber führte. Alle Schwere war von ihm genommen, und er jagte dahin wie ein scheu gewordenes Pferd, das keine Hemmnifle und keine Hemmungen kennt. Er stolperte, schlug sich die Knie wund und lief weiter. Er glitt aus, drehte sich mit der Behendigkeit einer Katze im Schnee um, erhob sich und lief weiter. Ein russischer Soldat packte ihn am Arm: „Stupaj Jewrej! Majesch Tschassy?" (Stillgestanden, Jud! Hast du eine Uhr?) Benjamin verstand ihn nicht; er sah ihn mit wild rollenden Augen am Der Soldat glaubte, einen Wahnsinnigen vor sich zu haben, und ließ ihn los. Benjamin lief weiter. Das Gäßchen, in dem das hockende Häuschen dem gelbgetünchten Hause schräg gegenüberstand, war von einem Kordon russischer Soldaten abgesperrt. Aus dem Häuschen stieg ein schwarzer Rauch empor und zerriß die weißen Schleier des fallenden Schnees. Mit eiriiem Satz gelang es Benjamin, die Postenkette zu durchbrechen und sich den Weg zur Brandstätte frei zu machen. Ein dicker, ätzender Qualm schlug ihm ins Gesicht. Unter den russischen Soldaten entstand ein Getümmel . . . Mehrere Stimmen schrien hinter Benjamin her . . . Benjamin hörte nichts und lief weiter, Da erscholl ein Kommandoruf ... fSm Schutz'krachte. — . Zwischen Haus und Häuschen sank Benjamin getroffen zu Boden. Der Schnee färbte sich rot. (Fortsetzung folgt.)