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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-30 · Heft 5 (30.1.1920) · p. Seite 58

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 5 (30.1.1920)
Date
1920-01-30
Page
Seite 58 (sequence 10)
Language
German
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58 „Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen. Wenn es nicht aus der Seele dringt Und mit urkrästigem Behagen Die Herzen aller Hörer zwingt!" Solche Begeisterung ist mit geschichtlicher Wahrheit sehr wohl verträglich. Man braucht dabei auch nicht mit dem Helden durch dick und dünn zu gehen. Die biblischen Erzähler, diese Meister volkstümlich-erziehlicher Darstellungskünst, verschweigen die Schwächen ihrer Lieblinge nicht. So 7. bleibe auch du wahr und verschweige nicht die dunklen Punkte im Leben der Großen, z. B. Chisdais ungerechtes Verhalten gegen Menahem, und suche durch Vergleichung und Entgegenstellen von Personen und Handlungen das sittlichreligiöse Urteil deiner Zöglinge zu bilden und durch Parallelisierung von Ereignissen ihr geschichtliches Verständnis zu bereichern (Chisdai und Samuel Hannaggid, Maimuni und Mendelssohn, Philo und Saadja). 8. Befleißige dich einer einfachen, klaren, sinnlichen Sprache bei deiner Erzählung. Der Lehrer mutz mit Voltaire sagen: „Ich will so durchsichtig sein wie ein klarer Bach und würde meine Werke ins Feuer werfen, wenn sie nicht so faßbar wären wie Lafontaines Fabeln." Er mutz sich Mühe geben, den Schülern keine Mühe zu machen. Leopold v. Ranke könnte Stilvorbild sein, litte er nicht an unleidlicher Zurückhaltung. 9. Sei mit deiner Darstellung der Vergangenheit der Gegenwart zugewandt. Bei der Charakteristik der Essäer wird man auf Tolstoi, bei den Pharisäern auf die tendenziöse Behandlung in modernen Dramen (Johannes, Maria von Magdala) Hinweisen und stets Prophylaxe und Apologetik am rechten Orte berücksichtigen. 10. Neben dem Religionsgeschichtlichen hebe auch bei Gelegenheit den Anteil der Juden auf anderen Gebieten der Kultur hervor. Das Schulbuch für jüdische Geschichte will lediglich dem Schüler zum Nachlesen dienen. Es will zeitraubendes Diktieren ersparen und eine gewisse Fülle von Anschauungsmaterial schnell und bequem dem Schüler vermitteln. Es will aber dem Lehrer nicht eingehende Studien der größeren Werke, etwa von Graetz, von Bacher, von Weiß, ersparen. Der Lehrer muß viel mehr Einzelheiten kennen, als er seinen Schülern mitteilt. Er muß auf Grund seiner umfassenden Sonderkenntnisse die Kunst der Verdichtung üben und den Lehrstoff so gestalten, daß die erziehlichen Momente zu voller Wirksamkeit und Fruchtbarkeit gelangen. f Darum werden hier, um der noch so wenig angebauten Methodik unseres Faches zu dienen, einige Lehrproben geboten, die zeigen sollen, wie wir uns die unterrichtliche Behandlung der einzelnen Lehrstücke denken. Chisdai aus der Oberstufe der Volksschule. I. Ziel: Von einem jüdischen Minister, dem treuen Freunde seiner Glaubensgenossen, im arabischen Spanien will ich erzählen. 11. Vorbereitung: Spanien nach der Völkerwanderung von den Westgoten besiedelt. Diese fanden dort Juden schon vor, behandelten sie schlecht. 711 kamen die Araber, eroberten Spanien. Die Araber, den Juden stamm- und religionsverwandt, versprachen ihnen volle Freiheit und wurden von ihnen als Erlöser begrüßt. Die Araber vertrauten ihnen die eroberten Städte an. Die Juden wohnten zahlreich in Cordoba, Toledo, Granada, Malaga (Karte öder Kreidezeichnung an der Wandtafel!). Der Sitz der jüdischen Wissenschaft war'bisher Babel (Hochschulen, Gaonat, Gxilarchat). Durch einen jüdischen Minister wird Spanien Heimstätte jüdischer Forschung. III. Darbietung: Chisdai. Leibarzt des. . Kalifen zu Cordoba, fprachenkundig; Minister, empfängt auswärtige Gesandte. Seine Klugheit dabei (Byzanz, Otto I.). Oberrichter der Juden. Förderer des Mose ben Chanoch, der das Talmudstudium in Spanien zur Blüte bringt. . Nathans Edelmut! Förderung der hebräischen Grammatik und Pyeste (arabischer Einfluß!). Streit zwischen Menahem , und Dunasch, ob 2 oder 3 Wurzelbuchstaben. Chisdais Unrecht gegen Menahem! Religiöse Poesien, Piutim. Sein Brief an den Chazarenchagan! — _; IV. Vertiefung. Was gefällt uns an Chisdai? Er vergißt im Glücke nicht seine Brüder. Beispiele aus der biblischen Geschichte für dieselbe Gesinnung: Joseph, Mose, Daniel, Mordechai. Seinen Reichtum stellt er in den Dienst der Religion und der ihr geltenden Forschung: Talmud Thora kneged kullam. Maecen! Sein Stammesgefühl, daß er der Brüder im fernen Osten in Liebe gedenkt. In seiner tiefen Frömmigkeit sieht er in seiner Erhöhung eine Fügung Gottes. Dunkler Fleck aus feinem Charakterbild, sein Benehmen gegen Menahem. Worin bestand das Unrecht? f V. Zusammenfassung: 1. Was wirkte die Bekanntschaft mit der arabischen Kultur! Sie regte an. a) zur Dichtung in Reimen nach arabischem Muster, d) zur Beschäftigung mit hebräischer Grammatik. 2. Welche Folge hatte Chanochs Berufung zum Rabbiner für das jüdische Geistesleben? a) Nun wird Spanien eine Hochburg des Talmudstudiums. b) Darum Loslösung und Unabhängigkeit von Babel. VI. Anwendung: 1. Worin Chisdai Vorbild? In der Glaubens- und Stammestreue. 2. Worin Nathan? Er erkennt selbstlos den Größeren an. Als Beispiel hebräischer Renndichtung wird im Hebräischen zugleich behandelt Adon olam. (Fortsetzung folgt.) ■3ms&s, S&S, Benjamins Liebeslied. (80. Forts.) Roman von Samuel Weisels. menachem," sagte Benjamin und blickte ihn dabei teilnahmsvoll in die Angen, ,-warum wollt Ihr denn mehr sein als der Rabbi? Seht, alle gehen und der Rabbi mit ihnen, warum wollt Ihr allein Euch in Gefahr begeben?" „Du sprichst klug," erwiderte Menachem, „und doch wieder unklug. Laß dir's sagen, Benjamin, siehst du" — hier machte er eine Handbewegung, als mäße er den ganzen Raum aus —, „siehst du, das hier ist die Betstube, und ich stehe darinnen, und solange ich darin in-der Betstube stehe, bin ich — ich, bin ich — Menachem der Schammes. Stehe ich aber draußen, wer und was bin ich dann?" So war alles Flehen und Bitten, alles Zureden und Ermahnen vergeblich gewesen, und weder das milde noch das strenge Wort, weder der Rabbi noch Benjamin hatten die Standhaftigkeit Menachems zu erschüttern vermocht. Alle waren sie von chm gegangen, und er allein blieb; er blieb allein — mit und in seiner Betstube. Und jetzt, während der Zug der Weißen durch die stillen" Gassen sich sortbewegte, ordnete Menachem m der Betstube die Tische, stellte die Betpulte an die gehörige Stelle, und tat so, als müßten jeden Augenblick die Beter kommen

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