Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1920)
- Date
- 1920-01-30
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229448--75509-3288020- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 2× ep/1002670
OCR text
—- 57 stufe der Volksschule, muß es genügen, durch eindrucksvolle, scharsumrisfene Einzelbilder den Willen zu einer bewußt jüdischen Lebensführung im Schüler zu stärken und ihm die Fähigkeit zu geben, an den jüdischen Aufgaben der Gegenwart verständnisvoll mitzuarbeiten. Da die jüdische Geschichte als Teil des Religionsunterrichtes geboten wird, so kann aus ihr nur das gegeben werden, was mittelbar oder unmittelbar erziehlich aus die religiöse Charakterbildung einwirkt. Bei der überreichen Stoffülle ist daher sorgsältige und verständnisvolle Sichtung immer mit Hinblick aus die hier angedeuteten Gesichtspunkte durchaus erforderlich: Nur das Typische und Charakteristische zur Veranschaulichung des Werdeganges unserer Religion, nur das religiös Auszuwertende und Brauchbare zur Vertiefung des religiösen Bewußtseins, nur Stärkung und Festigung der Wissensrichtung auf Gott, nur das muß scharf und wirksam herausgestellt werden. Wie der Bergmann, ehe er einen Schacht hinabteuft bis zu den: goldenen Adern, zuvor die Gegend und den Boden sorgfältig untersucht, damit die mühsame Arbeit nicht an solchen Orten begonnen wird, wo sie keinen Gewinn gewährt, so muß auch der Lehrer durch eifriges Studium der Geschichtswerke sich in den Stand setzen, die rechte Auswahl der Kapitel zu treffen, die er als einzelne Lehrstücke nach didaktischen Grundsätzen zu behandeln gedenkt. Daß auch in jedem Lehrstück wieder die Stofffrage von neuem herantritt und auch da wiederum Prüfung .und Ausscheidung stattfinden müssen, ist ja klar. Ich gebe zunächst eine Uebersicht der Themen, die zur Durcharbeitung gelangen sollen, ein Minimum, das, wo die Verhältnisse es gestatten, einer Erweiterung und Vertiefung fähig ist. 1. Das Exil und seine Wirkung. 2. Die große Synode und die Schriftgelehrten. 3. Die Makkabäer. Judentum und Griechentum. Die Sekten. Die jüdischen Missionserfolge. 4. Judentum und Christentum. Parallelen und Unterschiede mit Benutzung der neuesten Apologeten. 5. Der. jüdisch-römische Krieg. Jochanan — Josephus. 6. Der Talmud. 7. Das babylonische Gaonwt, Islam, Karäer, Sauüja. 8. Die Glanzperiode in Spanien: a) Ehisdai, Samuel Halevi (Adon olam, Pint); 9. b) Gabirol. 10. c) Juda Halevi. 11. d) Maimuni, Nachmani. 12. Die jüdische Mystik, Sohar, pseudomessianische Bewegungen, Sabbatai Zewi, Chassidismus. 13. Die Juden unter Römern, Franken und Karolingern. 14. Raschi und die Kreuzzüge. 15. Inneres Leben der deutschen Juden im Mittelalter. 16. Vertreibung aus Spanien und Portugal, Abarbanel. 17. Die Gemeinde zu Amsterdam, Manasfe den Israel, Spinoza. 18. Juden und Renaissancemenschen. Elia Habachur, Reuchlin, Luther. 19. Mendelssohn. Ueberblick über den Spätvabbinismus mit dem Schulchan-Aruch. Ausblick auf die Reform, Wissenschaft des Judentums und den Zionismus. 20. Die großen jüdischen Organisationen der Gegenwart, besonders in Deutschland. (Alliance, Hilssverein, Logen, Deutsch-Israelitischer Gemeindebnnd). Um diese Stücke wirksam an die Schüler heranzubringen, ist erforderlich, daß alles, was man als Einzelmaterial verwenden will, sich dem Vorstellungsleben der Schüler einzuverleiben vermag. Nur so ist Wirkung und Wachstum der geistigen Kraft beim Schüler möglich. Man braucht bei dieser strengen' Auslese nicht zu fürchten, oberflächlich oder ungründlich zu werden. Die Gründlichkeit hat es mit der Tiefe, und nicht mi t dem U m f a n g e zu tun. Diese Sonderung ist ganz unerläßlich,, nur die Einzelheiten, die von der Geisteswelt des Schülers assimiliert und verdaut werden können, beeinflussen Wille und Gemüt. Alles andere beschwert nur sein Gedächtnis. Damit scheidet alles rein Theologische, Philosophische, Literarische, was dem Schüler nichts bedeutet und ganz außerhalb seiner Interessensphäre liegt, von vornherein aus. Wir beschränken uns nirgends auf Mitteilung bloßer Büchertitel, denn die sind nur toter Ballast und sagen ihm nichts für sein religiöses Innenleben; wir häufen keine Namen und Daten, denn wir wollen nicht Bibliographen und jüdische Historiker drillen, sondern Geschichtsbilder zur Weckung und Bereicherung des religiösen Gefühles geben. Wir streben auch keinerlei Vollständigkeit an, als ob nun alle bedeutenderen Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte vorzuführen wären. Wir greifen die wenigen ganz großen Männer hervor; diese suchen wir in ihrer Lebenssülle für unsere Schüler wirksam zu machen und betrachten sie von möglichst vielen Seiten, damit ihr Bild .zur vollen Anschaulichkeit dem Hörer vor die Seele, trete. An dieser plastischen Anschaulichkeit und an dieser lebenspendenden Kraft und Frische hat es zumeist diesem Unterrichtsgegenstande gefehlt. Sie zu, erreichen, sei unser Hauptstreben. Wir müssen die Persönlichkeit in ihrer ganzen Eigenart vor den Augen des Schülers erwachsen lassen. Wie die Hand des Künstlers aus dem rohen Steine das lebensvolle Gebilde schasst, so müssen wir aus den Einzelzügen, die wir den Geschichtswerken entnehmen, eine fesselnde und zur inneren Beteiligung zwingende Erzählung herausformen. Wie wir das meinen, werden die angeführten Lehrgänge zeigen. Hier nun einige Winke: 1. Sprich nicht in Allgemeinheiten, gib charakteristische, kleinmalerische Einzelheiten. 2. Lege deinem Helden, wo die Quellen dies nur immer ermöglichen, kurze bezeichnende Aussprüche in den Mund! 3. Behandle das Leben der Dichter und Denker im innigen Anschlüsse an ihre Schöpfungen. 4. Vergiß nicht besonders die Momente kräftig herauszumeißeln, die von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung deiner Helden und von tiefem Einfluß aus ihre Leistungen gewesen sind, z. B. Juda Halevis ZionÄiebe und seine Pilgerfahrt. Gabirols frühe Vereinsamung, die schon früh in seinem Innern nachklingen ließ: „Wasdvon Menschen nicht gewußt Oder nicht bedacht. Durch das Labyrinth der Brust Wandelt durch die Nacht." 5. Unterlasse nicht. Sagen und Legenden zur Beleuchtung einzelner Züge deiner Helden (Raschi, Maimuni!) einzuweben. Oft ist, wie Goethe sagt, die Legende wahrer als die Geschichte. Gerade diejenigen Partien, in denen uns die Muse der Geschichte noch mit dem strahlenden Kranze der Poesie entgegentritt. üben aus die Jugend einen besonders lebhaften Reiz. Es hieße nichts anderes als den Frühling aus dem Jahre nehmen, wollte man solche Sagen der Schule vorenthalten. 6. Sei warm und begeistert, nur so weckst du Wärme und Begeisterung. Das ist bei der Geschichtsdarstellung oft schwer. Viele Erscheinungen der jüdischen Vergangenheit sind noch nicht genug aufgehellt (Hellenismus, Kabbala). . Man möchte da sagen: „Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit sind uns ein Buch mit sieben Siegeln." Andere Erscheinungennehmen sich in der Neberlieferung wie dürre Blätter aus, von denen wir mühsam begreifen, daß sie einst grün gewesen sind. Da denke des Dichterworts: