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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-30 · Heft 5 (30.1.1920) · p. Seite 55

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 5 (30.1.1920)
Date
1920-01-30
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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55 Nischen Juden Geld gaben, um: die erbittertsten Feinde der Polen und Juden zu verköstigen. Man erzähl mir, daß an den Holztlschetr in dem erwähnten Hause gewesene Kammerherxen des Zaren. SdkrÄäre zaristischer Minister, Angehörige des russischen -Adelst kürz ^eute essen, von denen rnanch-e früher An glänzenden Uniformen stolz durch Warschaus Straßen' schritten als Todfeinde der Polen und Juden. ' Ach nächsten Tage konnte ich auch diese Herrschaften beim Speisen sehen. Der amerikanische Finanzmann antwortet^ nicht sofort, sondern lächelte sein und fragte dann, ob die- Herren und Damen die Geschichte von dem armen Juden in- Amerika und dem Iren kennten. Außer Sir, Striart Samuet kannte sie niemand von uns, und so erzählte sie uns der Amerikaner. Auf einer Straße irgendwo in Amerika stand eines, Tages ein schrecklich unglücklicher Jude und bettelte. Der Mann hatte zwei verkrüppelte Arme, war halb blind, lahm und hatte eine komplette Kollektion Hautkrankheiten, mit einem Wort, er war ein trauriges Exemplar Mensch. Ein Ire — Iren hatten damals in Amerika den Ruf, große Judenfeinde zu sein — ging vorbei, besah sich den Juden genau und schenkte ihm fünf Cents. Ddr Jude dankte, der Ire ging weiter, blieb nach einigen Schritten stehen, schaute noch einmal den Juden an, kam zurück und gab ihm 50 Cents. Der Jude dankte noch inniger, der- Ire schritt wieder weiter,' kehrte aber nochmals um, nahm den Juden neuerlich scharf ins Auge , und drückte ihm eine Fünfdollarnote in die Hand. Der Jude wußte nicht mehr, was er chgen sollte vor Freude und Dankbarkeit. Man lachte und ließ alle Proteste gegen die Wohltätigkeit tcr Amerikaner zugunsten der Feinde der Polen und Juden fallen. Und als ich später den Amerikaner sprach, kam er noch einmal daraus zurück. Wenn es eine- Gerechtigkeit aus ber Welt gebe, dann zeige sie sich am sichersten in dem Schicksal dieser russischen Größen, die früher in prächtigen Schlitten durch die Straßen jagten und Polen wie Indien knechteten oder noch Aergeres taten und die jetzt an Holztischen in einer Art Volksküche für ein paar Mark Essen bekommen von den Juden, die sie früher getreten und erniedrigt haben. Namensänderungen. s gibt Menschen, die nichts lernen wollen. Obwohl cs ans dem Ablauf der Geschichte sonnenklar ist, daß der Jude in allen Zeiten der Sündenbock war, aus den man alles Schlechte häufte und den man für alle Widrigkeiten verantwortlich macht, so gibt es doch noch leider in unserer Gemeinschaft genug Leute, die dieses Netz der Lügen nicht durchschauen oder durchschauen wollen und sich durch die Anklagen unserer Gegner Niederdrücken lassen. Sie möchten sich am liebsten in irgendein Mauseloch verkriechen, nur um nach außen hin nicht als Juden erkannt zu werden. Wenn sie eine gebogene Nase haben, dann lausen sie zum Chirurgen, um sich dieses furchtbare Unheil beseitigen zu lassen, und wenn sie einen unserer ehrwürdigsten alten Namen tragen, dann gehen sie zur Behörde und bitten, aus den Knien rutschend, man solle sie doch so schnell wie möglich von diesem Unheil befreien, und sie sind glücklich, wenn sie dann irgendeinen belanglosen, aber arischen Namen erhalten haben! Wie sagt Schiller einmal in seinen „Mubern": „Mich «kolt's vor diesem tintenklecksenden Säkulum." Packt einem nicht des Lebens ganzer Jammer an, wenn man an diese charakterlosen Schwächlinge denkt, die nicht mehr die geringste Achtung vor sich selbst haben könnten, würden sie sich ihrer ganzen Schwäche bewußt! Aber leider verfügen sie nicht über so viel sittlichen HM und wandeln noch stolz über ihre Tat daher! — lieber eins aber sollten sie sich wenigstens klar werden, wenn sie auch auf die Achtung ihrer jüdischen Glaubensgenossen keinen Wert legen: sie gewinnen durch eine charakterlose Namensänderung auch nicht die Achtung ihrer christlichen Mitbürger! Man wird auch von dieser Seite lächeln und, wenn man unter sich ist, mit seinem Spotte nicht zurückhalten! Wir «aber stehen in tiefster Trauer diesen Fällen der Selbstentmannung gegenüber! Fühlen diese Menschen nicht, was sie aufgeben, wenn sie einen unserer ehrwürdigen Namen ablegen, wissen sie nicht, was es bedeutet, aus der Familie eines Mhron zu stammen oder ein Lovit zu sein. Sind sie nicht stolz darauf, aus einem Stamme ihre Herkunft ableiten zu dürfen, der in einem Zeitpunkt der Weltgeschichte schon der geistige Führer seines Volkes war, in dem die uns umwohnenden Völker noch in tiefster Unkultur lebten? Traurige Menschen, die in ihren Adern nicht das Blut rollen hören, das uns erzählt von der großen, wahrhaft messianischen Sendung Israels, die nichts weiter erstreben als restlose Assimilation an die Umwelt; sie geben ihr Judentum auf, um dafür keinen anderen festeren Boden zu gewinnen!' Das Judentum verliert an ihnen nichts und wir weinen ihnen keine Träne nach. Wir bedauern sie, weil sie so arm sind, daß sie in sich unsere Gem-einischaift nicht erlebt haben. Wenn sie wüßten, wie reich das Judentum sie beschenken würde, wenn sie sich nur die Muße nehmen würden, sich in seine Werte zu vertiefen! . Uns bedeutet es eine Pflicht, einen der inhaltsreichsten Namen tragen zu dürfen, eine Pflicht und eine Freude, keine Last! — Priestertum verlangt dieser Name von seinen Trägern, Führertum auf dem Wege sittlicher Reinheit und sittlichen Strebens! Wahrlich eine Aufgabe, die es sich lohnt, gelebt zu haben, und für die wir unsere Kinder erziehen wollen! All das werfen diese Menschen von sich, wie einen Mantel, den man nicht mehr braucht, in selbstsüchtiger, kleinlicher Eitelkeit um eines anscheinenden Vorteils willen! Sie wissen nicht, was sie tun, aber reinliche Scheidung muß zwischen ihnen und uns sein; ihre Wege können nicht mehr die unseren sein, denn die Berührung mit ihnen macht uns innerlich unrein. Dr. Willy C -o h u. 5. ordentliche Mitgliederoerlammlunu der Deutschen Lentralttrlle kür Milche Wsnderarmenkürlorge. m Sonntag, den 11. Januar, fand im Bureau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes die fünfte ordentliche Mitgliederversammlung der Deutschen Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge unter Vorsitz des Herrn Sanitätsrats Dr. Wres.chner statt. Trotz der schwierigen Verkehrsverhältnisse hatte außer den Vertretern der drei Gründerkörperschaften: des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, des Hiilssvereins der Deutschen Juden und der Großloge U. O. B. B., den Mitgliedern des Vorstandes und Beirats und der Berliner Durchreisekommifsion sich eine Anzahl der Provinzial- und Landeskassen von auswärts eingefunden. Es nahmen teil Herren aus Leipzig, Dresden, Magdeburg, Halberstadt, Bremen, Hannover, Frankfurt a. O. und Thorn. Der letztere gab seinem lebhaften Bedauern Ausdruck, zum letzten Male als Vertreter der westpreußischen Provinzialkasse an den Verhandlungen tetlnehmen zu können, versprach aber, daß die bisherige Grenzwacht Thorn weiterhin im Interesse der Deutschen Zentralstelle wirken würde. Eine Anzahl von Vertretern der Organisationen, die sich mit der Ostjudenhilfe beschäftigen, so des Arbeiterfürsorgeamtes/ des Verbandes der' Arbeitsnachweise, des Arbeitsamtes, des Verbandes der Ostjuden und des Jüdischen Volksvereins (Jüdische Herberge), nahm mit beratender Stimme an den Verhandlungen teil. Der Vorsitzende beklagte, daß eine Anzahl von Mitgliedern durch die veränderten, politischen Verhältnisse der Deutschen Zentralstelle verlorengehe,, sa von den Grunderkörperschäften die Alliance Israelite Universelle, von' den Provinzialkassen: Elsaß-Lothringen, Posen und Westpreußen. Die Deutsche Zentralstelle hat seit der letz? ten Generalversammlung eine Reihe hervorragender Mitglieder verloren: ihr Ehrenmitglied Professor Philippson und die Herren Max Weil (Magdeburg), Stadtrat Schleyer (Posen), Justizrat Meyer. (Berlin), Schatzmeister Julian Meisel, Generalkonsul Mandelbaum

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