Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1920)
- Date
- 1920-01-30
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
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54 Während die Rabbine.r Frankreichs sich seit 1870 nicht mehr aus elsässischen und nur wenigen französischen Rabbinatsschülern rekrutierten — die Rabbinatskandidaten des Elsaß gingen an das Rabbinerseminar nach Berlin — und die Schüler des französischen Rabbinerseminars sich aus Ostjuden bilden mußten, sind bereits jetzt zahlreiche Rabbinatsschüler aus dem Elsaß nach Paris gekommen, um ander dortigen Rabbinatsschule ihre Ausbildung zu erhalten. So wird Frankreich wieder in der Lage sein, aus seinen eigenen jüdischen Ge- . meinden die Rabbiner zu stellen und nicht mehr auf den Osten allein angewiesen sein. Ueberhaupt hat der Zustrom von Ostjuden, der vor dem Kriege ziemlich bedeutend war und in Paris zur Bildung einer starken ostjüdischen Schicht führte, durch die Kriegsverhältnisse und die Verkehrshindernisse eine starke Hemmung erfahren, der aber wahrscheinlich, sobald die Verkehrsmöglichkeiten sich bessern werden, in verstärktem Maße wieder einsetzen wird. Als Ersatz für die während des Krieges unterbliebene Einwanderung jüdischer Elemente aus Polen und Rußland hat ein starker Zuzug aus dem Orient, namentlich aus Griechenland, der Türkei, Algier, Marokko und Tunis, sich in deutlicher Weise gezeigt. Es handelt sich hier itut einen gesunden Menschenschlag mit sephardischem Ritus, im Gegensatz zu den oft schwächlichen Typen der Ostjuden. Durch den Krieg kamen die Juden des Orients immer mehr in Kontakt mit Frankreich, namentlich aber kamen sie als Kaufleute nach Paris, wo sie festen Fuß faßten und wo sie sich heute infolge des regen Handels, den sie betreiben, eines guten Wohlstandes erfreuen. Allmählich ließen sie ihre Angehörigen nach Paris übersiedeln, und in letzter Zeit nehmen die Heiraten zwischen Einheimischen und Orientjuden zu, deren Einfluß und Eigenart sich mit der Zeit auch im jüdischen Gemeindeleben bemerkbar machen dürfte. Bezüglich der Palästinafrage äußerte sich der Grandrabbin pessimistisch. Die wirtschaftliche Verfassung Palästinas sei heute noch eine wenig günstige; zudem habe England genug mit den Unruhen in Aegypten zu tun, wodurch die politische Lösung der Palästinafrage natürlich erschwert werde. * Vom Komitee der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz erhalten wir folgende Mitteilungen: 1. Paris, den 14. Januar. Das Komitee der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz hat soeben folgende Depesche aus Kowno erhalten: „Am 5. Januar wurde in Kowno der erste Kongreß der jüdischdemokratischen' Gemeinden Litauens eröffnet. 139 Delegierte, die 78 jüdische Gemeinden vertraten, und zahlreiche Gäste wohnten der Eröffnung des Kongresses bei. Herr Galwanovsko, der Präsident des Ministerrates, und Herr Boldemor, Minister der auswärtigen Angelegenheiten, begrüßten den Kongreß im Namen der litauischen Regierung und gaben ihrem Willen Ausdruck, die nationaljüdische Autonomie in Litauen zu verwirklichen. In seinen darauf folgenden Arbeiten hat der Kongreß mehrere Sitzungen den Problemen gewidmet, die sich mit der ökonomischen Wiederherstellung der jüdischen Bevölkerung Litauens befassen. Gezeichnet: Der Prä f ident. Soloweitchik." II. Paris, den 14. Januar. Das Komitee der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz hat soeben folgende Depesche vom Kongreß der jüdischen Gemeinden Litauens erhalten: „Der erste Kongreß der de uw kra ti sch-j Wischen Genreinden Litauens begrüßt herzlich das Komitee der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz. In diesem großen historischen Moment verkünden die Juden Litauens ihre Solidarität mit den Juden der ganzen Welt in ihrem Kampfe für die nationale Freiheit. Wir erkennen das Komitee der jüdischen Delegationen als die einzige legitime Vertretung des jüdischen Volkes an, die das Recht besitzt, in feinem Namen zu sprechen. Wir statten dem Komitee unseren tiefsten Dank ab für seine nützliche Arbeit zugunsten der Verwirklichung unserer nationalen Hoffnungen. Fest entschlossen, das Leben der litauischen Juden auf den Grundsätzen der nationalen Autonomie aufzubauen, hoffen wir, daß die Juden der ganzen Welt uns ihre Unterstützung bei dieser Arbeit leihen werden." Aus Polen. Das „Judisze Folk" veröffentlicht einen Aufruf der jüdischen Abgeordneten bezüglich der vom Sejm beschlossenen Sonntagsruhe, worin die jüdische Bevölkerung zum tapferen Ausharren in diesem ihren gerechten Kampfe aufgefordert wird. Dieser Aufruf soll nach in Warschau kürsierenden Gerüchten Veranlassung geben, die Jüdischen Abgeordneten wegen Aufreizung der Bevölkerung zur Nichtbesolgung der Gesetze und zum Widerstand gegen die Behörde anzuklagen. In Warschau waren Gerüchte verbreitet, daß die polnische .Regierung bei Führung der Friedensverhandlungen mit Petljura 'die Kassierung der jüdischen nationalen Autonomie und des Ministeriums für jüdische Angelegenheiten in der Ukraine verlangt habe, Aas polnische Ministerium. des Aeußern veröffentlicht nun ein offizielles Dementi dieser Nachricht. Es sei über diese Dinge überhaupt nicht verhandelt worden. In den beim Handelsministerium in Warschau gebildeten Handelstutb Gewerberat wurden nur Vertreter des Verbandes der christlichen Kaufleute eingeladen, während die Bemühungen.des jüdischen kaufmännischen Verbandes, ebenfalls einen Vertreter in diesen Rat . zu entsenden, erfolglos blieben. Eine diesbezügliche Eingabe des Klubs der jüdischen Wgeordneten entschied das Handelsministerium abschlägig, indem es sich auf die begrenzte Zahl der Mitglieder dieses Rates berief. J. p. z. * Grotze Straßenjagden auf Juven in Lemberg. Vor einigen Tagen hat die Lemberger Polizei eine strenge Taschendurchsuchung bei der jüdischen Bevölkerung vorgenommen. In ganz unerwarteter Weise sind ganze Straßen von starken Polizeiabteilungen ab gesperrt worden, Patrouillen sind in Kaffeehäuser, Restaurants und selbst Kinos eingedrungen und haben jeden vorbeigehenden Juden in ein Kaffeehaus oder ein anderes Lokal hineingeschleppt und chm sein ganzes Bargeld, sei es Kronen oder Mark oder Rubel oder irgendeine andere Valuta, abgenonrmen, wobei allerdings Quittungen über die beschlagnahmten Gelder ausgegeben wurden. Der ganzen jüdischen Bevölkerung hat sich daraufhin ein panischer Schrecken bemächtigt. Die Arbeit ist denn auch so gründlich gemacht worden, daß selbst dem unschuldigen Publikum, welches an den Straßenbahnstationen gewartet hat, um zu fahren, die letzten paar Kronen abgenommen wurden. Wir verstehen nicht, welchen Zweck eine derartige Durchsuchung haben kann. Soll es sich dabei um die Ausführung des Befehls zur Gelddeponierung handeln, so können wir nicht begreifen, warum dies in einer so mittelalterlichen Weise geschehen muß, die die Menschen wie gehetzte Tiere behandelt und ihnen einen Schreck einjagt. Das alles kann doch in einer kulturelleren europäischen Weise geschehen. Auf die erwähnte Weise hat man -den Juden viel Geld aus den Taschen genommen. K. f. ck. O. * Die Rache der amerikanischen Juden. Wer in den Volksvierteln von Warschau gewesen ist, wer die erschreckende Armut im Warschau gesehen hat und weiß, was man jetzt in der polnischen Hauptstadt für eine normale. Mahlzeit. -bezahlen muß, -der begreift, daß dort schwer Hunger gelitten wird, so schreibt der auf einer Reise durch Polen befindliche Korrespondent Georg Nypels inr „Mg-emeen Handvlsibla-d". Am ärgsten leiden unter der Not die jüd-ischen Volksmasfen, .deren sich das jt'di-sch-anleriikani'sche Hilfskomitee annimmt. Wer die Aufgabe, den Juden im; Osten zu helfen, wird, so erklärt Bankier Hirschfeld, der!biic Aktion leitet, allmählich zu. schwer für die amerikanischen Juden allein, hier mühten alle Juden der Welt mithelfen, und zwar schnell. Unter den vielen philanthropischen Einrichtungen, die mit jüdischamerikanischem Gelde betrieben werden, ist eine merkwürdig genug: es ist das Haus in Warschau, in dem die russischen Flüchtlinge an langen Holztischen eine warme Mahlzeit für 2A Mark ohne und für SA Mark mit Fleisch (eine solche Mahlzeit kostet in einem gewöhnlichen Gasthaus 8 bis 15 Mark) erhalten. Bei einem Diner jüdischer Notabeln der beiden Weltteile, an dem ich als einziger Nichtjude teilnahm, wurde einer der amerikanischen Finanziers von Polnischen Juden mit einem Erstaunen, aus dem zugleich deutlich ein Verweis klang, gefragt, wie es möglich war, daß die amerika-