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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-30 · Heft 5 (30.1.1920) · p. Seite 53

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 5 (30.1.1920)
Date
1920-01-30
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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53 kämpfung und Verfolgung des einzelnen Juden, lediglich aus Grpnd seiner Abstammung und verurteilte aufs schärfste die unwahvhaftige,, niedrige und. verhetzende Kampfesweise eines Teiles der antisemitischen Presse.— Dazu möchten wir für heute nur folgendes bemerken: Die Bekämpfung der jüdischen Gesamtheit führt notgedrungen auch zur Bekämpfung des einzelnen Juden, der ein Glied dieser Gesamtheit ist. Unwillkürlich; müssen wir hier an das Wort denken, das in einer, talmudischen Fabel der Biene zugerufen wird: Wir verzichten auf deinen Honig und — deinen Stich! Graf Arco! Ueber die antisemitisch-alldeutsch-monarchistischen- Kundgebungen im Anschluß an den Prozeß Arco ließen sich die Berliner alldeutschen Blätter lange Berichte drahten. Die Korrespondenten faselten von einer „direkt revolutionären Stimmung in München". Die „Kreuzzeitung" ist entzückt, daß ein leibhaftiger Graf d en Juden Ei s ner erschossen hat. Man stelle sich vor,.ein Graf erschießt einen Juden; er wird dafür zwar zum Tode verurteilt, aber von einem hohen Ministerium, in dem düs Bürgertum die Mehrheit hat, nach zweistündiger Beratung (ein Zeichen, daß es heiß hergegangen ist) ehrenvoll begnadigt, und von Studenten und ähnlichem Volk als „Held" und „Märtyrer" bejubelt — kann man sich einen besseren Auftakt für Pogrome denken! „Die Wotanverehrer mit dem Hakenkreuz", bemerkt mit beißender Ironie der „Vorwärts", „müssen aber zur guten Hälfte Wasser in ihren Wein gießen; denn Graf Arco ist zur guten Hälfte ein Jude. Seine Mutter ist eine geborene Oppenheim aus Köln. Der „alte Herr" des jungen Herrn Mörders wird seine guten. Gründe gehabt haben, als er sich herabließ, eine Frau aus der reichen Bankiersfamilie Oppenheim zu nehmen. Die Oppenheims sind tüchtige Leute. Dem. Adel zu Liebe ist -die eine Tochter katholisch geworden — die Mutter des jetzigen Heros des buntbemützten Straßenpöbels von München. Eine andere Linie der Oppenheims ist protestantisch und die dritte hat ihren. Stolz bewahrt und ist jüdisch geblieben. Vielleicht trösten sich aber Knüppel-Kunze und seine Genossen mit der Bismarckschen Theorie von der guten Rasse, die eine Kreuzung zwischen einem^germanifchen Hengst und einer jüdischen Stute ergäbe. Der junge Graf ist dann, nur ein Fall von Atavismus und das arische Blut ist bei ihm Herr über das jüdische Muttevblut geworden. Sonst heißt es zwar, daß auch die geringste Spur von Judenblut genüge, um rettungslos die ganze Nachkommenschaft zu verseuchen. Das jüdische Blut in den blauen Adern genügt aber sicherlich, um eine Tatsache zu erklären, die immerhin recht auffällig ist: der Volljude Toller hat während der Münchener Wirren dem Grafen Arco einmal das Leben gerettet. Es bleibt somit nur noch zu erklären, warum der Halbjude Arco den Juden Eisner erschossen hat. Aber wer weiß, welch jüdische Teufelei hinter der ganzen Gchchichte steckt." * Den „Posener Neuesten Nachrichten" vom 16. d. M. entnehmen wir folgenden bemerkenswerten Artikel: Neuestes Antisemitenkraut. Der Semi-Jmperator. — Rückkehr zum Wodankult. - Es gibt keinen Mist, der dem wahren und einzig echten Antisemiten zu übel duftete, um darauf Unkraut zu züchten. Aber direkt ekelhaft muß es anmuten, wenn Gelichter, das vorher sich den Bauch in ersterbender Ehrfurcht vor „Wilhelm dem'Einzigen Nr. 2" nicht Platt genug rutschen konnte, ihn, seine Mutter und Großmutter jetzt Mit dem gemeinsten Unrat bewirft, um nachzuweisen, daß-ihr angehimlnelter Kaiser von Gottesgnaden — ein I u d e ist. Trotz nahenden.. Kärnev als ist das kein Fastnachtsulk, sondern — ihnenbitter ernst. In ganz, kürzet Zeit erscheint ein bereits, druckfertig vorliegendes Buch: „Der Semi-Jmperator", nach Aufmachung und in der Art des „Semi-Gotha". Im Gothaer Kalender sind bekanntlich die feudalen Ädelsfamilien aufs genaueste verzeichnet; m „Semi-Gotha" sucht man dagegen in antisemitischer Gründlichkeit den Nachweis nach jüdischem Einschlag bei- Adligen, namentlich Frischgeadelten und adeligen Hochstaplern. Und.im Semi-Jmperator wird nun unternommen, den Exkaiser als Juden zu — „brandmarken". Aus dem Buchumschlag eine Krone mit dem jüdischen Stern.« Als Titelbild eine Momentausnahme Wilhelms in großer Uniform, wie er eine Rede hält und dabei mit den Händen „mauschelt". Ein anderes Textbild zeigt ihn im Jagdkostüm, beide Hände in den Taschen, in flegelhast-ostelbischer Junkerstellung. Eine Anmerkung fordert auf, das Bild mit der Lupe zu betrachten, und da erkennt man, daß die „erhabenen kaiserlichen Gesichtszüge mit dem eisernen Herrscherblick" durch feinlinige Untermalung ein karikaturhast-jüdisches Gepräge erhalten haben. Auch der Stammbaum am Schlüsse des Buches fehlt nicht, der allerdings von den üblichen Stammbäumen insofern abweicht, als bei der lebend und liebeslustigen Viktoria ihr — jüdischer Kammerdiener mit eingetragen ist. Man verstehe die niederträchtige Bettschnüffelei bei einer längst Verstorbenen richtig. Durch diese freie kammerdienerlichi-königliche Ehe soll jüdisches Blut in den Adern von Wilhelms Mama und in Wilhelms Adern selbst fließen. Fertig für den Semi-Gotha! Aber während dieses Buch schon im Druck war, schrien die Antisemiten bei ihrem Hindenburg-Rummel, schreien sie noch täglich in ihren Versammlungen nach ihrem — Semi-Jmperator und fordern feine Rückkehr! Gleichwertig mit diesem ebenso kläglich wie lächerlich anmutenden Treiben ist das Verhalten einer besonderen, schon stark angewachsenen Gruppe von Antisemiten, vpr denen sogar den antisemitischen Geistlichen himmelangst wird. Diese Leutchen erstreben die Rückkehr zum Wodankult, als der einzig wahren echt teutschen Religion; das Christentum ist ihnen zu — verjüdelt; war doch ihr Stifter, Jesus Christus, ein Jude! Sie datieren ihre Zeitungen infolgedessen auch nicht mehr z. B. 15. Dezember, sondern — nach dem Wodankult. — 15. im Julmonat! Dieses unglaubliche Gehabe macht sich so stark in Antisemitenkreisen bemerkbar, daß bereits christliche Geistliche in Wort und Schrift dagegen austreten. Aber, was ein waschechter antisemitischer Pfarrer ist, der wird sich auch mit der Zeit noch zum — Wodanpriester zurückentwickeln können. Man sieht jedoch, im Semi-Jmperator wie im Wodankult der Antisemiten, wie ihre Bosheit und Niedertracht sich mit Hartnäckigkeit und Dummheit paart. Alles Eigenschaften, die unsägliches Unglück stiften müssen, wenn man ihnen nicht fortgesetzt und zielbewußt mit Aufklärung entgegenarbeitet. Aerrtzerrrngen des Grandrabbin von Frankreich. Aus einer längeren Unterredung, die der Herausgeber, der „I. P. Z." mit Professor Israel Lev i, dem Grandrabbin von Frankreich, hatte, geben wir folgende Aeuherungen des Grandrabbin wieder: Durch den Zuwachs, den das französische Judentum durch die elsässischen Juden erfährt, wird die bisherige Richtung der französischen Judenheit im allgemeinen nicht wesentlich geändert. Die Juden der Provinz richten sich nach Paris, von wo aus die Orientierung in jüdisch-politischer Hinsicht auch weiterhin erwlgt. Dagegen erhält das religiöse Element der französischen Judenheit — besonders in den großen Städten — durch das Hinzukouumn der elsässischen jüdischen Gemeinden eine erwünschte Stärkung, was sich erfreulicherweise bereits bemerkbar macht. Der gesteigerte Zug nach der Stadt aus den Dörfern, wo natürlicherweise das religiöse Leben fester verankert ist als in den. Städten, in denen im härteren Kampf ums Dasein die religiösen Schranken allzu leicht beseitigt werden, hat schon während des .Krieges und noch, mehr seit dem Waffenstillstand zugenommen. .Als der. Grandrabbin kürzlich die Jüdische Gemeinde von Straßburg besuchte, zeigte man ihm eine Liste von mehr als zweihundert, jüdischen Familien, die seit der Unterzeichnung - des Friedens aus kleinen Ortschaften, nach Straßburg gezogen sind. Diese Familien bringen noch die alten traditionellen jüdischen Gebräuche mit und .tragen zur Wiederbelebung und Kräftigung des geseWtreuen jüdischen Lebens in den städtischen Gemeinden viel bei..

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