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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-30 · Heft 5 (30.1.1920) · p. Seite 50

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 5 (30.1.1920)
Date
1920-01-30
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 bares Symbol. Sie bildet eine Psychische Befreiung; eine solche ist auch die Wirkung der starren Form in der religiösen Observanz. Ein Joch fällt durch sie von der Schulter, und diese wird'frei für die Last des täglichen Daseins. Die Form bedeutet, daß über eine wichtige Idee die Akten geschlossen sind: Daran ist nicht zu rühren, dafür setze ich. mein Leben ein; der Gedanke ist für mich so zwingend, so zweifellos und vor jeder Antastung geschützt, daß ich die ihn festzuhalten bestimmten symbolischen Handlungen bereits mit vollster Gemütsruhe als etwas ganz Gleichgültiges und Gewohnheitsmäßiges vornehmen und diese Zeichen und Dokumente als greifbaren Ausdruck meiner Ueberzeugung den folgenden Generationen weitergeben kann. Es ist psychologisch auch begründet, daß eine Tätigkeit um so eher scheinbar mechanisch geübt werden kann und der Geist sich um so ruhiger den äußeren belanglosen Einzelheiten ^derselben zuwendet, ' je sicherer deren Bedeutung und Tragweite feststeht und nach der prinzipiellen Seite jede weitere Reflexion überflüssig geworden. Wenn der Satz: „Weahawta eth adonai eloScha" auf Pergament geschrieben in den Tefillin eingeschlossen ist, so bedeutet dies nicht, daß er dem Geiste und dem Herzen entrückt ist, sondern, daß er eine reale Bedeutung erlangt hat, und das Zeichen hierfür ist gleichsam die tägliche Erinnerung au ein feierliches Gelübde. Wenn die wöchentlich wiederkehrende vollständige Unterbrechung der Arbeit durch, die Sabbatfeier, wenn diese seit uralten Zeiten geübte, bedeutsamste Demonstration der jüdischen Religiongemeinschaft der Welt gegenüber — ein allgemeiner Streik mit dem ausgesprochenen einzigen Zweck, das geistige Prinzip, den moralischen Sinn und die heilige soziale Bedeutung aller menschlichen Arbeit hervorzuheben — in der Mischna zum Gegenstände detaillierter, streng zu beobachtender Vorschriften gemacht wurde, so bedeutet dies nicht, daß die lebendige Kraft des Gedankens der Institution und die innige Freude an ihr sich vermindert hätten. Es bedeutet, daß die Institution längst zu einer Art unbezwingbaren Festung im geistigen wie im realen Leben geworden, so daß in ruhigen sachlichen Verhandlungen die Einzelheiten ihrer Durchführung und Ausschmückung erörtert werden können"). Unabhängig von diesem durch dritthalbtausend Jahre unserer Geschichte, seit dem Babylonischen Exil, hervorgetretenen unablässigen Bestreben, den geistigen Inhalt der Ueberlieferung zu wahren, und teilweise parallel mit diesem Bestreben, hat sich in manchen Perioden der Drang bemerkbar j gemacht, die physische Existenz der Gemeinschaft und deren materielles Wohlergehen in den Vordergrund zu stellen. °) Der Dichter CH. N. Bialik hat mit wahrhast künstlerischem Verständnis jüngst in einer Abhandilung über die schöpferische Kraft der Hailacha unter zahlreichen Beispielen auch darauf hingewiesen: „Die Kinder Israels haben ihre herrliche Schöpfung, den heiligen und erhabenen Tag, die .Königin Sabbat'. In der Phantasie des Volkes ivurde sie zu einem lebendigen Wesen — alle Dichter Israels von üinbbi Jehnda Hcilcvi bis Heine stimmten ihr Lieder und Gesänge an. Ist sie nicht durchaus eine agadische Schöpfung, ist sie nicht selber eine Quelle des Lebens und der Heiligkeit für eine ganze Nation und ein nnvcrstcglichcr Born der Inspiration für die Dichter und Sänger? Und trotzdem, wer könnte sagen, wer entscheiden, wessen Schöpfung sie ist, durch wen sie das wurde, was sie geworden, durch die Halacha oder durch die Agava? — Das meiste (in den bezüglichen. Talmud- ■ traktaten) stich Untersuchungen und halachische Einzelheiten über die 39 verbotenen Hauptarbeiten und ihre Unterarten und über. die Bestimmung, von - Bereichen , .§ine," -hchhe.7 wattige Geistesarbeit, ameisenhaft und gigantisch, zugleich, - eine,; Arbeit um ihrer selbst willen und aus Liebe und-schrankenlosem Glauben — unmöglich konnte, sie. ohne Inspiration entstehen." -(In der Wochenschrift.„Hazesira" jSUjL Deutsch vgn! G>^Scholenr,;L>er j Jude" IV, 83.) .: . . Es erschien dann in weiten Volkskreisen der Staat und die politische Macht als das einzig wünschenswerte Ziel. Prinzipiell bedeutete jedesmal der Wunsch: „Wir wollen sein wie alle anderen.Völker" eine Preisgebung dev umberfalistischen religiösen Tradition. Der Antagonismus zwischen dem Religions- und dem Staatsgedanken war) wenn dieser Selbstzweck wurde, ein ganz unvermeidlicher. Es scheint, daß schon' oie kurze weltliche Herrschaft 'der maKabäischen Fürsten die Autorität der religiösen Ueberlieferung stark erschütterte, so daß sie erst durch Hillel aus Babylonien wiederhergestellt werden konnte. Als durch Sabbatai Zewi die politische Hoffnung in einer Zeit starker Depression belebt wurde, wuchs in weiten Kreisen seiner begeisterten Anhänger die Geringschätzung des Religionsgesetzes. In instinktiver Erkenntnis der Gefahr wehren sich in unserer Zeit Chassidim und ein großer Teil der sonstigen Orthodoxie trotz aller beschwichtigenden Argumente mit Entschiedenheit gegen den Zionismus.! Der aus der geschichtlichen Erfahrung bekannte Gegensatz muß. aber nicht notwendig in jedem Zeitalter und in jeder Welt-, läge bestehen. Daß der staatspolitische. Sinn in der Vergangenheit nie Bestandsahiges gestalten konnte, beweist für die Zukunft nichts, aber sicher kann er nur in Verbindung mit dem religionspolitischen universellen Gedanken seine volle Kraft entsalten. Was in früheren Generationen nicht möglich war, kann vielleicht unter vollkommen geänderten Verhältnissen durchführbar werden: daß eine nationale staatliche Organisation auch für die ideelle Weltstellung des Judentums zu einem positiven Stützpunkte werde. Es kann davon nicht die Rede sein, daß der nationale Egoismus zur zentralen Idee avanciere. Die Mederherstellung eines hebräischen Nationalstaates hat gerade dann erst als Ziel eine große Bedeutung, wenn sie mit dem vollen historischen Pathos der seit den biblischen Zeiten wirkenden Idee angestrebt wird, durch welche wir uns bis jetzt erhalten haben. Die modernen Kommunikationsmittel haben die Völker der Welt bereits so ong untereinander verbunden, daß kein Volk gegenwärtig abgesondert bleibt, selbst wenn eS auf ein bestimmtes Territorium beschränkt ist. Man kann jetzt von Palästina aus durch ganz Europa in so viel Tagen reisen,- wie.man in alten Zeiten von Jerusalem nach Damaskus gebraucht hat. Ferner ist durch die Presse die Hebung der allgemeinen Volksbildung und die kulturelle Solidarität der Einfluß führender Denker international geworden, unabhängig vom Lande ihres Aufenthaltes und von >der Sprache, in der sie schreiben. Anderseits aber wird den Juden in der Zerstreuung durch die Entwicklung eines sehr empfindlichen und anspruchsvollen nationalen Bewußtseins der herrschenden Mckjorität in den meisten europäischen Ländern die Erziehung ihrer Kinder im Geiste der Vorfahren, mit ausreichender Kenntnis des Hebräischen oder auch nur des biblischen Schrifttums, ungemein erschwert. Der obligate staatliche Unterricht, der Geist und Willen der. Jugend absorbiert, hat eine gleichförmige und einseitige Ausbildung nach vaterländischen Gesichtspunkten zum Ziele. Da auch das gesellschaftliche Leben, und die wirtschaftlichen Interessen mit aller Macht in diese Richtung drängen, so werden die Dämme der jüdischen Erziehung, wo die Familie sie mit der größten Sorgfalt errichtet, meist unterwühlt, und es gehört ein ungewöhnliches Heldentum dazu, auch nur einen Teil des traditionellen geistigen Lebens vor der Sturmflut zu retten. Demgegenüber könnte ein großes volkstümliches Zentrum auf einfache und natürliche Weise die Möglichkeit gebendaß neue kraftvolle jüdische Generationen herangebildet werden, die den geistigen Kontakt mit der ganzen Welt ausrechterhalten und durch , ein von nationaler Unabhängigkeit hervorgerufenes 'i entwickelteres Selbstgefühl einen um fß. größeren Einfluß ausüben könnten.. 7=

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