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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-30 · Heft 5 (30.1.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 5 (30.1.1920)
Date
1920-01-30
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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84. Jahrgang. Nr. 5 Berlin, 30. Januar 1920 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Ahonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 NI. — Postscheckkonto.324. Begründet von Ssddiner vr. Ludwig Philipp fon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition.sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. System und Weltstellung des Judentums. Von Tr. Tßt-HHIULL. Armand Kaminka. — Die Woche. — Namensänderungen. Von Dr. Willy Cohn. — Fünfte ordentliche Mitgliederversammlung der Deutschen Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge. — Zur Methodik des jüdischen Geschichtsunterrrchts. Von Bezirksrabbiner Dr. Beer mann (Heilbronn). — Feuilleton: Benjamins Liebeslied. Roman von Samuel Meifels. — Das Lied am Meer. Von Dr. Phil. I o s e f Z o l i n s k i. — Literarische Mitteilungen. Dev Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung dos Judentums"): Berlin, Breslau, Schivelbein, Witten, Hildesheim, Mainz. — Von Nah und Fern. __ Lyltrm und Wrltltellung des Judentums. Von Dr. Armand Kaminka. III. Der praktische Bestand der Religionsgemeinschaft. er Zwiespalt im Leben des Menschen, der nicht nur eia denkender Geist, sondern auch ein leibliches Wesen ist, zwingt ihn, je mehr er aus seine Gedanken Gewicht legt, Kompromisse mit der Wirklichkeit zu schließen und manches von seinem Ideale Pveiszugeben, um die unerläßliche -materielle Existenzbasis zu sichern, aus welche er für die Verwirklichung des übrigen angewiesen ist. Die Konzessionen an die Wirklichkeit sind gerade um so größer, je,mehr es darauf ankommt, Ideen nicht nur für sich allein, sondern auch für die Welt zur Geltung zu bringen. Der indische Fakir, der in freiwilliger äußerster Armut auf die Erlösung vom Dasein wartet, kann ein Minimum Praktischer Klugheit -nicht entbehren, welche, solange er atmet, zur Erfüllung seiner unmittelbaren leiblichen -Bedürfnisse erforderlich -ist. Diejenigen aber, welche die menschliche Gesellschaft nicht meiden, sondern aufsuchen -und in ihr wirken wollen, müssen auf Schritt und Tritt die nach Ort und Zeit geeigneten Praktischen Mittel suchen. Schon wenn durch einfache Rede -auf eine Menge von Zuhörern oder durch eine Schrift -auf viele Leser -gewirkt werden soll, ist die Darstellungskünst ein Suchen nach Praktischen Mitteln, um den in seiner Einfachheit und -vollen Tragweite der Menge nicht leicht erreichbaren Gedanken durch die dem schwächeren Verstände entgegenkommenden Bilder, durch rhetorische Kunstgriffe, durch eine Popularisierung, welche häufig eine Trübung bedeutet, begreiflich zu machen. In diesem Sinne war die Religionsgemeinschaft seit den ältesten Zeiten im Interesse einer Verwirklichung ihrer Grundideen auf die Wahl der durch die Zeitverhältnisse bedingten praktischen Mittel bedacht. Nicht nur -die meisten Gebote und Bräuche sind dadurch zurrklären, sondern selbst die Errichtung des Tempels und der ganze Kultus -in -demselben bildeten nach der Auffassung eines so tief religiösen Mannes wie Jehuda Hä-levi' nur eine Konzessionan die Bräuche der Völker des Altertums. Von diesem Gesichtspunkte ist die Technik der Organisation zu beurteilen, /welche die Religionsgemeinschaft angewendet hat, indem sie eine unvergleichliche innere Disziplin durch ein System minutiöser, das tägliche Leben nmspannender Vorschriften schuf. Es ist ein System, durch welches eine absolute Beherrschung des menschlichen Willens angestrebt wurde, um ihn — mit derselben Sicherheit und Genauigkeit, welche in den Naturgesetzen erscheint und mit welcher die Sonne ihr Licht spendet — in den Dienst seiner höchsten -Aufgabe zu stellen. (Der Par-allelismus wird besonders deutlich in Psalm 19 und in den beiden kurzen, dem Sch'ma vorangehenden Abendgebeten zum Ausdruck gebracht.) In der vorigen Generation galt es (besonders in der Schule der „Maskilim") als Zeichen der Aufklärung, gegendie Starrheit und die Tyrannei der Vorschriften Angriffe zu richten. Die vollkommene Präzision und unerbittliche Gewissenhaftigkeit bei scheinbar gleichgültigen Handlungen wurde als unerhörte Forderung des Rituals, -die auferlegte Einschränkung im täglichen Leben als unerträgliche Last hingestellt. Nun ist eine straffe Organisation an sich nur ein praktisches Hilfsmittel, unddie lückenlose Pflichterfüllung seitens jedes einzelnen, selbst in den kleinsten Dingen, wird bei der staatlichen Verwaltung wie in jeder für wichtige Interessen bestehenden privaten Gesellschaft als selbstverständlich vorausgesetzt. Es kann allerdings bei Anwendung äußerer Mittel, selbst bei militärischer Strenge, nicht -auf jene ideale Gewissenhaftigkeit gerechnet werden, zu welcher das eigene religiöse Gefühl den -einzelnen veranlaßt. Der Staat, wie jede Organisation, die einen Gesambwillen verkörpert, darf vom einzelnen indem Maße die Verzich-tleistnng auf -das -eigene Wohl und die vollkommene Subordination verlangen, als ihm ein Aequivalent durch die Gewißheit geboten wird, daß mit diesem Opfer sein selbst g ew ü n s ch t e r Anteil am gemeinsamen Werke inder zweckdienlichsten Weise geleistet wird und er -dadurch s e e l i s ch ent l -a st e t werden kann. Er darf dann mit Ruhe sein Denken und seine Energie auf andere; Ziele richten. Nichts anderes geschieht durch den religions-gesetzlichen Apparat. Wenn dabei von einer Erstarrung oder „Versteinerung" gesprochen wird, so ist sie allerdings in -gewissem Sinne vorhanden undganz unvermeidlich. Jedes zum Abschluß gebrachte Werk kann als starrgewordene Summe des auf seine Vollendung gerichteten, im Flusse gewesenen Willens -betrachtet werden. Der -erste Mensch, der zum Schutze vor Wind und Wetter sich ein Haus erbaut hat, fand in diesem später -gewohnheitsmäßig seinen täglichen Schutz, unddas Bedürfnis danach wurde versteinert. Das Streben nach einer nationalen Organisation erreicht das Ziel durch die starre Form eines Staates, der Wunsch nach, sozialer Gerechtigkeit durch ein System starrer Gesetze. Die Verdichtung, und Realisierung eines Gedankens geschieht durch Schaffung eines.festen, nicht mehr von schwankenden Erwägungen und vorübergeihenden Stirnmungen abhängigen Gebäudes- und erreicht subjektiv den Abschluß durch ein faß-

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