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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-23 · Heft 4 (23.1.1920) · p. Seite 48

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 4 (23.1.1920)
Date
1920-01-23
Page
Seite 48 (sequence 12)
Language
German
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48 ' Zuletzt trat Benjamin zu Menachem hin. - - Er befand sich in der Betstube, ohne selbst zu wissen, aus welche Weise er dorthin gelangt war. -(Fvrts<a,„na folgt.) Lrskkrüchtr. In seinen ungemein interessanten gemütvollen „Jugenderinnerungen"^ berichtet Oberhofprediger Karl Gerok (Stuttgart), geboren 1815, gestorben 1890: „... ich erwähne hier noch eine (Gestalt aus den frühesten Kinderjahren, die sich mir eigentümlich eingeprägt hat. Unsere Jungfer Katharina hatte auf irgendeinem Spaziergang die intime Bekanntschaft einer jüdischen Jungfrau mittleren Alters gemacht, die sie hin und wieder abends auf ein Plauderstündchen besuchte, .wobei eins von uns - Kindern mitdurfte. Ten Vorzug, Israeliten jedes Standes, Alters und Geschlechts aus Schritt und Tritt zu begegnen, genoß man in dem Stuttgart der zwanziger Jahre, der kleinen altevangelischen Hosbeamten- und Weingärtnerstadt, noch nicht wie heute, wo Fabriken und Bankhäuser tute Pilze aus dem Boden schießen und die glänzendsten Gebäude und Geschäfte meist den gewandten Söhnen Jakobs, die augenfälligsten Toiletten auf Straßen und Promenaden durchschnittlich den schwarzäugigen Töchtern Rahels gehören. Es war deshalb imüier ein Ereignis, wenn tutr unsere „Jüdin" besuchen dursten. Sie wohnte in der engen finsteren Schulgasse in ei nein düsteren alten Hause. Zwei oder drei steile Treppen stolperte man zu ihrön Gemächern hinaus, in welchen auch am Hellen Mittag im hohen Sommer ein geheimnisvolles Helldunkel herrschte. Sie war eine hagere 'Gestalt mit edelgeförmtem blaßgelben Gesicht, dunklen Augen und schwarzen Haaren, aus denen ein Paar goldene Ohrgehänge hervorsunkelten, und trug sich immer dunkelbraun. Ihre Unterhaltung war, unähnlich der geräuschvollen Lebendigkeit ihrer Stammesschwestern, ruhig, ernst, oft geheimnisvoll flüsternd. Wunderbare Gerätschaften, hohe geschnitzte Kasten und dunkle messingbeschlagene Schränke, in welchen wir allerlei orientalische Schütze mehr ahnten als sahen, erfüllten das enge Gemach. In der Oskerzeit bekamen wir dort „Matzen", ungesäuerte Brotflnden, zu kosten, wir fanden sie aber keineswegs schmackhaft und lobten uns dagegen unsere bunten Ostereier und süßen Osterhasen. Auch ein blasser, schöner jüdischer Jüngling, Herr Ehailly, der monatelang zum Vater kam, um sich im christlichen Glauben unterrichten zu lassen, dabei gegen uns Kinder sehr freundlich war und uns schöne Kreidezeichnungen machte. Namentlich ein Ehristuskopf mit der Dornenkrone gab mir einen interessanten Eindruck von jenem wunderbaren Volke." Aus seiner Studentenzeit bemerkt er: „Mit meinem Altersgenossen Berthold Auerbach kam ich während seines kurzen Tübinger 'Aufenthalts in keine Berührung." Breslau. R e g i n a N e i ß e r. Literorilche Mitteilungen. — Dr. Josef M e isl: Haskalah. Geschichte der Aufklärungsbewegung unter den Juden in Rußland. Berlin 1919, C. A. Schwetschke u. Sohn, Berlagsbuchhandluug. VIII und 229 Seiten. Endlich ist das längst' Erwartete, .eintz' Geschichte-der Anstlärungsbewegnng unter den rn.ss ifchen I uden, geschrieben;.. Ter 'Verfasser, der das Thema allseitig beherrscht, hat mit.immensent Fleiß nicht allein die gesamten, in dieses Gebiet einschlägigen Literaturerscheinungen in hebräischer, 'deutscher, .'russischer, polnischer und anderer Sprachen zu einer anschautichen Darstellung zn-sannnengetragen, sondern er hat sie auch großzügig-kritisch beleuchtet. Ter Verfasser beginnt mit 1 den kulturellen Wandlungen der post Mendelsjohnschen Epoche in Deutschland, welche nach dem Osten übergingen, und wo sie sich im Wändet der Zeitläufe zu einer ausgeprägten jüdischen Kultur verdichtet hatten. Doch der Einfluß' der jüdischen Gelehrsamkeit in Deutschland bleibt noch immer ein wesentlicher Bestandteil der Haskalah in Rußland. Entgegen mancher Anzweifelung. des vorliegenden Werkes (S. 84—100) war der Kulturversuch L i l i e n t h a l s 1842/43 entschieden von gutem Glauben und edler Gesinnung getragen; bloß die Nikolaewsche Regierung mit f) Sechste Auflage. Bel Hagen L. Klasing, Bielefeld und Leipzig. 1898. ihren- Russifizierungsplandn ist ganz allem mit der Schuld des Mißlingens ewig belastet. (Bgl. meine Abhandlung „Ein deutscher Pronier", „Allgemeine Zeitung des Judentums" 1911 und Sonderabvruck.) Auch MM Meist (S. 142) selbst an, daß später kein Geringerer als Eh. S. Slonimski während seiner Amtstätigkelt als Direktor der -Räbbinerschnle in Litvmir (1862- 1873) „die Pflege des Deutschenin erster Reihe gewollt hatte, im Interesse der jüdischen Wissenschaft, derenbedeutendste Schöpfungen in dieser Sprache erschienen waren". Und wiederum waren es Nussisizierungswünsche, die dagegen wirkten. Jur weiteren Verlaufe der KuÄlit-entw-ickelirng zeichnet Dr. Meist (S. 133) den reichbegabtien jungen Dichter M. I. L eben so h n; als er 'anfangs die Saiten feiner Leier zum Lobe Homerischer Helden auskliugen läßt, habere c8 die großen. Wilnaer Aufklärer, deren Standpunkt geloiß tief im nationalen jüdischen Leben verankert war, begeistert ohne jede Einwendung hingenommen. Erst Zunz und Luzzato Haben ihn zur Wahl jüdischer Themen angeregt, speziell Zunz wies den jungen Dichter hin: „Statt der Gedichte fremdsprachlichen Inhalts lieber die Zionsharfe zur Hand zu nehmen, die noch immer 'des Meisters harre." Und diesem deutschen Rate folgend, sind die herrlichsten Zionsgesänge entstanden, die vom Balsanchauch Palästinas durchweht waren und die hehren Gestalten der Bibel feierlich vorführten. (Vgl. mein Gedenkbl-att zum 65. Jahrestag des Ablebens Micha Josef Lebensohns in der „Jüdischen Presse" 1917, Nr. 8.) Das Werk im großen und ganzen bildet in sich eine Geschichte der jüdischen Literatur der letzten hundert Jahre und mithin einen wertvollen Beitrag zur allgemeinen Kulturgeschichte der Juden. Einige nur scheinende Jrrtümer, welche aber keinesfalls die Bedeutung des Buches vermindern, möchte ich berichtigen: In der Transkription russischer Worte ist wohl richtig, wenn der Verfasser den siebenten Buchstaben des russischen Alphabets als s bezeichnet: Vo losin, Sitomir, Peresitoe (Anmerkungen), aber es klingt korrumpiert, wenn, er auch den Buchstaben Sch ebenfalls als 8 schreibt: Orsanskh (S. 158) statt Orschansky, Lersewsky (S. 110) für Scherschewsky sowie die Städtenamen: Kisinew (Kischinew), 8avli (für Schmoll,, Schaulen) usw. Das Buch des Grammatikers Salomon Hanau ,,Zohar hateiwoh" rDjpn nennt Meist (S. 17) „Sohar hatewah". Die Geburtsstad-t Salomon Maimons heißt doch Nieswies, nicht Nt-esziefz (S. 30). Tie Städte Kopec und Kvpis (S. 70) sind ein und dieselbe Stadt. Der Abschluß der Mendelssohnschen Uebersetzung des Pentateuch geschah 1783, und es ist wohl ein Druckfehler, wenn (S. 14) 1883 steht. Die ä.lt,eiste hebräische Wochenschrift „Hamagid", heißt es (S. 166), ist 1865 begründet worden, während es tatsächlich zehn Jahre früher (1855) der Fall war. S. 85 nennt Meifel den Philanthropen m Minsk für die Ausklärnngsbewegung David Lin in, der Mäzen heißt aber David Lurie. Zugleich auch den Führer der Maskitim in Minsk Perl Bompi, welcher aber B e r B o m p i heißt., und ist auch der S. 114 angeführte ausgezeichnete Bibliophile Jssachar Bompi in Minsk ein und derselbe, denn Jssachar ist synagogal Verbindungsnanre mit Ber. Der Dichter and Publizist J e ha l e l wird S. 185 mit dem Vornamen David-benannt, den er gar nicht führt, sondern Jehuda Leib Lev in genannt Jchalel. In den Anmerkungen Note 580 nennt Meist die seit 1884 erschienenen hebräischen Jahrbücher und Tageszeitschriften, unterläßt aber das älteste Jahrbuch „Haafsis", herausgegoben von Sokolow, das am längsten existierte (1884—1893) und von mindestens ebensolcher Bedem.uing wie die ansgeführten war. Es gibt auch weitere ähnliche kleine Unstimmigkeiten, welche wir in den. ferneren Auslagen berichtigt haben möchten. Denn das Werk verdient weiteste Verbreitung und mithin mehrere verbesserte Auflagen. Memel. Leon Scheinhaus. ' Lrrichtigmlg. Das in der Ntrmmer 51 vom 19. Dezember 1919 besprochene Buch Marek Scherlags: „In der Fremde, Neue Judenlieder" ist nicht im Indischen Verlag, sondern bei Axel Juncker (Berlin) erschienen. Tiy Redaktion.

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